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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturEine Jüdin im Berlin der 1940er-Jahre24.03.2014

Überleben in der Nazi-ZeitEine Jüdin im Berlin der 1940er-Jahre

Die längste Zeit schwieg Marie Jalowicz zu den Jahren im Berliner Untergrund während des Nazi-Regimes. Nun sind die Aufzeichnungen der Erinnerungen, die sie am Ende ihres Lebens ihrem Sohn erzählte, herausgegeben. Nicht jeder Helfer kommt dabei gut weg.

Von Otto Langels

Antisemitische Schmiererei an einem geschlossenen Geschäft während der Nazi-Diktatur (dpa / picture alliance)
Antisemitische Schmiererei an einem geschlossenen Geschäft während der Nazi-Diktatur (dpa / picture alliance)
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Weiterführende Information

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"Ich möchte ein Wort sagen zu meiner Erzählweise. Nach Jahrzehnten jetzt, alt und nach schweren Operationen, spreche ich oft, sehr erregt, mir kommen auch manchmal die Tränen, das war damals nicht der Fall."

Damals, das waren die Jahre 1940 bis 1945, als Marie Jalowicz Simon vom NS-Regime diskriminiert, verfolgt und schließlich in den Untergrund getrieben wurde. Mehr als ein halbes Jahrhundert später, 1998, erzählte sie ihrem Sohn Hermann ihre Erinnerungen. Dieser ließ ein Tonband mitlaufen und zeichnete die Gespräche auf 77 Kassetten auf.

Schonungslose Wahrheit

"Ich habe meine Geschichte mir immer wieder erzählt und geschrieben ohne Papier und ohne Schreibwerkzeug. Lügen kam nicht in Frage. Es ging um die Wahrheit und nur um die Wahrheit."

Die minutiösen, druckreifen Erinnerungen seiner Mutter hat Hermann Simon, zusammen mit der Journalistin Irene Stratenwerth, für die Veröffentlichung bearbeitet. In klaren, einfachen Worten, weder sich noch andere in ihren Erzählungen schonend, schildert Marie Jalowicz Simon anschaulich den Alltag einer jungen untergetauchten Jüdin, sofern man in dieser Situation von Alltag reden kann.

Zu den eindrucksvollsten Kapiteln zählt die Beschreibung der Zwangsarbeit in der Berliner Rüstungsindustrie. Im Frühjahr 1940 kam Marie Jalowicz zusammen mit 200 anderen jüdischen Mädchen und Frauen zu Siemens, um die zur Wehrmacht eingezogenen Männer zu ersetzen. Die harte, monotone Arbeit an den Maschinen war zermürbend, aber überraschend entpuppten sich die meisten Vorabeiter nicht als überzeugte Antisemiten, sondern als anständige Kollegen.

"Das traf natürlich nicht überall zu. Erstens war Berlin nicht Provinz. Zweitens kam ich nur mit einem bestimmten Ausschnitt der Gesellschaft in Kontakt. Und drittens wurde mir klar: Derselbe Piefke, der einen tödlichen Hass gegen den reichen Juden im Vorderhaus hegte, hatte nichts gegen hungernde junge Mädchen, die fleißig arbeiteten, so wie er selbst auch."

Mut der Verzweiflung

Mutig widersetzte sich Marie Jalowicz den Anordnungen des NS-Regimes, sie betrieb Sabotage am Arbeitsplatz, ignorierte Vorladungen des Arbeitsamtes, weigerte sich, den gelben Stern auf der Straße zu tragen und entzog sich schließlich kühn dem Zugriff der Gestapo, als zwei Männer im Juni 1942 bei ihr klingelten, um sie abzuholen.

"Sofort stellte sich bei mir ohne viel Nachdenken, gleichsam automatisch ein: nicht mitgehen! Und sofort setzte ich ein total schwachsinniges Grinsen auf und sagte: „Also, wissen Sie, so 'ne Vernehmung, die kann doch 'ne ganze Stunde dauern, wa.“ Ich machte auf schwachsinnig und ordinär."

Unter dem Vorwand, sich bei einer Nachbarin für die lange Vernehmung etwas zu essen zu holen, machte sie sich kurz entschlossen im Unterrock aus dem Staub und entging so der Deportation. Marie Jalowicz hatte Glück, dass sie in Berlin ein Netzwerk von Freunden und Zufallsbekanntschaften fand, die ihr Unterschlupf gewährten, manchmal nur für eine Nacht, manchmal für Monate. Sie versorgten sie mit Lebensmitteln und Kleidern und beschafften ihr falsche Papiere. Im Buch ist ein Berliner Stadtplan mit rund 20 markierten Adressen abgedruckt: die wichtigsten Stationen ihrer knapp dreijährigen Odyssee. Unter den Helfern waren Prostituierte, Artisten und Fremdarbeiter, Menschen die eher vom Rande als aus der Mitte der Gesellschaft kamen.

"Lotte war Prostituierte und gab das auch ungeniert zu. An dieser vehementen Nazigegnerin hatte ich eine zuverlässige Beschützerin. Sie hatte eine Figur, um die sie jedes mittelmäßige Mannequin beneidet hätte. ‚Beene wie Marlene‘, riefen die Männer ihr hinterher. Aber ihre Nase war eine riesige Gurke, die zudem gezackt war."

Marie Jalowicz begegnete unter anderem einem Chinesen, mit dem sie eine Scheinheirat eingehen wollte, einem bulgarischen Fremdarbeiter, mit dem sie bis in dessen Heimat floh, dort aber denunziert und zur Rückkehr gezwungen wurde, sowie einem holländischen Fremdarbeiter, mit dem sie vorübergehend in Berlin zusammenlebte. Nur mit Mut und Kaltschnäuzigkeit habe seine Mutter im Untergrund überleben können, meint der Herausgeber Hermann Simon, Historiker und Direktor des Centrum Judaicum Berlin:

"Dazu gehört schon ein starker Charakter, ein Lebenswille, auch, denke ich, ein gewisser Egoismus, denn sie war immer davon überzeugt, dass sie das nur überstehen kann, wenn sie alleine ist, sich niemandem anschließt, keiner Gruppierung anschließt, und das war für sie richtig."

Der Preis des Überlebens

Für die Unterstützung aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zahlte Marie Jalowicz einen hohen Preis. In ihren Erinnerungen erwähnt sie, wie widerlich es war, antifaschistisch eingestellten Männern zu Willen zu sein und mit ihrem Körper für die vermeintlich selbstlose Hilfe zu zahlen. Dies ist wohl auch ein Grund, warum sie so lange zögerte, ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Sie empfand es als peinlich, sich negativ über dezidierte Nazigegner zu äußern. Was sie nicht sagt und auch Hermann Simon in seinem Nachwort nicht anspricht: In der DDR, wo Marie Jalowicz Simon als Altphilologin an der Berliner Humboldt-Universität lehrte, wäre offene Kritik an verdienten Antifaschisten als Sakrileg eingestuft worden.

"Gegen das Sagen der Wahrheit hatte ich dies Bedenken, dass es doch nicht meine Absicht war, Widerstandskämpfer madig zu machen. Und da hatte ich doch schwerste Hemmungen, Negatives von bedeutenden und hoch achtbaren Widerstandskämpfern zu sagen. Ich hatte Hemmungen, offen zuzugeben, bei wem ich mich wohlgefühlt habe und bei wem nicht."

Erst kurz vor ihrem Lebensende brach sie ihr Schweigen. Wer originelle politische Einschätzungen, gesellschaftliche Analysen oder ein sprachliches Meisterwerk erwartet, wird enttäuscht. Doch gerade die Beschreibungen des täglichen Überlebenskampfes machen das Buch lesenswert: das ewige Warten, das Horchen auf ungewohnte Geräusche, die Angst, entdeckt oder denunziert zu werden, die Einsamkeit, das Gefühl der Abhängigkeit, das allgegenwärtige Misstrauen.

Immer wieder haben jüdische NS-Opfer eindrucksvolle Zeugnisse vom Leben in der Illegalität vorgelegt, darunter Inge Deutschkron und Margot Friedländer. Doch kaum jemand berichtet derart offen und ungeschminkt, dazu noch in einem lakonischen Ton, vom Überleben im nationalsozialistischen Berlin wie Marie Jalowicz Simon.

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 - 1945. S. Fischer Verlag, 416 Seiten, 22,99 €, ISBN: 978-3-100-36721-1.

Eine Hörbuch-CD mit Originalaufnahmen von Marie Jalowicz Simon hat der Berliner Argon-Verlag herausgebracht.

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