Holl: Guten Tag, Herr Capellan.
Capellan: Herr Holl, Sie wissen aus Erfahrung, wie schwer es ist, die verschiedenen Ethnien unter einen Hut zu bringen. Sie haben es seinerzeit versucht in Afghanistan. Ohne die Paschtunen, die in ihrer Mehrheit vor fünf Jahren den Siegeszug der Taliban ja unterstützen, kann es eine neue Regierung wohl nicht geben. Oder sehen Sie das anders?
Holl: Vielleicht noch mal ein Wort zu Herrn Brahimi, den Sie eben so kurz apostrophiert haben: Brahimi ist natürlich ein sehr erfahrener Verhandlungsführer der Vereinten Nationen, er ist ja ehemaliger algerischer Außenminister. Klar, wir sind uns damals gegenseitig ein bisschen auf die Füße getreten, aber das ändert nichts daran, dass dieser Mann inzwischen ein vorzüglicher Kenner Afghanistans ist. Er ist seit Ende 90 da tätig und ihm ist natürlich auch klar, dass es ohne die Paschtunen nicht geht. Es gibt im Augenblick viele Probleme. Eines der Probleme ist natürlich: Wer spricht für die Paschtunen? Wir haben uns bisher ja an die Situation gewöhnt, dass die Taliban als die Repräsentanten der paschtunischen Bevölkerung galten - die existieren offenbar nicht mehr -, aber es gibt ein Vakuum. Der König in Rom hat ja seinerseits eine Initiative lanciert: Es ist die alte Idee einer großen Stammesversammlung, was man als Loya Jorga bezeichnet, und ganz sicher möchte der König und auch viele andere Paschtunen, dass er diese Rolle übernimmt. Aber er kann eben auch nur Repräsentant einer Bevölkerungsgruppe sein, der wichtigsten, nämlich der Paschtunen. Das wir Brahimi auch so sehen.
Capellan: Herr Holl, täuscht denn der Eindruck, dass offenbar auch Herr Brahimi ein bisschen ratlos ist, denn weder die Paschtunen werden ausdrücklich erwähnt, vor allen Dingen aber nicht die Nordallianz?
Holl: Ja, Herr Kappellen, ich glaube im Moment ist jeder überrannt - Sie, ich, Brahimi, der amerikanische Präsident Busch. Die Entwicklung hat sich ja dermaßen rasant entwickelt, dass wir im Augenblick eine gewisse Rivalität von Friedensinitiativen haben. Ich nenne hier nur einzelne Dinge, die bisher nicht erwähnt worden sind: Saudi-Arabien und Pakistan fordern die Entsendung von Blauhelmen aus islamischen Ländern, es gibt Initiativen westlicher Länder, Großbritannien, Australien, auch Frankreich wollen ihre eigenen Leute dahin schicken. Es gibt jetzt den Fünf-Punkte-Plan von Brahimi, Sahir Schah wird zurück kommen, der formell noch immer anerkannte Präsident Rabbani ist offenbar wieder zurück in Kabul, in welcher Eigenschaft auch immer. Wir haben hier also ein großes Gedränge von politischen Persönlichkeiten und Konzepten, und da muss die UNO zunächst mal für Ordnung sorgen.
Capellan: Ja, für Ordnung sorgen, sagen Sie - mit Friedenstruppen?
Holl: Also ich habe da eben einen gewissen Widerspruch in der Kommentierung aus New York gehört. Auf der einen Seite sieht der Plan, dessen Wortlaut ich im Augenblick natürlich nicht kenne, die Dislozierung von Sicherheitskräften vor, lehnt aber, wie es ebenfalls heißt, die Aufstellung von Blauhelmen ab. Ich habe hinsichtlich der Blauhelme aus der Distanz immer ein kleines Fragezeichen gesetzt. Die große Veto-Position gegen den Einsatz von Blauhelmen ist inzwischen aus dem Wege geräumt. Das war nämlich die Taliban. Ich glaube, dass die Mehrheit der übrigen Afghanen durchaus mit der früh beginnenden Entsendung von Blauhelmen einverstanden wäre. Ich nehme an, dass Brahimi Gründe für sein Zögern hat, die mir unbekannt sind.
Capellan: Aber wäre es nicht sinnvoller, die internationale Staatengemeinschaft an der militärischen Sicherung eines Friedens als Ganzes zu beteiligen und nicht, wie es ja offenbar jetzt geplant ist, vornehmlich Franzosen oder Briten ins Lande zu schicken?
Holl: Ja, das ist in der Tat eine sehr wesentliche Frage. Ich habe ja eben erwähnt, dass zwei sehr wichtige und an Afghanistan sehr interessierte Nachbarländer, oder indirekte Nachbarländer, Pakistan auf der einen Seite, Saudi-Arabien auf der anderen Seite, bereits vorgeschlagen haben, islamische Friedenstruppen zu entsenden. Das war auch in früheren Jahren eher die Präferenz. Es gibt ja jede Menge moderate muslimische Länder. Ich bin zuletzt Botschafter in Malaysia gewesen. Malaysia war immer ganz oben auf der Liste potenzieller Länder, die moderate Friedenstruppen islamischen Hintergrunds nach Afghanistan entsenden konnten, denn man muss natürlich auch ein bisschen auf die Mentalität einer in ihrer großen Masse ja noch sehr rückwärts gerichteten Bevölkerung nehmen. Und das ist ja nun mal ein tief islamisches Land, weshalb wahrscheinlich auf längere Sicht, Friedenstruppen aus moderaten islamischen Ländern - und davon gibt es ja 20, 30 - die kann man ja aufzählen - möglicherweise die besseren Chancen, das größere Beruhigungspotenzial besitzen als Vertreter westlicher Länder.
Capellan: Herr Holl, könnte das denn auch die Nord-Allianz beeindrucken, denn es stellt sich ja in der Tat die Frage, ob sich die Nord-Allianz überhaupt noch reinreden lassen wird, wen sie an einer Regierung beteiligen lässt.
Holl: Ja. Herr Capellan, Sie stellen eine kluge Frage nach der anderen. Das sind im Augenblick nur Fragezeichen. Ich kann nur dringend davor warnen, vor dem was ich als eine restaurative Politik bezeichnen würde, d.h. also dass man das Rad der Geschichte vier Jahre zurück dreht und den Prozessor Rabbani wieder als Präsident von Afghanistan etabliert. Das wäre natürlich verheerend für das gesamte Land. Es würde keineswegs zur Befriedung des Landes beitragen, insbesondere würde sich der gewaltige Block der Paschtunen mit einem tadschikischen Präsidenten Rabbani nicht identifizieren können. Das wäre eine Neuauflage der ethnischen Spannungen, die wahrscheinlich zu erneuten ethnischen Auseinandersetzungen führen würden. Die Nord-Allianz - das ist auch die Antwort auf die Frage, die Sie eben gestellt haben, warum die Nord-Allianz nicht besonders genannt wird - darf nicht besonders erwähnt werden. Sie hat, auch nach meinen Konzept, keine privilegierte Rolle zu spielen.
Capellan: Aber Sie wird sicherlich eine Rolle spielen. Wir müssen das weiter verfolgen, denke ich. Norbert Holl war das, ehemaliger UN-Sonderbotschafter für Afghanistan. Herr Holl, haben Sie vielen Dank. Auf Wiederhören.
Capellan: Herr Holl, Sie wissen aus Erfahrung, wie schwer es ist, die verschiedenen Ethnien unter einen Hut zu bringen. Sie haben es seinerzeit versucht in Afghanistan. Ohne die Paschtunen, die in ihrer Mehrheit vor fünf Jahren den Siegeszug der Taliban ja unterstützen, kann es eine neue Regierung wohl nicht geben. Oder sehen Sie das anders?
Holl: Vielleicht noch mal ein Wort zu Herrn Brahimi, den Sie eben so kurz apostrophiert haben: Brahimi ist natürlich ein sehr erfahrener Verhandlungsführer der Vereinten Nationen, er ist ja ehemaliger algerischer Außenminister. Klar, wir sind uns damals gegenseitig ein bisschen auf die Füße getreten, aber das ändert nichts daran, dass dieser Mann inzwischen ein vorzüglicher Kenner Afghanistans ist. Er ist seit Ende 90 da tätig und ihm ist natürlich auch klar, dass es ohne die Paschtunen nicht geht. Es gibt im Augenblick viele Probleme. Eines der Probleme ist natürlich: Wer spricht für die Paschtunen? Wir haben uns bisher ja an die Situation gewöhnt, dass die Taliban als die Repräsentanten der paschtunischen Bevölkerung galten - die existieren offenbar nicht mehr -, aber es gibt ein Vakuum. Der König in Rom hat ja seinerseits eine Initiative lanciert: Es ist die alte Idee einer großen Stammesversammlung, was man als Loya Jorga bezeichnet, und ganz sicher möchte der König und auch viele andere Paschtunen, dass er diese Rolle übernimmt. Aber er kann eben auch nur Repräsentant einer Bevölkerungsgruppe sein, der wichtigsten, nämlich der Paschtunen. Das wir Brahimi auch so sehen.
Capellan: Herr Holl, täuscht denn der Eindruck, dass offenbar auch Herr Brahimi ein bisschen ratlos ist, denn weder die Paschtunen werden ausdrücklich erwähnt, vor allen Dingen aber nicht die Nordallianz?
Holl: Ja, Herr Kappellen, ich glaube im Moment ist jeder überrannt - Sie, ich, Brahimi, der amerikanische Präsident Busch. Die Entwicklung hat sich ja dermaßen rasant entwickelt, dass wir im Augenblick eine gewisse Rivalität von Friedensinitiativen haben. Ich nenne hier nur einzelne Dinge, die bisher nicht erwähnt worden sind: Saudi-Arabien und Pakistan fordern die Entsendung von Blauhelmen aus islamischen Ländern, es gibt Initiativen westlicher Länder, Großbritannien, Australien, auch Frankreich wollen ihre eigenen Leute dahin schicken. Es gibt jetzt den Fünf-Punkte-Plan von Brahimi, Sahir Schah wird zurück kommen, der formell noch immer anerkannte Präsident Rabbani ist offenbar wieder zurück in Kabul, in welcher Eigenschaft auch immer. Wir haben hier also ein großes Gedränge von politischen Persönlichkeiten und Konzepten, und da muss die UNO zunächst mal für Ordnung sorgen.
Capellan: Ja, für Ordnung sorgen, sagen Sie - mit Friedenstruppen?
Holl: Also ich habe da eben einen gewissen Widerspruch in der Kommentierung aus New York gehört. Auf der einen Seite sieht der Plan, dessen Wortlaut ich im Augenblick natürlich nicht kenne, die Dislozierung von Sicherheitskräften vor, lehnt aber, wie es ebenfalls heißt, die Aufstellung von Blauhelmen ab. Ich habe hinsichtlich der Blauhelme aus der Distanz immer ein kleines Fragezeichen gesetzt. Die große Veto-Position gegen den Einsatz von Blauhelmen ist inzwischen aus dem Wege geräumt. Das war nämlich die Taliban. Ich glaube, dass die Mehrheit der übrigen Afghanen durchaus mit der früh beginnenden Entsendung von Blauhelmen einverstanden wäre. Ich nehme an, dass Brahimi Gründe für sein Zögern hat, die mir unbekannt sind.
Capellan: Aber wäre es nicht sinnvoller, die internationale Staatengemeinschaft an der militärischen Sicherung eines Friedens als Ganzes zu beteiligen und nicht, wie es ja offenbar jetzt geplant ist, vornehmlich Franzosen oder Briten ins Lande zu schicken?
Holl: Ja, das ist in der Tat eine sehr wesentliche Frage. Ich habe ja eben erwähnt, dass zwei sehr wichtige und an Afghanistan sehr interessierte Nachbarländer, oder indirekte Nachbarländer, Pakistan auf der einen Seite, Saudi-Arabien auf der anderen Seite, bereits vorgeschlagen haben, islamische Friedenstruppen zu entsenden. Das war auch in früheren Jahren eher die Präferenz. Es gibt ja jede Menge moderate muslimische Länder. Ich bin zuletzt Botschafter in Malaysia gewesen. Malaysia war immer ganz oben auf der Liste potenzieller Länder, die moderate Friedenstruppen islamischen Hintergrunds nach Afghanistan entsenden konnten, denn man muss natürlich auch ein bisschen auf die Mentalität einer in ihrer großen Masse ja noch sehr rückwärts gerichteten Bevölkerung nehmen. Und das ist ja nun mal ein tief islamisches Land, weshalb wahrscheinlich auf längere Sicht, Friedenstruppen aus moderaten islamischen Ländern - und davon gibt es ja 20, 30 - die kann man ja aufzählen - möglicherweise die besseren Chancen, das größere Beruhigungspotenzial besitzen als Vertreter westlicher Länder.
Capellan: Herr Holl, könnte das denn auch die Nord-Allianz beeindrucken, denn es stellt sich ja in der Tat die Frage, ob sich die Nord-Allianz überhaupt noch reinreden lassen wird, wen sie an einer Regierung beteiligen lässt.
Holl: Ja. Herr Capellan, Sie stellen eine kluge Frage nach der anderen. Das sind im Augenblick nur Fragezeichen. Ich kann nur dringend davor warnen, vor dem was ich als eine restaurative Politik bezeichnen würde, d.h. also dass man das Rad der Geschichte vier Jahre zurück dreht und den Prozessor Rabbani wieder als Präsident von Afghanistan etabliert. Das wäre natürlich verheerend für das gesamte Land. Es würde keineswegs zur Befriedung des Landes beitragen, insbesondere würde sich der gewaltige Block der Paschtunen mit einem tadschikischen Präsidenten Rabbani nicht identifizieren können. Das wäre eine Neuauflage der ethnischen Spannungen, die wahrscheinlich zu erneuten ethnischen Auseinandersetzungen führen würden. Die Nord-Allianz - das ist auch die Antwort auf die Frage, die Sie eben gestellt haben, warum die Nord-Allianz nicht besonders genannt wird - darf nicht besonders erwähnt werden. Sie hat, auch nach meinen Konzept, keine privilegierte Rolle zu spielen.
Capellan: Aber Sie wird sicherlich eine Rolle spielen. Wir müssen das weiter verfolgen, denke ich. Norbert Holl war das, ehemaliger UN-Sonderbotschafter für Afghanistan. Herr Holl, haben Sie vielen Dank. Auf Wiederhören.
