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Startseite@mediasresWarum verlässt Julia Jäkel Gruner+Jahr?31.03.2021

Umbruch bei Bertelsmann und RTLWarum verlässt Julia Jäkel Gruner+Jahr?

Eine Personalie sorgt für Aufruhr in der Medienbranche: Die erfolgreiche Chefin von "Gruner+Jahr" verlässt kurzfristig den Verlag. Hintergrund könnte die anstehende Übernahme des Verlags durch "RTL" sein, sagt Medienökonom Frank Lobigs.

Text: Nina Magoley; Frank Lobigs im Gespräch mit Christoph Sterz

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15.09.2018, Hamburg: Julia Jäkel, Gruner+Jahr-Chefin, spricht im Rahmen des „Tages des Journalismus“, an dem das Magazin "Stern" seine Redaktion für Besucher öffnet, auf dem Podium über die Rolle der Medien. Foto: Markus Scholz/dpa (dpa/Markus Scholz)
Nicht mehr länger "Gruner + Jahr"-Chefin: Julia Jäkel (dpa/Markus Scholz)
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Sie gilt als diejenige, die den klassischen Zeitungsverlag "Gruner+Jahr" (G+J) erfolgreich ins Zeitalter der Digitalisierung geschoben hat: Julia Jäkel, seit zehn Jahren Geschäftsführerin des Hambuger Verlagshauses. Ihr am Mittwoch bekannt gegebener Abschied kommt für viele Medienbeobachter überraschend.

In einer Mitteilung erklärte Jäkel, ihr Schritt sei "eine ganz persönliche Lebensentscheidung. Das vergangene Jahr hat auch bei mir Gedanken darüber ausgelöst, was das Leben noch mit einem anstellen kann." Sie brauche jetzt mehr Raum, und habe aus diesem Grund "Bertelsmann gebeten, mir dies zu ermöglichen".

Der Abschied kommt nicht nur deshalb überraschend, weil Jäkel bislang auf ihrem Posten als außerordentlich erfolgreich galt. Ihr Aufstieg im Verlag verlief steil: Zunächst Leiterin verschiedener Ressorts und Abteilungen bei "Gruner+Jahr" - darunter "Brigitte", "Gala" oder "National Geographic Deutschland" - wurde sie 2012 in den Vorstand von "Gruner+Jahr" berufen. Ein halbes Jahr später übernahm sie dort die Chefposition. Seit 2019 war Jäkel auch Vorsitzende des Zusammenschlusses Bertelsmann Content Alliance.

In den vergangenen Jahren war Jäkel mehrfach für ihr Wirken ausgezeichnet worden: 2016 wählten die Medienbeobachter bei Kress sie zur "Medienmanagerin des Jahres". Die Medienzeitung Horizont verlieh ihr die Auszeichnung "Medienfrau des Jahres 2017", und beim Deutschen Mediapreis 2018 wurde sie als "Mediapersönlichkeit des Jahres" geehrt. 

Neuer Chef kommt von RTL, bleibt bei RTL 

Jäkels Nachfolger schon ab 1. April ist der 46-jährige Stephan Schäfer, der bereits seit 2013 Mitglied der "G+J"-Geschäftsführung ist. Und hier wird die Neuigkeit vom Wechsel an der Spitze pikant: Schäfer ist seit Februar 2019 gleichzeitig auch Geschäftsführer des Bereichs Inhalte & Marken bei der Mediengruppe RTL Deutschland.

"RTL" wiederum gehört, wie auch "Gruner+Jahr", dem mächtigen Bertelsmann-Konzern mit Sitz in Gütersloh. Experten sehen in der Neubesetzung keinen Zufall, sondern viel mehr ein "großes Signal", wie der Medienökonom Frank Lobigs von der TU Dortmund im @mediasres-Interview sagt. Möglicherweise werde es für die Redaktionen bei "Gruner+Jahr" in Hamburg "bald ungemütlich".

"RTL wird Gruner und Jahr übernehmen"

Erst kürzlich hatte Bertelsmann-Chef Thomas Rabe angekündigt, die beiden Tochterfirmen "G+J" und "RTL" künftig enger miteinander zu verzahnen. Nun hat er Schäfer, der bereits unter seiner Leitung bei "RTL" in führender Position ist, zum neuen Chef des (Noch-)Zeitschriftenverlags ernannt. "Diese beiden Männer machen jetzt ernst", deutet Lobigs diesen Schritt: Man könne sich "darauf gefasst machen, dass RTL im Sommer Gruner+Jahr übernehmen wird".

Dass diese beiden grundsätzlich doch sehr unterschiedlich aufgestellten Medienhäuser demnächst verschmolzen werden sollen, könnte für Julia Jäkel Anlass gewesen sein, den Job zu quittieren, vermutet Lobigs. Tatsächlich könne man vor dem Hintergrund der "großen journalistischen Vergangenheit von Gruner+Jahr" bei einer solchen Liäson durchaus "nachdenklich" werden. Selbst vor dem Hintergrund, dass der Druck auf dem Medienmarkt durch die digitale Entwicklung mittlerweile groß ist und Zusammenschlüsse allein für Synergieeffekte nicht selten sind.

"Man will seriöser werden"

Ganz pessimistisch will er dennoch nicht sein: Auch bei "RTL" seien derzeit Veränderungen zu beobachten. Neue Formate mit Hape Kerkeling oder dem ehemaligen Tagesschausprecher Jan Hofer etwa sind angekündigt - Tendenzen, die darauf hindeuten könnten, "dass man seriöser werden will".

Und nicht nur das: Auch die neueste Ankündigung des Senders, in die Berichterstattung zum Klimawandel einzusteigen, klingt überraschend: Mit der Initiative "Klima vor acht", die eigentlich mit der ARD um einen Platz kurz vor der Tagesschau verhandelt hatte, könnte es jetzt stattdessen ein Format im Privatsender "RTL" geben.

Bertelsmann greift auch nach Streamingdiensten

Experte Lobigs wertet das als Akt der "direkten Konfrontation mit den Öffentlich-Rechtlichen". Die Privaten griffen damit nun offensiv nach deren Publikum - "das ist neu auf dem deutschen Fernsehmarkt." Und der Griff reiche noch weiter: Bertelsmann habe längst eine "Inhalte-Allianz" geschmiedet, einschließlich des Fernsehproduzenten "Ufa", der zu "RTL" gehört. "Man will zeigen, dass man auf allen Märkten unterwegs ist", sagt er, auch als stärkster nationaler Anbieter von Streamingdiensten.

Es rumort bei "RTL" - oder besser: beim Medienriesen Bertelsmann. Für ihn, sagt Lobigs, sei das alles eindeutig: "Man will einen nationalen Crossmedia-Champion bilden." Vielleicht ein Grund, warum Julia Jäkel jetzt erforschen will, "was das Leben noch mit einem anstellen kann".

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