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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturZeitzeugnis einer Neunjährigen22.06.2015

Tschetschenienkrieg Zeitzeugnis einer Neunjährigen

Polina Scherebzowa war neun Jahre alt, als der erste Tschetschenienkrieg ausbrach. Das junge Mädchen schreibt über Jahre Tagebuch. Dieses beeindruckende Zeugnis für den Überlebenswillen einer jungen Frau in Grosny ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Von Sabine Adler

Polinas Sorgen sind viel zu groß für eine 12-Jährige. Am 21. Dezember 1997 schreibt sie:

"Mich hassen viele, weil sie mich für eine Russin halten. Weil russische Soldaten ihre Verwandten getötet haben."

Wegen ihres russischen Vornamens ist sie Freiwild in Grosny. Dass ihr Vater kein Russe, sondern Tschetschene ist, zählt nicht, die Eltern haben sich vor ihrer Geburt getrennt.

"9. März 1999: Neulich habe ich mein kleines Kreuz verloren. Ich kam in die Schule, der Lehrer hatte es in der Hand. Sofort lachten alle und zeigten auf mich, das 'Russische Schwein', das insgeheim ein Kreuz bei sich trägt. Der Lehrer warf es vor aller Augen in den Mülleimer. In unserer Familie gab es viele Glaubensrichtungen. Es gab Christen, Muslime, Buddhisten. Ich habe beschlossen, Heidin zu werden. Mir gefallen die alten griechischen Götter. Ich sehe sie in meinen Träumen.
Polja"

Polina Scherebzowa, heute 30 Jahre alt, begann mit dem Tagebuchschreiben als Neunjährige. Ein Naturtalent. Während der Tschetschenienkriege von 1994 bis 1996 und von 1999 bis 2002 füllte sie Heft um Heft mit den Beobachtungen ihres Kriegsalltags. Ein wertvolles Zeitzeugnis eines ebenso begabten, wie fantasievollen, starken und zugleich sensiblen Mädchens. Mal flüchtet es sie sich in die Literatur - Polina kann schon mit vier Jahren lesen - mal in ihre Märchenwelt. Der Stil ist knapp, präzise, nirgendwo larmoyant, dabei gäben die Schilderungen dessen, was ihr widerfährt, Anlass für Selbstmitleid und Klagen. Die kleine Polina weiß sich, erstaunlich entschlossen zu wehren. In der kriegsverrohten Gesellschaft, in der alle Regeln außer Kraft gesetzt sind, prügelt sie sich durch die Schule, und muss dabei selbst viel einstecken. Mit Meditation und Yoga, das sie von der Mutter und aus Büchern lernt, findet sie seelisch Halt und Stärke, vor allem gegenüber der Mutter. Die ist für die Tochter so schwierig einzuschätzen, wie die Gefechtslage im Krieg. Polina vertraut sich dem Tagebuch an:

"18. Dezember 1997: Mama sagt: 'Ich habe dich in die Welt gesetzt, ich bring dich auch um!' Ich habe Fieber. Bestimmt bin ich krank. Angina. Ich habe große Angst davor, krank zu sein. Mama schimpft dann nur, dass ich nichts verkaufe, nicht aufräume, wenn ich krank bin."

Morddrohungen nach der Veröffentlichung der Tagebücher

Die Mutter ist von den Schrecken des Krieges völlig überfordert und neigt zu hysterischen Ausfällen. Die unberechenbaren Gewalt- und Hassausbrüche der Mutter gegen ihre einzige Tochter gehören zu den beklemmendsten Momenten auf den über 500 Tagebuchseiten. Polina Scherebzowa hat Tschetschenien und Russland nach der Veröffentlichung der Tagebücher vor einigen Jahren verlassen. Grund waren Morddrohungen. Heute lebt sie im politischen Asyl in Finnland, wo genau, sagt sie aus Sicherheitsgründen nicht. Per Skype-Verbindung erklärt sie das Mutter-Tochter-Verhältnis von damals:

"Es war, als sei sie die Tochter und ich die Mutter. Ich muss sie versorgen, auch wenn sie kapriziös ist, randaliert, sich aggressiv gebärdet. Ich kümmerte mich um Medikamente, Lebensmittel - eigentlich bis heute."

Die Mutter ist auf die Tochter mit dem Messer losgegangen, hat sie oft geschlagen, ihr im Alter von zehn Jahren den Kopf kahl geschoren, weil das Mädchen während eines Luftangriffs vor Angst die Öllampe hatte fallen lassen. Polina wird bei einem Bombenangriff verletzt, in ihrem Körper stecken über zehn Metallsplitter, trotzdem pflegt sie die Mutter nach einer Herzattacke.
Wie viele Teenies schreibt sich Polina ihre erste Liebe, Schwärmereien und Enttäuschungen von der Seele.

"23. März 1999: Bis zum 5. April brauchen wir nicht zur Schule. Auch wenn es kalt ist in der Klasse, ich keinen Stuhl habe und wenig Unterricht und ich prügeln muss, werde ich Sehnsucht haben nach den Mädchen und Jungs, nach Freunden und Feinden. Und jetzt gesteht mir auch noch Hitzkopf Hassik, dass ich ihm gefalle. Wie spannend das alles! Die Ferien sind überflüssig."

Porträt eines schreibwütigen Mädchens

Polinas Tagebuch ist ein Porträt eines lesehungrigen, wissensdurstigen, schreibwütigen Mädchens. Der russische Großvater, ein Dokumentarfilmer, stirbt bei einem Bombenangriff auf das Krankenhaus von Grosny, hinterlässt seiner Enkelin eine riesige Bibliothek mit Werken der Weltliteratur.

Während die Altersgefährtinnen schon mit 13 Jahren vom Heiraten reden und mit 14 oder 15 ihre ersten Kinder bekommen, will Polina lernen, studieren. Doch statt in die Schule muss sie auf den Markt gehen, um sich und die Mutter durchzubringen. Sie ist mit dem tschetschenischen Ehrenkodex vertraut und hält sich daran.

"Bei uns lebt ein Mädchen nie getrennt von seinen Angehörigen - das ist eine Schande! Wenn deine Familie sich von dir lossagt, dann bis du wie aussätzig, wie zertrümmertes Glas, und jeder kann mit dir tun, was ihm passt."

Polina hat noch im Krieg Journalistik und Pädagogik, danach Psychologie studiert, auch ihre Tierliebe ist ungebrochen. Anders als sie, mögen Tschetschenen weder Hunde noch Katzen. Polina Scherebzowa will sich einen kleinen Rassehund zulegen. Vom Geld ihres Buches, das inzwischen in elf Sprachen erschienen ist.

Polina Scherebzowa: "Polinas Tagebuch", Übersetzt von Olaf Kühl; Rowohlt Berlin; 592 Seiten; 22,95 Euro, ISBN 9783871347993

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