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Tschad
Gefälschte Medikamente von falschen Doktoren

Medizinische Versorgung ist im Tschad eine Frage des Einkommens. Weil die Armut groß ist, sind Medikamente für viele Menschen unerschwinglich. Deshalb greifen viele auf Angebote falscher Doktoren zurück, die unter der Hand Arzneien anbieten: billig, aber oft gefälscht und deshalb gefährlich.

Von Jens Borchers | 21.12.2017
    Eine mit dem HIV-Virus infizierte Frau nimmt am Freitag (11.05.2007) in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Gulu in Uganda ihre Medizin ein.
    Immer mehr Menschen im Tschad kaufen bei schwarzen Apotheken, doch deren Medikamente sind gepanscht und oft lebensgefährlich. (picture-alliance/ dpa - Frank May)
    Mariame Gorsou verlässt das Krankenhaus in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad. Auf dem Arm hat sie ihren Sohn. In der Hand ein Rezept für Medikamente, die sie in der Apotheke des Krankenhauses kaufen wollte:
    Ihr Sohn hat Malaria, erzählt Mariame Gorsou, sie muss Medikamente kaufen, die ihr der Arzt im Krankenhaus verschrieben hat. Zehn Euro sollten die in der Apotheke der Klinik kosten - so viel Geld hatte sie nicht, sagt die junge Mutter. Aber ihr Kind brauche die Arznei. Deshalb ging sie zu einem Choukou-Doktor.
    Choukou-Doktoren - so nennt man im Tschad Läden, die billig Medikamente verkaufen. Mariame Gorsou sagt, bei dem Choukou-Doktor koste die Arznei für ihren Sohn nicht zehn Euro, sondern nur einen Euro. Als sie die Medizin dann wieder dem Arzt im Krankenhaus zeigte, bekam der einen Wutanfall und beförderte sie in den Müll. Wahrscheinlich gefälscht, meint der Arzt, und damit viel zu gefährlich - wie so viele Medikamente in Afrika.
    "Nierenversagen, Hepatitis oder Bluthochdruck"
    Dennoch kaufen immer mehr Menschen im Tschad bei den schwarzen Apotheken. Masna Racksala, der Präsident des Apothekerverbandes im Tschad, sagt:
    "Alle Medikamente, die legal ins Land kommen, sind kontrolliert. Aber was auf der Straße verkauft wird, das hat zu einem Anstieg etlicher Krankheiten geführt: Nierenversagen, Hepatitis oder Bluthochdruck."
    Für diejenigen, die solche Arzneien für wenig Geld kaufen und dann auch einnehmen, kann das sehr teuer werden. Entweder, weil die durch die Fälschungen ausgelösten Krankheiten behandelt werden müssen. Oder, weil die Patienten sterben:
    "Gefälschte Malaria-Medikamente – sie töten! Gefälschte Antibiotika – sie töten!"
    Das ist Marc Gentilini. Der Mediziner arbeitet für die Chirac-Stiftung, die seit Jahren versucht, Aufmerksamkeit für die grauenhaften Folgen gefälschter Medikamente in Afrika zu wecken. Mindestens 100.000 Menschen sterben pro Jahr in Afrika, weil sie Arzneien nahmen, die gar nicht wirken oder vergiftet waren. Das schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Und für die Fälscher, sagt Marc Gentilini von der Chirac-Stiftung, ist das ein riesiges Geschäft.
    "Dieser kriminelle Handel ist extrem rentabel – 45mal so profitträchtig wie das Geschäft mit Drogen."
    Razzien gegen gepanschte Medikamente
    Verschiedene westafrikanische Staaten reagieren mittlerweile mit Razzien auf Märkten, auf denen Choukou-Doktoren Medikamente zweifelhafter Herkunft verkaufen. In Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste beispielsweise, gab es eine Groß-Razzia. Die Polizisten und Vertreter des Gesundheitsministeriums fanden riesige Mengen gefälschter Medikamente. Und verbrannten sie dann medienwirksam vor den Kameras lokaler Sender. Interpol arbeitet ebenfalls mit den Behörden afrikanischer Staaten zusammen. Aber angesichts der riesigen Mengen an gepanschten Medikamenten sagt Marc Gentilini:
    "Die Aktionen von Polizei- und Zoll-Behörden, lokal oder international, mit Unterstützung von Interpol, sind sicherlich effizient und spektakulär. Aber es sind Eintagsfliegen."
    Musiker warnen in TV-Spots
    Mehr internationale Zusammenarbeit könnte helfen. Mehr Investitionen in die Gesundheitssysteme von Staaten wie Tschad, Benin oder Burkina Faso auch. An der Elfenbeinküste versucht man es mit Aufklärungskampagnen. Magic System ist eine der prominentesten Musikgruppen im Land. Die Musiker warnen in dem TV-Spot - Medikamente von der Straße sind tödlich.
    Das Problem ist nur, Weltgesundheitsorganisation, die Experten in den afrikanischen Staaten und in Europa sind sich einig: Das kriminelle Geschäft mit gefälschten und gepanschten Medikamenten schadet vor allem den Ärmsten. Denjenigen, die kaum Geld für Ärzte und Medizin aufbringen können. Im Tschad, vor dem Zentral-Krankenhaus der Hauptstadt N’Djamena, sagt der Familienvater Sabour Assane:
    "Wir wollen doch nicht einfach sterben, weil die Medikamente in der Apotheke zu teuer sind. Das ist doch der Grund, warum wir zu den Choukou-Doktoren gehen. Trotz aller Risiken, die damit verbunden sind. Sonst sterben unsere Kinder oder wir selbst. Wenn man das Geld für die Apotheke einfach nicht hat - was sollen wir denn machen?"