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StartseiteEssay und DiskursWeltmacht Scham26.01.2020

ÜbergewichtWeltmacht Scham

Wer unter Scham leidet, fühlt sich ausgesperrt, fühlt Missgunst, sieht überall Augenbrauen, die sich heben. „Je dicker du bist, desto kleiner wird deine Welt“, schreibt beispielsweise die Autorin Roxane Gay, 1,91 groß und 260 Kilo schwer. Wie sie wollen auch andere sich nicht mehr schämen.

Von Martin Zeyn

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Roxane Gay beim Playboy Playhouse in Los Angeles, Kalifornien. (Getty Images/John Sciulli)
Durch das Buch "Hunger" erfuhren selbst Angehörige zum ersten Mal, was die Gründe für Roxane Gays Fettleibigkeit waren. (Getty Images/John Sciulli)
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Es gibt so etwas wie eine Scham-Industrie, sie besteht unter anderem aus Instagram und Diätprodukten. Die Scham-Industrie behauptet, in jedem gebe es einen Körper, den er nur freilegen müsse. Sei es durch Ernährungsumstellung - oder Bildbearbeitung. Und auch wer es besser weiß, folgt diesen Maximen. Auf das Scheitern folgt die Scham. Die Scham, an sich selbst gescheitert zu sein.

Gleichzeitig gibt es eine schwache Gegenbewegung: fat positivity und Handydiät. Menschen versuchen, sich nicht mehr einem Diktat zu beugen, das für die allermeisten ohnehin unerreichbar ist. Vielleicht geht ja die Epoche des „Imperialismus der Jugend und des schönen Körpers“ (Christian Maurel) bald zu Ende? Vielleicht gehört die Weltmacht Scham eines Tages der Vergangenheit an?

Martin Zeyn, geboren 1964, ist Leiter des Nachtstudios im Bayerischen Rundfunk und lebt in München. Er hat über 20 Radioessays zu Kunst, Popkultur und Philosophie geschrieben.


Wir schämen uns.

Ich schäme mich – ständig.

Bloßstellungsscham, Abstiegsscham, Stotterscham, Ungebildetheitsscham, Versprecherscham. Und ja, die Scham davor, sich ständig zu schämen.

Die Angst, etwas falsch zu machen, schlimmer noch, falsch zu sein. Und immer wieder, weil angenehm prickelnd: Fremdschämen. Für eine kurze Zeit die Peinlichkeit auf eine perfide Art genießen zu können. Weil wir uns hineinversetzen. Und gleichzeitig genau wissen, diesmal hat es nicht uns erwischt.

Scham ist Ausdruck von Zivilisation, glaubte der Soziologe Norbert Elias. Ein Ergebnis eines Verfeinerungsprozesses über Jahrhunderte. Das Außen wandere dabei ins Innere. Fremdzwänge würden sich in Selbstzwänge verwandeln.

Das macht es nicht leichter. Das macht es schlimmer. Von außen diktierte Benimm-, Anstands- und Verhaltensregeln setzen Grenzen. Und bei uns drinnen? Verinnerlicht sind sie ein Labyrinth. Denn der Druck kirchlicher oder staatlicher Normen ist klar benennbar, ist definiert durch Gesetze, Verordnungen, Anweisungen. Einen solchen Codex gibt es für die Scham in unserem Innern nicht. Wir können uns für alles schämen, auch für das Allernatürlichste, etwa zu schwitzen. Jeder schämt sich auf seine Weise. Und jede auf ihre Art.

Verschlimmernd kommt hinzu, die Scham bekommt ständig Updates: die Alter‑Weißer-Mann-Scham, die Flugscham, die Fleischscham, die SUV-Scham. Einen Diesel-Geländewagen vor der Tür zu haben, sei so, als ob man da ein Plutoniumendlager eingerichtet habe. Schreibt Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo – und übertreibt nur ganz wenig.

Scham bedeutet, sich längst schon verurteilt zu sehen

Wer unter Scham leidet, fühlt sich ausgesperrt, fühlt Missgunst, sieht überall Augenbrauen, die sich heben. Steht ständig vor einem Gericht, das immer den anderen Zeugen mehr glaubt. Weswegen? Weil ich "mich über mich vor Anderen" schäme, hat Jean-Paul Sartre gesagt.

Eine nur scheinbar banale Aussage. Denn wer sind die Anderen? Was denken sie? Woher haben sie die Macht, mich klein und nichtig erscheinen zu lassen?

Scham bedeutet, sich längst schon verurteilt zu sehen. Von einem übermächtigen Gegner, den wir nicht sehen, nur erahnen können. Der das kann, weil wir ihn nicht genau kennen. Deswegen müssen wir über die Scham reden. Über unsere Körper, das Haupteinfallstor für Scham. Und über Menschen, die täglich gegen sie ankämpfen.

Roxane Gay ist eine Autorin, schwarz und 1,91 groß. Sie bekennt mit Stolz, wenn sie in einen Raum komme, dann sei es unmöglich, sie zu übersehen. Ihre Präsenz verschaffe Frauen eine Stimme.

Doch das erkauft sie sich teuer. Denn Gay war 261 Kilo schwer, bevor sie sich den Magen verkleinern ließ. Auf Kongressen fühlte sie sich halbwegs sicher, geschützt durch ihre Bekanntheit und ihren Ruhm. Im öffentlichen Raum ging sie immer an der Bordsteinkante entlang. Sie versuchte, so wenig Platz wie möglich zu beanspruchen. Denn sie fürchtete, jemandem den Weg zu versperren, der sie dann wegen ihres Volumens angiften würde. Sie fürchtete, als lebender Beweis eines fatalen Kontrollverlustes angefeindet zu werden.

Maßlosigkeit beim Arbeiten als Skill, beim Essen als Versagen

Wer so dick ist, steht ganz unten in der gesellschaftlichen Anerkennung. Und der Mob sucht sich Opfer, genießt es, einen Freibrief zum Beleidigen ausgehändigt zu bekommen. Die Straße wird zum Feindesland. Auf dem Bürgersteig verwandeln sich eben noch harmlose Passanten in brachiale Bußprediger, in Moralmonster.

Völlerei als letzte Überlebende der sieben Todsünden. Maßlosigkeit beim Arbeiten gilt als Skill bei Führungskräften, Maßlosigkeit beim Essen ist Versagen. Und das darf niemand ausstellen. Sonst bestraft ihn die Gesellschaft. Von Gay, Professorin in Yale, Bestsellerautorin, gefragte Vortragende, stammt denn auch der schockierende Satz: "Je dicker du bist, desto kleiner wird deine Welt."

Wir haben den weiblichen Körper in die Öffentlichkeit gebracht. In der Werbung vielleicht zu sehr. Und wir bekommen alle Formen von Sexualität jenseits der Heterosexualität zu sehen

Aber die queeren Helden bei Netflix haben auch mit 50 ein Sixpack, weil sie sechsmal in der Woche zwei Stunden lang zum Fitness gehen. Und das verpetzt dann der entzückende und 30 Jahre jüngere Lover.

Aber gleichzeitig wird die Welt des Körpers immer kleiner. Wieviel Körper ist erlaubt? Wieviel Schweiß, wieviel Zellulitis, wieviel Alter und Fett? Wieso ist nur diese kleine Komfortzone von Bikinifigur, höchstens 20 Jahre, enthaart und faltenlos übriggeblieben? Oder von mindestens 1,80 großen Athleten mit Vollbart, aber ganz ohne Dehnungsnarben wegen Steroid-Missbrauchs? Diese winzig kleine Zone, in der 105 von 100 möglichen Punkten erreicht werden. Es ist absurd – und wir wissen das. Wie kann das sein?

Scham zeigt sich nie gnädig

Es gibt nicht nur eine verbliebene Supermacht. Es gibt noch eine zweite: die Weltmacht Scham. Der täglich millionenfach gehuldigt wird. Mit stundenlangen Disziplinarmaßnahmen im Gym, mit Posts auf Instagram und Facebook, denen eine dreitägige Hungerkur vorausgegangen ist, oder Orgien von Photoshop, die jeden Pigmentfleck, jede Andeutung einer Falte tilgen. Die uns tilgen und durch etwas Besseres ersetzen.

Die Griechen nannten es Hekatomben, wenn es nötig war, die Götter mit einem üppigen Opfer von 100 Stieren zu beschwören. Wir opfern Milliarden Fotos täglich auf den Altären der sozialen Netze, um die Gottheit Scham zu besänftigen. Das sind mehr als alle lebenden Stiere auf der Welt. Trotzdem zeigt die Scham sich nie gnädig. Nur plumpe Lügner, nur Blender behaupten, sich immer zu gefallen – in jeder Minute, auch wenn sie ungeschminkt, unretouchiert, ungeliftet sind.

"Das Gesicht – eine Horrorgeschichte" haben der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychoanalytiker Félix Guattari einmal geschrieben. Das hielt ich lange für eine Übertreibung. Sie hat allerdings einen wahren Kern: Sie zeigt die Scham wie unter einem Vergrößerungsglas. Scham regiert durch Angst und Übertreibung, ein perfides Duo, das alle Argumente niedermetzelt. Scham ist sich selbst Grund genug. Nur dünn zu sein, bedeutet ja nicht, nicht noch dünner werden zu können.

Denn ich selbst untergrabe ständig meine Überzeugung, es ist alles ganz okay mit meinem 55-jährigen Körper. Denn natürlich stehe ich auf Schönheit. Natürlich sehe ich mir gerne die unglaublichen jungen Körper im Freibad, auf Laufstegen und Werbefotos an, denen die Welt bisher nichts angetan zu haben scheint, die von Akne, Adipositas und Alkohol verschont geblieben sind. Solche Körper sind omnipräsent, sie überstrahlen alle anderen. Allgegenwart – dafür scheint dieses Wort geprägt worden zu sein. Schönheit, biologisch eher eine Ausnahme, ist heute zu einem Totschlagargument geworden. Alles hat schön zu sein. Nur – diesem Diktat können nur die allerwenigsten Körper genügen.

Und dann erklärt die Scham meinen Körper zu einer Horrorgeschichte. Weil ich das Wettrüsten verloren habe. Weil ich den Jungbrunnen Fitnessstudio nicht tagtäglich aufgesucht habe. Weil ich es gewagt habe, alt zu werden.

Die Scham hält eine Burka für alle bereit

Der Körper ist sichtbarer geworden – heute ist er ein für jedermann einsehbares Zeugnis in den Fächern Disziplin, Kontrolle und Begabung. Doch nur der Hochglanz‑Body, der noch nicht einmal ganz erwachsene Körper, nur diese flüchtige Erscheinung gilt als Norm. Die Scham ist so mächtig, weil sie es schafft, ein unerreichbares Ziel zu etablieren. Das Scheitern ist die Hilfstruppe der Scham. Nicht nur meine 14-jährige gertenschlanke Tochter reagiert darauf mit dem Tragen von XXL-Pullis. Dank der Scham genügt kein Körper dem Bild, dem Idealbild, dem täglich uns präsentierten Bild des makellosen Körpers, den zu haben, wir in der Pflicht stehen. Die Scham hält eine Burka für alle, vorneweg eine für mich, für eine gute Idee.

Sie ist überall. Aber es ist kein Zufall, keine biologische Konstante, das wir uns unsrer schämen. Das Ganze würde nicht funktionieren ohne die Schamindustrie. Also die Frauenzeitschriften, die Fitnessmagazine, die Diätbranche, die Modehersteller, die Schönheitschirurgie, die personal trainer, die Filmwirtschaft und natürlich: die sozialen Netzwerke. Es gibt eine Industrie, die permanent Scham produziert, indem sie etwa hochgewachsene, weiße Frauen mit schmalen Hüften und gemeißeltem Busen zeigt. So eine Figur haben aber nur wenige Prozent der Bevölkerung in einem sehr kurzen Zeitfenster – und nicht wenige davon sind drag queens, also nur Damenimitatoren.

Da war sogar der brutale heroin chic der 90er ehrlicher – so kannst du nur aussehen, wenn du den Appetitzügler Heroin spritzt und auf die Nebenwirkungen pfeifst. Das sprach es wenigstens klar aus: Du bist so mager, dass du krank ausschaust.

Das gemeine Versprechen der Schamindustrie: Folge nur dem, was wir sagen, kaufe unsere Produkte, und du arbeitest aus deinem Körper einen verborgenen heraus, der genauso perfekt ist wie die Models in unserer Werbung. Als könnte die oberste Schicht aus Fett, Alter, Frustration einfach abgezogen werden und darunter komme jener Mensch hervor, der schlicht perfekt ist und dort im Verborgenen eine Mischung aus Winter- und Schönheitsschlaf gehalten hat.

Und das funktioniert. Das funktioniert, obwohl wirklich jeder und jede davon weiß, dass es einen Jo-Jo-Effekt gibt und dass auf jedem Modefoto ein Firnis von zwei Tagen Fotobearbeitung liegt, der aus einem wirklichen Menschen ein gottgleiches Model macht.

Marcel Proust: Wir lieben das, was wir nicht sind

Von Akne geplagt, hätte ich als Pubertierender, wenn ich den Satz gekannt hätte, mein Gesicht als Horrorgeschichte bezeichnet. Als nicht dünner, sondern hagerer Jüngling mit spiddeligen Oberarmen und hervorstechenden Beckenknochen habe ich im Freibad gewusst, hier werde ich keine Freundin kennenlernen. Als Jugendlicher hätte ich jeden ausgelacht, der behauptete, in mir schlummere der perfekte Körper. Ich sah in mir eher einen Frankenstein, einen Körper, der grobschlächtig aus Resten zusammengenäht worden war. Pubertät bedeutet, sich mühsam in dem mehr als fremden Körper zurechtzufinden, der einem da zugefallen ist. Und der Stolz, wirklich ganz gut auszusehen in den neuen Klamotten, kann ganz schnell umschlagen in das Gefühl, das einzige Monster aus Leichenteilen auf der Party zu sein.

Vielleicht trägt deswegen die angebliche Generation Porno jetzt XXL und knöpft Hemden und Blusen bis oben hin zu. Zwiebellook und pietätsvoll hochgeschlossen sind das neue Sexy.

Wir lieben das, was wir nicht sind, hat Marcel Proust einmal geschrieben. Und wir schämen uns dafür. Ein Teufelskreis. Und ein perfekter Markt, weil die Nachfrage nach Linderung nicht versiegt.

Scham ist das Dispositiv des 3. Jahrtausends. Ein scheinbar sperriger, etwas unterernährter, jedenfalls nicht schöner Begriff, geprägt von Michel Foucault. Laut dem Philosophen umfasst er Gesagtes und Ungesagtes, wissenschaftliche Aussagen genauso wie moralische Lehrsätze. Es ist das gesamte Wertesystem, in dem wir uns bewegen und das uns prägt. Und zwar so prägt, dass wir es weder ganz durchschauen, noch es hintergehen können. Das Fatalistische daran, der deutliche Unterton von Unausweichlichkeit, hat mich immer an Foucault gestört. Ich wollte mir selbst nicht ausgeliefert sein, empfand mich nicht als willenloses Opfer einer Gesellschaft. Ich hielt mich für den Herrn meiner selbst, empfand mich als wandelbar, zumindest, solange ich noch halbwegs glaubhaft sagen konnte, jung zu sein. Aber immer ahnte ich: Für die Scham stimmt es ganz und gar. Das unentwirrbare Durcheinander von Gesagtem und Ungesagtem, in dem scheinbar Nebensächliches sich zum Hauptlebenszweck aufblasen kann, dieses Wirrwarr verkörpert die Scham.

Eine Mischung aus individueller Angst und gesellschaftlichen Normen

Scham besteht aus individueller Angst und gesellschaftlichen Normen - allerdings sind beide Komponenten schwieriger voneinander zu trennen als die Verbundmaterialien eines Tetrapacks. Auch hier hilft der Begriff des Dispositivs, weil er die Macht nicht nur außen verankert sieht. Die Macht ist deswegen so stark, so Foucault, weil wir sie verinnerlicht haben. Wir können ihr nicht entkommen.

In Japan wird in öffentlichen Toiletten Musik eingespielt, damit nicht zu hören ist, was jeder Mensch mehrfach am Tag macht. In einem Interview nennt Meryl Streep als Grund für das Halten ihrer 40-jährigen Ehe getrennte Badezimmer. Warum? Wieso den Menschen nicht beim Waschen und anderen natürlichen Vorgängen zusehen? Wieso schämen wir uns vor jemandem, den wir lieben, vor dem wir uns ausziehen, den wir das ein oder andere Mal nackt gesehen haben?

Die Macht der Scham beruht darauf, dass sie mindestens als natürlich, eigentlich aber als gottgeben erscheint. Nicht die Sprache, nicht der Verstand, sondern das Feigenblatt steht für den Beginn der Menschwerdung. Theologisch als bildliches Symbol der Ursünde. Aber weshalb? War Nacktheit nicht ein paradiesischer Zustand, einer vor der Schuld?

Ein Körper ist ein Körper. Was soll daran falsch sein? Warum sollen wir ihn verbergen, ganz gleich wobei? Johann Peter Hebel lässt in einer Kalendergeschichte einen russischen General vom Pferd steigen und vor aller Augen sein großes Geschäft machen. Wer es noch nicht gesehen hat, soll es sich gerne einmal anschauen, ruft er den Umherstehenden zu. Im Roman "Moonglow" von Michael Chabon bekennt eine Figur, sie liebe es, den Strahl in der Kloschüssel zu hören, weil es für sie ein Ausdruck von Leben sei.

Schambesetzte Dinge können sich ändern

Scham muss nicht Scham bleiben. Dinge ändern sich. Als 16-Jähriger habe ich mich für meine Spange geschämt, obwohl ich die nur nachts tragen musste. Es war eine Art von pubertär verstockter und ernster Beichte, als ich meiner ersten Freundin davon erzählte nach den ersten unbeholfenen Küssen. Warum schämte ich mich? Heute tragen Hip Hopper "Grills", strassbesetzte Zahnspangen, als Schmuck. Diesen Kampf hat die Scham eindeutig verloren. Ebenso den um die Brille. In meiner Schulzeit wurde noch jede Trägerin oder Träger eines neuen Kassengestells –und die sahen so sperrig aus wie sie hießen – begrüßt mit: Du Brillenschlange. Meine Tochter bekannte in der siebten Klasse, sie finde es voll blöd, gute Augen zu haben, denn sie würde gerne eine dicke, schwarze Nerdbrille tragen. Eben noch innig mit der Scham verbandelte Objekte können zu modischen Accessoires werden.

Ein Junge sitzt auf einem Zahnarztstuhl, seine Zahnspange wird gereinigt. (imago images / Westend 61)Zahnspangen: früher verpönt, heute völlig normal. (imago images / Westend 61)

Aber warum klappt, was bei Brillen und Zahnspangen gelungen ist, nicht bei Fettleibigkeit? Wieso wirkt die rührige Fatpositivity-Bewegung so schwach? Wieso glauben wir nicht, dass auch ein fetter Mensch ein schöner Mensch sein kann? Wieso haben Plus-Size-Fashionblogs nicht Abermillionen Follower? Seiten, auf denen sich gefreut wird, wenn endlich eine Marke modische Klamotten in Größe 54 anbietet? Oder braucht es einfach nur Zeit? 30 Jahre, in denen aus dem Schimpfwort "Schwul" die stolze Selbstdarstellung einer Gruppe wurde? I’m fat and I’m proud. Ich bin richtig so! Dick und stolz.

Nur sind die Erfolge nicht unumkehrbar. Schwuli, Schwuchtel und Schwulette, all diese Herabsetzungen sind aus den Schulhöfen und den Kleinstädten nicht verschwunden. Selbstvergewisserung mittels Ausgrenzung. Ein Fremdes, ein Anderes konstruieren. Ich bin richtig, du falsch. Und du musst dich schämen. Die Sprachaufsicht hat immer nur ein sehr überschaubares Terrain unter Kontrolle. Und manchmal denke ich, sie kann nicht gewinnen. Gegen die bittersüße Lust sich größer zu fühlen, nachdem man jemanden herabgesetzt hat, hat Achtsamkeit kaum eine Chance.

Was ist der Schlüssel zum Entschämen?

Vielleicht haben ja die Brille und die Spange auch gerade deshalb ihre Potenz zum Schämen verloren, weil sie nicht von oben kamen, weil sie nicht mit einer engelszüngigen Pädagogik begleitet wurden?

Oder war es die Sichtbarkeit? Was ja eigentlich heißt, die Verweigerung unsichtbar zu sein. Als die Jugendlichen plötzlich anfingen, das mit Stolz zu tragen, was eben noch igitt war.

Jung, Brille, Spange und hübsch dabei. Diese Selbstermächtigung klappt aber leider nicht immer. Das "I’m black and I’m proud – ich bin schwarz und stolz" von James Brown oder das "To Be Young, Gifted and Black – jung, begabt und schwarz sein" von Nina Simone waren große Aufbruchssongs. 40 Jahre später aber skandierten die Demonstranten nach dem Tod unbewaffneter Schwarzer: "Black lives matter." Und ein Präsident fordert von vier dunkelhäutigen Kongressabgeordneten, sie sollten hingehen, wo sie herkommen. Was unterstellt, sie, weil schwarz, kämen nicht von hier. Woraufhin seine Umfragewerte sich verbesserten.

Die vier von Präsident Trump angegriffenen Demokratinnen bei einer Pressekonferenz im Kapitol in Washington (von links): Rashida Tlaib, Ilhan Omar, Alexandria Ocasio-Cortez und Ayanna Pressley. (imago images / ZUMA Press)Die vier von Präsident Trump angegriffenen Demokratinnen bei einer Pressekonferenz im Kapitol in Washington (von links): Rashida Tlaib, Ilhan Omar, Alexandria Ocasio-Cortez und Ayanna Pressley. (imago images / ZUMA Press)

Offenbar brauchen viele US‑Amerikaner, um sich groß und stolz zu fühlen, jemanden, der sich schämen sollte, den Boden von Gottes ureigener Nation mit seinen farbigen Füßen zu entweihen. Du sollst dich schämen, ist hier eine gerade noch so eben zivilisierte Version von: Ich hasse dich.

Wer fett ist, ist selbst schuld

Schwarz zu sein, kannst du nicht einfach ablegen – ohne zu einem Frankenstein der Schönheitschirurgie wie Michael Jackson zu werden. Das Fatale an Fettleibigkeit unterscheidet sich davon fundamental. Den Betroffenen wird unterstellt, sie wären selbst schuld. Jeder Happen, jede Mahlzeit, jede Süßigkeit eine Niederlage. Und wer ist dafür verantwortlich? Na, wer wohl, immer du selbst. Das ist das Einfallstor. Für Beschimpfungen, für Herabsetzungen, vor allem für die Brennnessel Scham, für das furchtbare Gefühl, befleckt zu sein mit einem Ich, das schwach ist.

Bulimie und Magersucht sind bekannte Formen der Scham – Verzicht in seiner tollwütigen Variante. Und Kontrolle in einer autodestruktiven Ausprägung. Selbstzerstörerischer, genau kontrollierter Verzicht. Wäre die Magersucht nicht organschädigend oder manchmal tödlich, dann wären die Hungerkünstlerinnen gesellschaftlich anerkannte Vorbilder. In ihren Internet-Foren sind sie das – weniger ist mehr in seiner brutalsten Ausprägung. Aber Fresssucht ist gar nicht so weit entfernt. Roxane Gay erzählt, wie sie nach einer Mehrfachvergewaltigung durch Mitschüler ihren Körper mit Essen zu einer Festung aufrüstete, uneinnehmbar, nie wieder so verletzbar. Ein Fettpanzer, der die Scham nur multiplizierte. Scham, einen missbrauchten Körper zu haben. Die Sprachlosigkeit wegen der Scham, weniger wert zu sein als die anderen Mädchen in der Klasse.

Scham steckt tief in der Sprachlosigkeit fest. Dass ein Angriff ungerechtfertigt, grundlos ist, mag sonst in der Welt als Argument taugen, bei der Scham nicht. Die Scham schreibt sich selbst ein Gesetzbuch, nach dem der, der einen erniedrigt, dafür sicher einen Grund haben muss. Roxane Gay hat ihren Eltern nichts erzählt. Worte sind schwach. Sagt die Scham. Wir sind Geständnistiere, hat Foucault gesagt. Außer, wenn die Scham uns verstummen lässt.

Ich wünschte, ich könnte meiner Tochter sagen, so eine Taille wirst du nie wieder haben, so einen belastbaren Körper, so eine regenerationsfreudige Haut. Freu dich daran. Aber bis das Lob bei ihr ankommt, verwandelt es sich immer zu etwas Falschem. Die Jekyll-Hyde-Kommunikation zwischen Vater und Tochter, die immer in Streit endet. Und ich ahne, aber ich kann es nicht beweisen: Scham spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ich will sie ermutigen, sie fühlt sich herabgesetzt.

Das kaum lebensfähige Lob. Die Scham ist viel mächtiger. Sie sagt, ich mache dich unsichtbar. Niemand sieht dich. Gilles Deleuze fragt sich einmal: "Es liegt also etwas Entsetzliches in der Tatsache, wahrgenommen zu werden, aber was?" Die Antwort ist nicht so schwierig. Weil die Scham uns daran erinnert, dass wer uns wahrnimmt, uns auch auslöschen kann. Eine spitze Bemerkung – und wir sind nichts mehr wert.

Eine Mikropolitik der Verunsicherung. Der wir aber nicht hilflos ausgeliefert sind. Die Schminktipps-Youtuberinnen oder -Youtuber müssen nicht perfekt sein, ja nicht einmal gut aussehen. Die Nahbarkeit entsteht dadurch, dass sie sagen: Ich bin eine wie ihr. Und dann mit ihren Schwächen kokettieren. Ihre Glaubwürdigkeit beruht darauf, der Schamindustrie eine menschliche Konstante entgegenzusetzen: Unperfektheit, ja Durchschnittlichkeit. Sie sprechen über psychische wie physische Probleme, über Hautunreinheiten, feuchte Hände auf Partys und das es ganz normal ist, einen Psychiater aufzusuchen. Sie haben den Bannkreis des Schweigens verlassen.

Wobei meine Tochter einmal angemerkt hat, dass eine Angststörung zu haben, fast schon das Must-have der Saison geworden sei: hat jeder.

Was wird als Natürlich definiert?

Aber vielleicht gibt es nicht nur eine Mikropolitik der Verunsicherung, sondern auch eine Mikropolitik der Ermächtigung. Es ist okay, so zu sein, wie ich bin. Die Philosophin Judith Butler hat die steile These aufgestellt, dass das Geschlecht nur eine soziale Norm, also nur ein Konstrukt sei. Vielleicht gilt das ja auch für den Körper? Schönheit ist kein absoluter Wert. Der Busen hatte in den letzten Jahrzehnten mal flach, mal atombombengroß zu sein. Schönheit ist ein Dispositiv, etwas das aus Normen und Moden entsteht. Sie ist nicht natürlich. Dann aber hätten wir eine Chance. Ein Gemachtes, ein mehr oder minder willkürlich zusammengewürfeltes Etwas kann nicht von sich behaupten, etwas Natürliches zu sein.

Ja, ich bin dick, pickelig, dürr, klein, riesig. Aber ich bin trotzdem ein Mensch, der einen Wert hat. Schau mich an. Vergiss, was du denkst, weil alle es denken. Schau mich an. Bin ich wirklich nicht schön? Bin ich nicht wie alle? Die Scham gegen die Scham zu wenden, um die Macht der Scham zu brechen. Wir werden die Scham nicht los, aber wir lernen, mit ihr zu leben. Vor allem, wenn wir einmal den Blick vom Körper abwenden.

Meistens verfluchen wir sie, aber manchmal brauchen wir die Scham. Ja, wir brauchen Denkmäler der Schande. 1945 fand eine riesige Fluchtbewegung aus der Schuld statt. Nur ein paar ganz oben sollten es gewesen sein, selbst die Schläger- und Mördertruppe der SA galt in den von deutschen Juristen besetzten Entnazifizierungs-Ausschüssen als nur unbedeutende Nazi-Unterorganisation. Im Oktober 45 aber bekannte der Rat der Evangelischen Kirchen seine Mitschuld. Nicht, weil man selbst KZs betrieben hatte. Sondern weil die Kirchenoberen sich schämten, nicht entschiedener gegen Krieg und Vernichtung aufgetreten zu sein.

Es gibt auch die richtige Scham

Es gibt nicht nur falsche Scham, es gibt auch eine richtige. Scham verhindert, dass wir uns sang- und klanglos aus unseren Fehlern, aus unserer Geschichte davonstehlen können. Sie zwingt uns, uns anzusehen. Und dafür könnten wir ihr auch dankbar sein.

Ein Leben ohne Scham ist ein Werbeplakat, hübsch, aber von aparter Leere. Wir können, wir sollten diese unterspülende Gefühl nicht verdammen. Scham ist eines der effektivste Korrektive, die wir haben. Die Stimme in uns, die sagt: Mach das nicht noch mal.

Seit Sigmund Freud wissen wir, es hilft, die Unterströmungen unserer Psyche zu verstehen. Die Scham ist keine anthropologische Konstante, nichts, was wir seit Urzeiten mit uns herumschleppen, was wir einfach ertragen müssen. Sie ist veränderbar. Und so wie Brillen und Zahnspangen an Schamintensität verloren haben, so gelingt es vielleicht auch bei XXXL und Plus Size. Ein klein wenig kann jede und jeder dazu beitragen.

Und ja, natürlich gibt es gute Argumente gegen Fettleibigkeit. Sie belastet die Gelenke und Organe. Aber es gibt auch Argumente gegen unseren Schlankheitskult. Nach einer dreimonatigen Viruserkrankung, geschwächt vom Abi-Stress, der suppenden Schürfwunde einer Trennung und dem kalten Krieg mit meinem Vater wog ich 58 Kilo bei 1,85 Größe. Ich weiß, wie heroin chic an einem Körper aussieht. Drei Jahre Ausdauersport waren weggebrannt. Ich war schwach wie ein Greis. Ich hätte gerne ein paar Kilo Fettreserven gehabt, die anstelle meiner Muskelmasse aufgebraucht worden wären. Die Lebenserwartung von Menschen, die, wie es gemeinerweise heißt, ein paar Kilo zu viel haben, ist höher als die von Mageren, sagen einige Studien. Andere bestreiten das vehement. Ich kann bestätigen, dass sehr dünne Menschen lange brauchen, um sich von einer Erkrankung zu erholen.

Roxane Gay hat niemandem, nicht den Eltern, nicht den Freundinnen von der Vergewaltigung erzählt. Ein Schweigepanzer. Ein Schampanzer. Es gibt eine falsche Scham, eine, die alles schlimmer macht. Mit Essen hat sie versucht, sie zu ersticken, hat versucht, sich einen Körperpanzer zuzulegen. Den hat sie erst mit ihrem Buch "Hunger" zerschlagen, in dem selbst ihre Angehörigen erst von ihrem Martyrium erfahren haben. Das Verbrechen machte das nicht ungeschehen. Aber es auszusprechen, brach die Macht der Scham. Nicht sie, nicht das kleine 12-jährige Mädchen war schuld, sondern die Vergewaltiger. Mit 30 Jahren Verspätung ein kleiner Sieg. Aber ein wichtiger.

Wieso schweigen Menschen so lange? Scham ist und bleibt ein Bitterstoff. Sie macht etwas kenntlich. Aber sie zerstört auch den Geschmack an Freude, an Begegnungen, am eigenen Körper.

US-Schauspieler John Goodman. (dpa/Facundo Arrizabalaga)US-Schauspieler John Goodman: war mal ziemlich dick, hat aber gewaltig abgespeckt. (dpa/Facundo Arrizabalaga)

Die Scham kennt kein Maß. Das macht ihre Stärke wie auch ihre Schwäche aus. An ihrer Maßlosigkeit erkennen wir, sie redet nicht über uns. Dann beginnt das Nachdenken. Wieviel an unserem Körper ist Konstrukt? Konstrukt an dem, was Menschen über uns sagen, schlimmer noch, was wir glauben, sie sagten es? Lasst uns Deiche aus Wörtern gegen die Scham errichten. Das ist ein mühsames Geschäft. Die Deiche werden anfangs nicht halten. Sie werden brechen, unterspült werden. Aber jedes Mädchen, das ohne Essstörung durch die Pubertät kommt, wäre ein Gewinn. Es braucht mehr Schauspieler wie John Goodman, damit Dicke nicht nur im Ghetto der Witzfiguren auftreten dürfen. Mehr Roxane Gays, die von ihrem Faible für schöne Kleidung sprechen. Es braucht die mühsame und langatmige Mikropolitik der Ermächtigung. Ich bin stolz, ich zu sein. Und dass ich mir das nicht immer glaube, ist normal. Aber ich lerne dazu. Und alle anderen hoffentlich auch.

Damit der Bürgersteig wieder allen offensteht. Damit wir das Korrektiv Scham annehmen können. Damit die Scham keine Supermacht mehr ist.

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