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StartseiteKultur heuteÜberlebenskampf im Kapitalismus04.02.2013

Überlebenskampf im Kapitalismus

Brechts "Im Dickicht der Städte" und Lauckes "Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl" in Bochum

Zwei Premieren am Schauspielhaus in Bochum: Während sich in Dirk Lauckes Stück ein sympatischer Haudrauff gegen die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus wehren will, erzählt Roger Vontobels Inszenierung von Brechts "Im Dickicht der Städte" über einen Kampf ohne Motiv.

Von Michael Laages

Brechts "Im Dickicht der Städte" am Schauspielhaus Bochum: Florian Lange (George Garga), Tim Porath (Collie Couch), Daniel Stock (J. Finnay), Matthias Redlhammer (Shlink) (Schauspielhaus Bochum / Arno Declair)
Brechts "Im Dickicht der Städte" am Schauspielhaus Bochum: Florian Lange (George Garga), Tim Porath (Collie Couch), Daniel Stock (J. Finnay), Matthias Redlhammer (Shlink) (Schauspielhaus Bochum / Arno Declair)
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Er nicht. Nicht er. Jochen Bowatski, der über 50 ist und sich lieber "Jimi" nennt, wegen Hendrix, wegen Morrison, hat schon so viele andere kaputt gehen sehen, als die Arbeit für sie ausgegangen ist und sie sich ohne Aussicht auf Zukunft in Hartz-IV-Land haben einrichten müssen - und so will er nicht enden.

Und nun hat ihm Kumpel Markus am Abend zuvor in "Monie’s Eck" diesen Floh ins Ohr gesetzt – wenn Jimis Geschichte ein Film wäre, dann käme jetzt der große Showdown. Und Jimi Bowatsky, seit ungezählten Jahren vor allem mit der Feile unterwegs im Betrieb, greift sich ein Schweinebolzenschussgerät und fährt mit Markus zum Boss vom Ganzen und holt sich seinen Arbeitsplatz zurück.

Filmplots funktionieren vielleicht so. Das Leben folgt der Fabel leider nicht. Denn bedauerlicherweise treffen Amok-Jimi und Helferlein im Haus vom Boss nur dessen Frau an, Frau Fassbender. Und der Fall wird noch ein bisschen komplizierter dadurch, dass kurz vorher auch Luc vom Escort-Service eingetroffen ist. Donnerstag, so scheint es, ist "sein Tag" bei Frau Fassbender.

Boss und Job aber? Fehlanzeige. Herr Fassbender ist zunächst - und angeblich - bei einer Tagung in Frankfurt, wo er nicht gestört werden darf, weil die chinesischen Investoren so sensibel sind, mit denen er gerade verhandelt. Dann gibt die Gattin zu, dass er seit Wochen "verschwunden" ist. Schließlich entdeckt Bowatsky den Chef im Keller – am Ende, dement, Gesicht zur Wand gedreht und versteckt hinter einem riesigen Spielzeug-Bergwerk - mit so einem verhandeln nicht mal Chinesen. Und Jimi erkennt, dass sie wohl beide "raus" sind, der Chef und er.

Jimi gibt auf – und während Markus und der Escort-Schnucki auf der Flucht aus dem Chaos von Filmkarrieren träumen, fährt der Kämpfer ins Haus der Mutter, die vor zwei schon Jahren starb und ihm nichts als den männlichen Schildkröt namens Mucki hinterließ, 104 Jahre alt, der ihn die ganze Story über begleitete hat.

Ganz weit weg von allem, beendet Jimi den sozialen Problemfall Bowatski – per Schweinebolzenschussgerät. Und Mucki bleibt mit Herr Fassbender im Dementen-Heim.

Für die anhaltende Finsternis und Aussichtslosigkeit in Lauckes Sozialstudie, grundiert mit einigen Abwicklungs- und Niedergangsgeschichten aus Bochums jüngerer Vergangenheit, kommt Christina Pfrötschners Uraufführungs-Inszenierung dann ja doch erstaunlich heiter daher. Das liegt natürlich daran, dass dieser Film-Plot Charme hat – als wären Jimi und Jimis Chef autonome Wesen und einer könnte vom anderen den Job zurück holen. Darüber hinaus bleibt dieser Jimi bei aller Grobschlächtigkeit und intellektuellen Enge halt auch ein sympathischer Haudrauf.

Und dieser Dirk Laucke ist ein Autor, der sich nichts vergibt, wenn er Klartext redet, aber eben auch weiß, dass selbst klarster Klartext heutzutage gar nichts mehr nützt. Eine "Komödie vom Ende des Kapitalismus" raunte die Bochumer Dramaturgie – und das stimmt leider nur insofern, als überdeutlich wird, dass das Wirtschaftssystem, wie es ist, niemandem mehr nützen kann: nicht den Besitzern, nicht den Lohnabhängigen. An sich geht’s dem Kapitalismus ja weiterhin prima. Und der Staat räumt dann den Müll weg.

Den Kampf ohne Motiv in Brechts Stück erzählt der Schweizer Regisseur Roger Vontobel zunächst eine gute Stunde lang erstaunlich gut verstehbar, ohne dass er Brechts forcierte Rätselspielereien erklären wollte. Alles beginnt statt in einem Buchladen in einer Videothek und per Überwachungskamera – das funktioniert gut und geht direkt über in die rasenden Bilder von Gargas nackter Flucht durch die Stadt - mit einem urbanen Lichtermeer in Claudia Rohners Bühnenhintergrund. Doch dann fällt diese schöne Bild von der Wand -mit Absicht natürlich - und die Story vom Kampf verzweigt sich in den Alltag der Garga-Familie. Keifende Proll-Karikaturen zeigt Vontobel hier, und all die schöne Konzentration vom Beginn ist hin.

Aber für Florian Lange als Garga und noch mehr für Matthias Redlhammer als höchst konzentrierter - und damit völlig unfassbarer - Shlink lohnt auch dieser Besuch in Bochum.

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