
Der Soziologe Rauf Ceylan sprach in Anspielung auf die US-Gesinnung des American Dream von der "Umsetzung des deutschen Traums". Wenn ein Kind von Eltern aus der Gastarbeitergeneration zum Landesvater aufsteige, zeige das, dass die Leistungsgesellschaft funktioniere und Herkunft nicht über Zukunft entscheide, sagte er der FAZ.
Die Türkische Gemeinde in Deutschland würdigte den Wahlsieg des Grünen-Politikers Özdemir als historischen Schritt zu mehr politischer Repräsentation der deutschen Gesellschaft. Der Bundesvorsitzende des Vereins, Sofuoğlu, teilte mit, Özdemir könne der erste Ministerpräsident mit türkischer Migrationsgeschichte in Deutschland werden, und das nach 71 Jahren moderner und 65 Jahren türkischer Einwanderungsgeschichte. Das sei ein echter Erfolg.
"Mit Özdemirs Sieg sind wir einen Schritt weiter bei der Repräsentation der Bevölkerung, wie sie tatsächlich existiert"
Özdemirs Migrationshintergrund allein sage zwar noch nichts über dessen politische Qualitäten oder Inhalte aus. Mit dessen Sieg sei man als Gesellschaft aber einen Schritt weiter bei der politischen Repräsentation der Bevölkerung, wie sie tatsächlich existiere und wie man sie jeden Tag erlebe. Fast 40 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg hätten eine Zuwanderungsgeschichte, aber nur 12 Prozent säßen im Parlament. Özdemirs Wahlsieg sei also leider eine große Ausnahme und nicht die Normalität.
Auch der Grünen-Politiker und Bundestagsvize Nouripour nannte die Wahl Özdemirs historisch.
Auch Kritik an Özdemir wegen Politik gegen Migranten
Zugleich gibt es Zweifel an Özdemir. Der Vorsitzende der Grünen Jugend, Bobga, hielt Özdemir unter anderem vor, Politik gegen Migranten zu machen. Bobga, dessen Vater in Kamerun geboren wurde, sagte, was bringe ihm ein Ministerpräsident mit Migrationsgeschichte, wenn dessen Politik sich oft gegen Migranten richte?
Zudem fordere er Özdemir auf, den umstrittenen Tübinger Oberbürgermeister Palmer nicht ins Kabinett zu holen. Palmer, als dessen – Zitat – "besserer Kumpel und Trauzeuge" – dürfe in der Regierungsbildung keine Rolle spielen. Özdemir könne nicht allein regieren, sondern müsse das als Teil der grünen Partei machen. Özdemir hatte sich im Wahlkampf wiederholt mit dem Ex-Grünen-Politiker Palmer gezeigt und sich mitten im Wahlkampf von diesem trauen lassen. Palmer war nach massiver innerparteilicher Kritik unter anderem wegen Äußerungen über Menschen mit einem Migrationshintergrund bei den Grünen ausgetreten. Ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn lief bereits. Özdemir gilt als Vertreter des Realo-Flügels der Partei.
Diese Nachricht wurde am 10.03.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
