Mittwoch, 10. August 2022

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Twitter-Aktion #dichterdran
Der Geist ist männlich, der Körper weiblich

Männliche Literaturkritiker schreiben anders über Schriftstellerinnen als über ihre männlichen Kollegen. Das kritisiert die kürzlich gestartete Aktion #dichterdran - und dreht den Spieß um. Der Geist sei noch heute männlich konnotiert, das Erleben weiblich, sagten Güzim Kar und Simone Meier im Dlf.

Güzim Kar und Simone Meier im Gespräch mit Raphael Smarzoch | 01.10.2019

"Ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen", so bezeichnete ein männlicher Rezensent die irische Bestseller-Autorin Sally Ronney. Margaret Atwood wird als "zierliche Frau" charakterisiert und Sybille Berg wurde von einem Journalisten als "Rotblonde mit dem - nach Sara Wagenknecht - gewalttätigsten Lidstrich Deutschlands" bezeichnet. Aus diesen Beispielen geht hervor, dass männliche Kritiker anders über Schriftstellerinnen schreiben als über ihre männlichen Kollegen. Darauf machte vor ein paar Monaten eine Aktion unter dem Hashtag #dichterdran aufmerksam und drehte den Spieß um.
"Wie ausgestopfte Tiere"
Das Buch "Hemingways sexy Beine" versammelt nun die besten Texte dieser Twitter-Aktion - obwohl sie eigentlich dagegen seien, das Internet auszudrucken, wie Simone Meier im Dlf erklärte. Sie hatte neben Nadia Bürger und Güzim Kar die Hashtag-Aktion ins Leben gerufen. "Ich finde, man darf Aktionen, die besonders gelungen sind, auch mal ein bisschen konservieren. Das ist für mich wie ausgestopfte Tiere", ergänzte Mitherausgeberin Güzim Kar.
Die Reduktion auf körperliche oder biografische Merkmale sei allerdings nicht nur männlichen Kritikern vorbehalten, "das machen leider Frauen auch, weil sie in dieser Welt der Buch- und Filmkritik bestehen müssen". Die Aktion auf Twitter habe gezeigt, es gebe ein riesiges Bedürfnis, darüber zu sprechen - auch auf eine sehr humorvolle Art und Weise.
Wir haben noch länger mit Güzim Kar und Simone Meier gesprochen – hören Sie hier die Langfassung des Gesprächs
Als Simone Meier zum ersten Mal auch Männer auf ihre Äußerlichkeiten reduzierte, habe sie danach einen Rüffel gekriegt, und es habe geheißen: "Wir wollen nicht, dass so über unsere Autoren geschrieben wird. Und ich hab' mich gefragt: Wieso interveniert bei Frauen kein Verlag?" Güzim Kar ergänzte in Corso: "Ich glaube, dass in unserer Kultur nach wie vor der Geist männlich konnotiert wird - und der Körper und das Erleben weiblich."
Humor hilft
Humor helfe dies aufzubrechen, besonders in Zeiten, wo zum Beispiel Leute mehr über Donald Trump lernten, wenn sie über ihn lachen würden, als in Leitartikeln. "Die Leute sind sehr viel schneller bereit, wenn sie einen ironischen Spiegel vorgehalten bekommen, darin Missstände zu erkennen."
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen
Simone Meier, Güzin Kar, Nadia Brügger: "Hemingways sexy Beine. #dichterdran"
Kain & Aber Verlag, Zürich 2019. 80 Seiten, 8 Euro.