Ulrich Weber: "Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie" Neuer Blick auf den krisengeschüttelten Privatmann

Friedrich Dürrenmatt, ein Autor mit so vielen Fähigkeiten wie Wiedersprüchen: sein neuer Biograph nimmt nun den ganzen Schriftsteller in den Blick. Den Erfolgsautor sowie den Autor, der mit 42 Jahren in eine tiefe Krise stürzte und sich mit dem Spätwerk "Stoffe" völlig neu erfand.

Von Eva Pfister | 05.01.2021

Ulrich Weber: "Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie" Zu sehen sind der Autor des Buches und das Buchcover.
Auf den Spuren des Welten-Erfinders Friedrich Dürrenmatt: Sein Biograph Ulrich Weber, der auch den Dürrenmatt-Nachlass im Zürcher Literaturarchiv betreut (Cover: Diogenes Verlag / Foto: Ulrich Weber)
Als Friedrich Dürrenmatt im Jahr 1979 den Literaturpreis der Stadt Bern erhielt, sagte er in seiner Dankesrede: "Die Stadt Bern hat ein Anrecht zu wissen, wem sie den Preis erteilt. Nicht einem Rechten oder Linken, sondern einem Queren."
Tatsächlich fiel der Schweizer Dramatiker, Erzähler und Essayist durch alle Raster. Als Pfarrerssohn im Emmental geboren, später in Bern aufgewachsen, rebellierte er früh gegen die Welt seiner Herkunft. Friedrich Dürrenmatt wollte zunächst Maler werden, studierte dann aber Philosophie und wurde schließlich Schriftsteller. Obwohl er neben Max Frisch der berühmteste Schweizer Autor ist, blieb er den Regierenden stets suspekt und stieß durch sein oft anarchisches Denken und seine eigensinnigen Positionen auch seine Verehrer zuweilen vor den Kopf. Manchmal vielleicht sogar bewusst:
"Man muss sich auch gegen den Ruhm wehren. Wer Ruhm hat, will ihn behalten und er muss immer im Grunde das liefern, was man von ihm erwartet. Der Ruhm befreit nicht, sondern der Ruhm versklavt. Man muss gerade so viel Ruhm haben, das ist wahrscheinlich das Kunststück, dass man eben frei arbeiten kann."
Erfolgsautor im Kalten Krieg
Eine neue, umfassende und sehr fundierte Biografie stellt den am 5. Januar 1921 geborenen Friedrich Dürrenmatt mit all seinen Fähigkeiten und Widersprüchen vor. Verfasst hat sie der Literaturwissenschaftler Ulrich Weber, der seit vielen Jahren den Nachlass des Autors betreut. Er kennt alle Entwürfe und Fragmente des Werks und zitiert daraus ebenso wie aus unveröffentlichten Briefen. So präsentiert er eine schillernde Persönlichkeit, die nicht ohne Abgründe war, und einen vielseitigen Künstler, dessen Karriere alles andere als gradlinig verlief.
"Dürrenmatt, eine zeitlose Erfolgsgeschichte? Nein. Er selbst hat für den Schriftsteller das Bild des Meteors entworfen, einer leuchtenden, zugleich flüchtigen Erscheinung am Himmel, die jedoch beim Einschlag auf der Erde ihre bleibende Spur hinterlässt, einen Krater, der die Landschaft verändert. Friedrich Dürrenmatt war ein Kind seiner Zeit, sein Denken wurde geprägt von den Nachkriegsjahren, insbesondere von der antagonistischen Konstellation des Kalten Krieges und der damals in der Auseinandersetzung mit Schuld und Schrecken des vergangenen Krieges sehr präsenten Existenzphilosophie. Er sprach die Gefahren und Ängste seiner Zeit wie wenige aus. Dennoch blieb er ein Solitär: Er hat keine Schule begründet, keine Theatermethode geprägt, war auch an keiner Avantgarde-Bewegung beteiligt – er merkte ironisch an, wer sich zu seiner Zeit noch als Avantgardist gebärde, trample mitten in einer Herde."
Ein Solitär, der sich immer wieder neu erfand
Ulrich Weber bewundert das Erzählgenie Dürrenmatt, den Abenteurer des Geistes, den schonungslosen Satiriker. Vor allem aber staunt er über die Fähigkeit des Künstlers, sich immer wieder neu zu erfinden. Nachdem der Student seine Pläne, Maler zu werden, aufgab, begann er zu schreiben. Als der junge Familienvater mit Theaterstücken zu wenig Geld verdiente, versuchte er es Anfang der 50er Jahre mit den Kriminalromanen "Der Richter und sein Henker" und "Der Verdacht" – und wurde damit rasch bekannt. Als Dürrenmatts Erfolg als Dramatiker in den 70er Jahren nachließ, zog er sich aus dem Kulturbetrieb zurück. Aber er blieb nicht untätig.
"Aus der Krise heraus entstand etwas Neues. Dürrenmatt wandte sich … der Beschäftigung mit seiner Herkunft und dem Stoffe-Projekt zu, der »Geschichte seiner Schriftstellerei«. Diese wurde zum Stamm seines vielverzweigten späten Prosawerks. In einem schmerzhaften und langdauernden Prozess erfand sich Dürrenmatt darin als Schriftsteller neu. Seine Prosa entwickelte sich zum Schreiben aus der Erinnerung und über die Erinnerung. Dürrenmatt macht seine eigene Existenz, sein Denken, seine Phantasie, seine Stoffe zum Gegenstand seines Schreibens. Nicht mehr die Resultate, die fertigen Fiktionen, waren das Ziel, sondern die Darstellung von Einfall, Gestaltung, Umwandlung, mithin der ganze kreative Prozess der literarischen und künstlerischen Arbeit."
Dürrenmatts späte Prosa wird heute als eine ganz besondere literarische Form betrachtet in ihrer Mischung aus Erinnerungen, fiktiven Passagen und philosophischen Überlegungen. In diesen "Stoffen" finden sich spannende autobiographische Passagen, die Weber für seine Biografie aber nur mit Vorsicht als Quelle benutzt, denn er kennt Dürrenmatts Hang zum Fabulieren. Schließlich hatte der in der Einleitung zu den "Stoffen" selbst davor gewarnt, die Erinnerungen von Dichtern für "bare, statt für kostbare Münzen" zu nehmen.
Noch immer unterschätzt: Dürrenmatts Spätwerk der "Stoffe"
Weber unterschlägt in seiner Biografie auch nicht, dass der Student eine Zeit lang Anhänger der Schweizer Nazifreunde, der sogenannten "Frontisten" war. Neben der Rebellion gegen seinen christlichen Vater spielte für Dürrenmatt bei dieser jugendlichen Faszination für den Faschismus wohl auch das Gefühl eine Rolle, von den Entwicklungen in Europa mit ihren Aufbrüchen und Katastrophen abgeschnitten zu sein, gefangen in der Schweiz in einem Zustand ängstlichen Stillhaltens.
"Ich komme nicht von der Literatur, sondern natürlich auch vom Erleben her, und vielleicht noch mehr vom Nicht-Erleben. Das ist ein sehr schweizerisches Thema, denn ich komme von einem verschonten Lande her, und da war nun das Urmotiv: was setze ich dieser Welt entgegen, von der ich verschont bin?"
Ulrich Weber beleuchtet in seiner Biografie ausführlich das zeitliche, politische und geistesgeschichtliche Umfeld von Friedrich Dürrenmatt. Er widmet sich auch ausführlich dem Privatmann, von dem bisher wenig bekannt war, denn der Schweizer sprach ungern über Privates.
Dünnhäutig war Dürrenmatt, er legte sich mit Kritikern an, zerstritt sich mit Theaterleuten und zog sich nicht zufällig auf einen Berg am Neuenburger See zurück. Dort stand sein Teleskop, mit dem er gern den Sternenhimmel beobachtete, und dort lebte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf Distanz zum Kulturbetrieb. Das änderte sich 1956 nach dem großen Erfolg von "Der Besuch der alten Dame", dieser Tragikomödie über die Rache einer Frau, in der die Bürger einer Kleinstadt aus Geldgier einen Mord begehen. Mit dem Ruhm kam auch der Reichtum und erlöste die Familie Dürrenmatt aus ihren prekären finanziellen Verhältnissen. Über das Verhältnis des Autors zum Geld überliefert Weber eine schöne Anekdote:
Dürrenmatt sei einmal zu seiner Bank an den Schalter gegangen und habe sich vorgestellt: »Dürrenmatt. Ich hätte gerne eine Million.« Natürlich sei ihm das Geld, das er tatsächlich besaß, nicht über den Schalter gereicht worden; der Filialleiter habe ihm in einem Raum der Bank eine Million in bar auf einem Tisch bereitstellen lassen, darauf habe sich Dürrenmatt bedankt und gesagt, sie könnten das Geld wieder wegräumen. Er habe nur einmal eine Million Schweizer Franken vor Augen haben wollen."
Besessen von der Apokalypse
Trotz seines großen Erfolgs sah Friedrich Dürrenmatt pessimistisch in die Welt. Er war von apokalyptischen Motiven besessen, das zeigt sich auch in seinen Bildern. Dieses Thema könnte tiefschürfender behandelt werden, als Weber es in seiner Biografie tut, ebenso Dürrenmatts Hinterfragung von Recht und Gerechtigkeit, ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht.
Ulrich Weber hält sich jedoch mit Analysen zurück, aber er liefert mit seinem umfassenden Material eine wichtige Grundlage zu Interpretationen des Werks. Seine Biografie stellt zwar das gesamte Opus vor, ist aber auf den Schriftsteller und Menschen Dürrenmatt in seiner Zeit fokussiert. Nach der Lektüre ist man mit Fritz quasi per du, kennt seine Lebensfreude und seine Depressionen, seine Gedanken und seine Art zu arbeiten, seinen Umgang mit Menschen, mit der Familie, mit Freunden. Und man bewundert zusammen mit dem Biografen die enorme schöpferische Kraft dieses Schweizer Autors, der trotz vieler Krisen nie den Mut zu kreativen Experimenten verlor, denn
"Im Grunde ist jede künstlerische Angelegenheit ein Wagnis, und man muss auch das Scheitern wagen. Wer das Scheitern nicht wagt, der soll die Hände von der Kunst lassen."
Ulrich Weber: "Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie"
Diogenes Verlag, Zürich. 713 Seiten, 28 Euro