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StartseiteInformation und MusikTheaterszene mit Selbstzensur03.02.2019

TürkeiTheaterszene mit Selbstzensur

Die Theaterszene in der Türkei steht unter Druck. Der Staat hat die großen Bühnen geschlossen. Kleine Theater verlieren ihre Aufführungsorte. Die Selbstzensur droht die Kunst zu ersticken. Dagegen wehrt sich die Theaterplattform Kadiköy, der inzwischen rund 60 Theater angehören.

Von Susanne Güsten

Leere Theaterbühne mit rotem Vorhang. (imago / AGB Photo)
Zensiert und verdrängt: Zukunft des Theaters in Istanbul ist ungewiss - die Theaterplattform Kadiköy will dagegen etwas tun (imago / AGB Photo)
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Im Altkat-Theater in Istanbul steht die "Verwandlung" von Kafka auf dem Spielplan, im Wechsel mit dem "Tagebuch der Anne Frank". Nicht gerade leichte Kost, doch das kleine Theater im Stadtteil Kadiköy am asiatischen Ufer der Stadt ist immer voll, erzählt der Regisseur Nevzat Süs. Dabei haben Theaterfreunde in Kadiköy durchaus die Wahl: In dem Stadtteil mit seinen 500.000 Einwohnern gibt es rund 80 Theater, das sind zehn Prozent aller Theater in der Türkei. Die meisten sind noch nicht lange hier, erzählt Nevzat Süs, dessen eigene Truppe zu den alteingesessenen Theatern von Kadiköy zählt:

"Viele sind in den letzten fünf Jahren gekommen, seit die traditionelle Theaterszene in Beyoglu auf der europäischen Seite der Stadt im Niedergang ist. Die großen Bühnen dort sind in den letzten Jahren vom Staat geschlossen worden – das Taksim-Theater und natürlich das Atatürk-Kulturzentrum, das die größte Bühne der Türkei war. Und auf die kleinen, alternativen Theater hat die Stadtverwaltung Druck gemacht, bis sie abgewandert sind."

Abgerissen und abgedrängt

Das Atatürk-Kulturzentrum wurde im vergangenen Jahr abgerissen, das Taksim-Theater musste schon vorher einem Einkaufszentrum weichen. Die Theater-Szene ist über den Bosporus geflüchtet, und nicht nur das Theater - auch Musik-Clubs, Kneipen und Restaurants drängen nach Kadiköy, seit die Gezi-Proteste niedergeschlagen wurden und das gesellschaftliche Klima kippte. Denn hier regiert noch immer die Opposition, die kemalistische CHP, und erteilt bereitwillig Schanklizenzen und Veranstaltungsgenehmigungen. In Beyoglu, wo die Regierungspartei AKP im Rathaus sitzt, ist das schwierig geworden, sagt Süs.

"Die Behörden vergeben dort keine Konzessionen fürs Theater. Sie verweisen auf die Mehrzwecksäle in den großen Einkaufszentren, die sie überall gebaut haben. Aber da kann man kein Theater machen. Die Regierungspartei versteht unter Theater einen Ort, an dem die Leute ihre Kinder lassen können, während sie zum Shopping gehen."

Unter Kontrolle

Zudem haben die Einkaufszentren noch einen anderen Nachteil für die Theaterschaffenden: Sie unterliegen der Kontrolle der Betreiber - und damit mittelbar auch der Regierung.

"Das passiert immer wieder, wenn Theaterschaffende in solchen Räumen gastieren. Ein Saal wird an die Künstler vermietet, aber wenn sich jemand von der Regierung über das Theaterstück beschwert, dann wird die Zusage zurückgezogen. Das ist weniger aufsehenerregend als ein Verbot und genauso effektiv."

Direkte Aufführungsverbote sind seltener, weil sie gerichtlich angefochten werden können. In Ankara ist derzeit ein Prozess um ein verbotenes Theaterstück anhängig, und in Istanbul verhinderte die Polizei letztes Jahr die Aufführung eines anderen Stücks, weil Staatspräsident Erdogan sich kritisiert fühlte.

Indirekte Zensur

"In der Praxis läuft das alles auf eine Zensur hinaus. Gut, damit können wir noch umgehen, wir spielen das Stück dann eben anderswo oder zur Not auf der Straße. Die größere Gefahr sehe ich in der Tendenz zur Selbstzensur, die mit der Zeit entsteht – wenn eine Generation von Theaterschaffenden heranwächst, die immer vorsichtig sind und gut überlegen, was sie sagen dürfen und was nicht. Die Kunst wird dadurch langsam erstickt."

Um dieser Aussicht etwas entgegenzusetzen, hat Nevzat Süs die Theaterplattform Kadiköy mitbegründet, der inzwischen rund 60 Theater angehören. Gemeinsam kämpfen die Künstler darin für die Zukunft des Theaters, so etwa mit der Aktion "Nachbarschaftstheater".

Kampf um die Freiheit des Theaters 

"Das ist eine Zuschauerausbildung für das Theater, die wir gemeinsam veranstalten. Wir bringen den Zuschauern bei, wie man Theaterstücke analysiert, wir schulen sie in den Grundtechniken der Schauspielerei, wir lehren sie Theatergeschichte, Dramaturgie, Regie und versetzen sie damit in die Lage, besser und bewusster ins Theater gehen zu können."

In Abendkursen an sechs Theatern läuft der Kurs vier Monate lang, und das jetzt schon zum vierten Mal. Teilgenommen haben jeweils rund 400 Menschen – so bildet sich in Kadiköy ein ziemlich anspruchsvolles Theater-Publikum heraus. Das Interesse am Theater sei größer als je zuvor, sagt Nevzat Süs, und das sei ganz normal: Je mehr Fernsehen, Medien und der öffentliche Diskurs in der Türkei gleichgeschaltet würden, desto mehr ziehe es die Menschen in die Freiheit des Theaters.

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