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StartseiteForschung aktuellÜberbevölkerung am Nordpol?26.01.2010

Überbevölkerung am Nordpol?

Immer mehr Tierarten zieht es in die Arktis

Klima.- Der Klimawandel zeigt in der Arktis bereits deutliche Folgen: Große Gebiete sind im Sommer eisfrei und das Packeis wird stets dünner. Doch es wird nicht nur wärmer, sondern auch voller am Nordpol. Denn mit wärmeren Temperaturen kommen auch andere Arten zurecht.

Von Christine Westerhaus

Krabbentaucher auf Spitzbergen müssen den Gürtel enger schnallen, denn sie finden immer weniger Nahrung. (Michael Haferkamp/Wikipedia)
Krabbentaucher auf Spitzbergen müssen den Gürtel enger schnallen, denn sie finden immer weniger Nahrung. (Michael Haferkamp/Wikipedia)

Arktische Planktonorganismen mögen es ungern salzig. Doch wenn die Temperaturen steigen, gelangt wärmeres und salzhaltigeres Wasser in den Lebensraum dieser Meeresbewohner. Das vertragen die meisten Arten jedoch nicht.

"Wir haben am Kongsfjord beobachtet, dass dort vermehrt atlantisches Plankton eindringt. Die Arten, die in dem atlantischen Plankton vorkommen, sind aber meist kleiner und enthalten weniger Energie als die Organismen, aus denen sich das arktische Plankton zusammensetzt. Die Seevögel, die sich von diesen Kleinstlebewesen ernähren, bekommen also weniger Energie, wenn sie plötzlich Plankton fressen, das aus dem Atlantik eingewandert ist."

Haakon Hop vom norwegischen Polarinstitut in Tromsö. Am Kongsfjord im norwegischen Spitzbergen hat der Meeresbiologe beobachtet, dass Seevögel, die sich von tierischem Plankton ernähren, inzwischen seltener geworden sind. Ihren Platz nehmen zunehmend Arten ein, die mit den wärmeren Temperaturen besser zurechtkommen. Arktische Vögel, die sich von Fisch ernähren, sind dagegen besser dran. Stellen sie ihren Speiseplan auf andere Fische um, hat dies kaum Auswirkungen auf ihren Energiehaushalt.

"Fisch fressende Vögel scheinen sich viel besser an neue Nahrungsspezies anpassen zu können. Viele Fischarten, die in der Arktis vorkommen, enthalten in etwa gleich große Mengen an Lipiden, also Fetten. Für den Energiehaushalt der Vögel scheint es deshalb keine Rolle zu spielen, ob sie sich von der einen oder der anderen Fischart ernähren."

Haakon Hop und seine Kollegen haben zudem beobachtet, dass sich die Zusammensetzung des pflanzlichen Planktons verändert. Im Meerwasser unterhalb der Eisschichten leben mikroskopisch kleine Algen, von denen sich wiederum andere Organismen wie kleine Krebse oder Muscheln ernähren. Wird das Wasser wärmer, verschwinden die Mikroalgen und es werden weniger Nährstoffe eingetragen.

"Wir gehen davon aus dass sich der Nährstofftransport damit deutlich verändern wird. Wahrscheinlich wird wesentlich weniger Energie in die tiefer liegenden Meeresschichten eingetragen. Das hätte weitreichende Konsequenzen für Organismen, die am Meeresboden leben."

Die Arktisbewohner müssen sich jedoch nicht nur auf Änderungen in ihrem Speiseplan einstellen. Wärmere Temperaturen locken inzwischen auch Arten in die Arktis, denen es dort bisher zu kalt war. Haakon Hop

"Wir sehen, dass sich die Zusammensetzung von Lebensgemeinschaften verändert. Zum Beispiel gibt es inzwischen Miesmuscheln in Spitzbergen, die es dort früher nicht gab. Auch Heringe sind inzwischen eingewandert. Die arktische Lebensgemeinschaft besteht aus nur wenigen Arten, die aber jeweils viele Individuen haben. Ich denke, dass sich das in Zukunft ändern wird. Es wird viele neue Fischarten geben, die in die Arktis einwandern werden. Und damit wird sich vor allem sozusagen im Mittelfeld der Nahrungsnetze einiges verändern."

Welche Auswirkungen diese Veränderungen langfristig auf die untersuchten Lebensgemeinschaften im Kongsfjord haben werden, können die Wissenschaftler bisher nur vermuten. Sie gehen aber davon aus, dass sich das untersuchte Ökosystem bereits irreversibel verändert hat.

"Wir glauben, dass sich das System in den Jahren 2006 und 2007 grundlegend von einer Kälteregion in eine wärmere Region gewandelt hat. Es ist natürlich schwierig, solche Ergebnisse zu interpretieren. Wir bezweifeln aber, dass sich das System wieder in eine Kälteregion verwandeln wird, selbst wenn die Temperaturen nun mehrere Jahre lang sinken."

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