Donnerstag, 29.10.2020
 
Seit 22:50 Uhr Sport aktuell
StartseiteInterviewPsychologe: Überzeugen statt überreden21.06.2020

Umgang mit Corona-Warn-AppPsychologe: Überzeugen statt überreden

Der Psychologe Ralph Hertwig hält es für sinnvoll, im Umgang mit der Corona-Warn-App auf die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger zu vertrauen. Wichtig sei eine Kommunikation auf Augenhöhe, sagte er im Dlf. Gute Argumente wirkten besser als "Stupsen" oder finanzielle Anreize.

Ralph Hertwig im Gespräch mit Benedikt Schulz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Person mit Schutzmaske blickt auf ihr Smartphone. Die App zeigt "Niedriges Risiko" einer Ansteckung an. (picture alliance / Sven Simon)
Der Psychologe Ralph Hertwig setzt beim Umgang mit der Corona-Warn-App auf einen transparenten demokratischen Diskurs (picture alliance / Sven Simon)
Mehr zum Thema

Corona-Warn-App Erstaunlich reibungslos für ein Regierungsprojekt

Corona-Warn-App Runterladen oder nicht?

Corona-Warn-App "Nur ein digitales Helferlein"

Seit einer knappen Woche ist die Corona-Warn-App in Deutschland verfügbar. Damit sie ihren Zweck erfüllt, sollte sie, so sagen es die Macherinnen und Macher und die Bundesregierung, von möglichst vielen Menschen installiert und genutzt werden. Doch zwingen kann man dazu niemanden in einem freiheitlichen Rechtsstaat. Es sind also Überzeugungsstrategien gefragt.

Zu sehen sind Hände, die ein Smartphone halten. Auf dem Display wird das rot-blaue Logo der Corona-Warn-App des Bundes angezeigt. (dpa / Michael Kappeler) (dpa / Michael Kappeler)So funktioniert die deutsche Corona-Warn-ApppDie offizielle Corona-Warn-App der Bundesregierung ist auf dem Markt. Sie soll Nutzer frühzeitig über einen Kontakt zu einem Infizierten informieren und helfen, Infektionsketten zurückzuverfolgen. Experten bewerten die App überwiegend positiv – aber es gibt auch Kritikpunkte. Ein Überblick.

Finanzielle Anreize hält der Psychologe Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, für "hochproblematisch". Es könne der Eindruck entstehen, dass diejenigen, die es sich leisten können, die App nicht installierten und diejenigen, die es finanziell nötiger haben, sich genötigt fühlen würden, sie herunterzuladen. "Das ist nicht die Art und Weise, wie man mit dem mündigen Bürger kommunizieren sollte. Da gibt es sicher andere Möglichkeiten, zu überzeugen."

Von allen Möglichkeiten staatlichen Handelns – Anordnungen, finanzielle Anreize oder Nudging (deutsch: Stupsen) – präferiert er das sogenannte Boosting: "Es geht darum, wichtige Kompetenzen des Entscheidens beim Staatsbürger zu fördern. Ich denke, auf Augenhöhe zu kommunizieren, heißt, über Argumente zu kommunizieren und über einen demokratischen transparenten Diskurs mit den Bürgern zu kommunizieren."  

Deskriptive und injunktive Normen

Der Psychologe unterscheidet zwei verschiedene Normen: Die deskriptive Norm beschreibt, was andere Menschen tun. Wenn Menschen häufig in Medien hören, die App ist schon soundsoviele Male heruntergeladen worden, orientieren sich viele daran und installieren sie ebenfalls. Der Verweis funktioniert aber nur, wenn in  der Tat viele die App heruntergeladen haben.

Die Corona-Warn-App mit der Seite zur Risiko-Ermittlung ist im Display eines Smartphone vor der Kuppel des Reichstags zu sehen. (Michael Kappeler/dpa) (Michael Kappeler/dpa)Corona-Warn-App: Noch viel EntwicklungDie Corona-Warn-App wurde sehr schnell entwickelt. Dabei sind auch einige Dinge auf der Strecke geblieben. Die sollen nun nachgeholt werden. Ein Überblick über den Entwicklungsstand der App.

Injunktive Normen besagen, was in der Situation ethisch oder normativ richtig ist – etwa der Verweis auf das Allgemeinwohl, "dass das, was ich tue, einen Beitrag zu dem öffentlichen Gut, dem Schutz der anderen, leistet. Es kann aber auch einfach eine gerontologische Überlegung sein, ein kantischer Imperativ: Du sollst den anderen schützen. Das wäre auch eine Möglichkeit, zu kommunizieren."

Welcher der beiden Zugänge besser wirke, hänge vom Kontext ab.

Argumente auf Bevölkerungsgruppen zuschneiden

Ralph Hertwig zitiert eine amerikanische Studie, die besagt, dass Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugung auf ganz unterschiedliche Argumente ansprechen. So habe man beispielsweise gefragt: Was sollte der Staat tun, um mit dem Problem Übergewicht umzugehen? Konservative haben sich besonders überzeugen lassen von dem Argument, dass Übergewicht dazu führt, dass die Rekruten nicht mehr so fit sind, also die Verteidigungsbereitschaft des Landes untergraben wird. Die Liberalen haben sich insbesondere interessiert für das Thema Chancengleichheit: Sind die Übergewichtigen diejenigen, die langfristig weniger Chancen in ihrem Leben haben? Aus dieser Studie zieht Ralph Hertwig die Schlussfolgerung, "dass man gute Arguemente im politischen Kontext für ein bestimmtes Publikum unterschiedlich gewichten muss".

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk