Kommentar
Fall Ulmen-Fernandes: Jeder Mann sollte seine Rolle hinterfragen

In der Debatte um die Vorwürfe gegen den Moderator Christian Ulmen warnen viele vor einer Vorverurteilung aller Männer. Das ist der falsche Ansatz. Jeder Mann sollte sich seiner Privilegien bewusst werden – und sich selbst hinterfragen.

Ein Kommentar von Jonas Reese |
Die Schauspieler Christian Ulmen und Collien Fernandes.
Die Schauspielerin Collien Fernandes hat schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhoben. (Archivbild) (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Viele Reaktionen auf die Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Christian Ulmen zeigen, an welchem Punkt hierzulande der Kampf gegen Gewalt an Frauen steht: nämlich ziemlich am Anfang. Der Schritt von Collien Fernandes an die Öffentlichkeit zu gehen, hat einen wichtigen Beitrag geleistet, um das zu ändern.
In den Social-Media-Kommentaren zu dem Fall, in dem nach wie vor für Ulmen die Unschuldsvermutung gilt, finden sich – neben viel Unterstützung für Fernandes – auch zahlreiche Einträge, die dem mutmaßlichen Opfer die Schuld zuweisen oder vor einer Vorverurteilung aller Männer warnen. Bekannte Reflexe, die man von MeToo, Pelicot und zahlreichen anderen Fällen kennt.
Wieder einmal muss eine Person des öffentlichen Lebens medienwirksam und mit der Kraft ihrer Reichweite an die Öffentlichkeit gehen, um auf ein sehr tief liegendes Problem in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Sie muss all den Schmutz aushalten, der ihr reflexhaft entgegengeworfen wird. Sie muss das Risiko eingehen, die öffentliche Meinung nicht auf ihre Seite zu bekommen und ihre berufliche Existenz aufs Spiel setzen.
Was ist mit all den Opfern digitaler Gewalt, die keine Mittel haben, so einen Kampf zu führen?

Jeder Mann sollte sich seiner Privilegien bewusst werden

In der Debatte über den Fall Ulmen-Fernandes tun sich tiefe Gräben auf. Es scheint so, als liefe neben den zahlreichen Kriegen in der Welt weiterhin auch ein Geschlechterkrieg hierzulande. Es wird Zeit, sich in diesem Krieg auf die richtige Seite zu stellen. Und zwar gegen diejenigen, die das Patriarchat aufrechterhalten, Frauen weiter unterdrücken wollen.
Dieser Kampf fängt zuallererst auch bei jedem einzelnen Mann an. Denn jeder Einzelne sollte seine Rolle hinterfragen, sich seiner Privilegien bewusst werden und ja, auch fragen, woher kommt womöglich seine Lust am Erniedrigen, am Unterdrücken, am Quälen. Woher kommt dieses Erbe, das Männer schon lange von Generation zu Generation weitergeben? Es reicht nicht zu sagen: Ich bin emanzipiert und gehe zwei Monate in Elternzeit.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Mit Aktivierung des Schalters (Blau) werden externe Inhalte angezeigt und personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige und die damit verbundene Datenübermittlung mit dem Schalter (Grau) jederzeit wieder deaktivieren.

Es braucht echte Vorbilder für Männer

Leider wimmelt es heutzutage von männlichen Negativ-Vorbildern. Um Veränderung aber nachhaltig zu etablieren, braucht es echte Vorbilder. Männer müssen also selbst anfangen, positive Vorbilder zu erschaffen.
Und ja es ist ungerecht, aber dabei brauchen Männer auch die Unterstützung der Frauen. Frauen sollten diesen Prozess begleiten. Auch wenn manche zu Recht sagen, wir tun das seit Jahren, das sei ein Männerproblem, ich war jahrelang Opfer, und jetzt muss ich auch noch mithelfen? Ja, verständlich, aber es geht nicht anders, weil sonst wieder nur Männer bestimmen, weil Frauen klare Grenzen ziehen müssen und weil eine Vision des Zusammenlebens alle einbeziehen muss. Es ist ein langer, gemeinsamer Prozess, diese alten Strukturen und Denkweisen aufzubrechen.
Collien Fernandes hat mit ihrem Mut weitere Räume dafür geöffnet, es ist höchste Zeit, diese zu nutzen.