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StartseiteForschung aktuellBrände bei Tschernobyl24.04.2020

UkraineBrände bei Tschernobyl

Seit Anfang April brennt es im Norden der Ukraine, vor allem auch in der Sperrzone um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Dort setzen die Feuer radioaktives Material frei. Eine Rauchwolke zog bereits in die Hauptstadt Kiew. Wie gefährlich sind die Brände?

Von Dagmar Röhrlich

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In der Sperrzone von Tschernobyl brennt der Wald (AFP /STR)
Feuerwehrleute versuchen, in der radioaktiv belasteten Sperrzone um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl das Feuer zu löschen (AFP /STR)
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Wie ungewöhnlich sind die Feuer in der Region um Tschernobyl?

Das ist im Prinzip nicht ungewöhnlich, denn in der Region ist gerade Waldbrandsaison. Und diesmal gibt es – wie auch 2015 und 2017 – mehr Brände, denn der vergangene Winter war sehr trocken. Auch das ist normal. Seit Jahren wird das Klima dort wärmer und vor allen Dingen trockener. Sprich: Die Waldbrandgefahr steigt.

Wie sieht es in der Sperrzone um Tschernobly aus?

Der Wald um die Anlagen herum ist abgeholzt worden, sodass dort keine heißen Brände entstehen könnten. Mehr als zwei Drittel der Sperrzone sind Wald, vor allem Nadelwald. Der Rest sind verwilderte Wiesen und Felder voller Gestrüpp. Im Frühjahr brennt das wie Zunder. Die Gefahr ist dort jedem bewusst. Seit Jahrzehnten stehen neben den Straßen Warnschilder. Nur passiert ansonsten nicht viel, da das Geld fehlt. Aber Schätzungen zufolge reicht das Geld nur für etwa ein Fünftel der dringendsten Maßnahmen.

Im März hat man zwar – wie in jedem Jahr – ein paar Brandschneisen geschlagen, hier und da hohes, trockenes Gras gemäht und ein paar Straßen hergerichtet, um Brandherde besser erreichen zu können. Aber das Ausmaß ist viel zu gering, weite Bereiche der Zone sind im Grunde unzugänglich – weil zugewuchert. Es fehlt an allem: an Feuerdetektoren, an schwerem Gerät zur Brandbekämpfung, was vorhanden ist, ist alt und nicht sehr zuverlässig. Es fehlt an Schutzkleidung für die Feuerwehrleute – und es fehlt auch an Feuerwehrleuten, denn deren Zahl ist in den vergangenen Jahren ohnehin fast auf die Hälfte reduziert worden.

Können durch die Brände radioaktiven Substanzen aufgewirbelt werden?

Wenn es in der Zone brennt, werden in der Vegetation und den oberen Erdschichten gebundene Radionuklide freigesetzt. Die Frage ist, wie viel freigesetzt wird und wie weit der Wind sie forttragen kann. Schließlich ist Kiew nur etwa 100 Kilometer entfernt. Um das Risiko besser abschätzen zu können, hat 2015 eine Arbeitsgruppe eines norwegischen Forschungsinstituts die Daten zweier Brände in der Sperrzone ausgewertet. Diese Brände aus dem April und August 2015 haben insgesamt mehr als 5.000 Hektar Wald vernichtet. Durch sie gelangten insgesamt 3,8 Gramm Plutonium, 3,3 Gramm Cäsium-137 und kleine Mengen anderer Radionuklide in die Luft.

Messungen zeigten, dass sich Radionuklide in weiten Bereichen Osteuropas in der Luft nachweisen ließen. Das Radiocäsium gelangte sogar bis Norddeutschland, Skandinavien und Schottland. Doch die Konzentrationen waren extrem gering: Zum einen hatten sie sich in den Luftmassen sehr stark verdünnt und zum anderen war das Gros der Radionuklide in einem vergleichsweise engen Bereich in Weißrussland und in Russland niedergegangen. Dort lag die Zusatzdosis unter der einer Röntgenaufnahme. Und mit zunehmender Entfernung sank die Dosis sehr stark ab, so die Forscher.

Gibt es bereits Aussagen über die derzeitige Belastung?

In den vergangenen Tagen hatte der Wind den Rauch und Staub der Feuer in der Region in Richtung Kiew geweht, sodass dort dichter Smog herrschte. Laut ukrainischen Behörden wurde keine erhöhte Radioaktivität in Kiew gemessen. Auch das Bundesamt für Strahlenschutz hat die Lage radiologisch bewertet und erklärt, dass in der Ukraine außerhalb der Sperrzone leicht erhöhte Strahlenwerte auftreten, die aber nicht gesundheitlich bedenklich seien. Hier in Deutschland seien die durch die Brände um Tschernobyl aufgewirbelten Radionuklide kein Problem – und das seien sie auch nicht, wenn noch größere Waldflächen betroffen wären. Besonders belastet sind natürlich die Feuerwehrleute, denn es fehlt an geeigneter Ausrüstung, das ist für sie natürlich dann eine richtige Gefahr, denn sie atmen die Radionuklide ein. Und darunter ist auch Plutonium, das besonders schlimm in der Lunge wirkt.

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