Mittwoch, 19.06.2019
 
Seit 10:10 Uhr Länderzeit
StartseiteForschung aktuellAntibiotika-Therapien schädigen die Darmflora über Monate14.12.2018

Unerwünschte NebenwirkungAntibiotika-Therapien schädigen die Darmflora über Monate

Wer Antibiotika nimmt, bringt seine Darmflora durcheinander. Denn neben gefährlichen Krankheitserregern töten die Medikamente auch nützliche Bakterien. In einem Experiment haben Forscher nun systematisch untersucht, wie nachhaltig eine Antibiotikabehandlung die Darmflora schädigt.

Von Christine Westerhaus

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bakterien der Art Enterococcus faecalis können freie Elektronen untereinander austauschen (imago stock&people)
Bakterien der Art Enterococcus Faecalis sind Teil der menschlichen Darmflora und können schwere Harnwegsinfektionen auslösen. (imago stock&people)
Mehr zum Thema

Antibiotika-Einnahme Weniger ist mehr

Martin J. Blaser: "Antibiotika overkill" Wenn Antibiotika bei Kindern überhandnehmen

Bakteriophagen statt Antibiotika "Hier fehlt der politische Druck"

Antibiotika retten viele Leben. Doch sie wirken unspezifisch und töten auch nützliche Bakterien in unserem Körper ab. Sofia Forslund vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin und ihre Kollegen haben nun an Freiwilligen untersucht, wie gut sich die Mikroben nach einem Radikalschlag erholen. Dazu haben sie 12 gesunden Männern einen Mix aus verschiedenen Antibiotika verabreicht. Ein solcher Cocktail wird zum Beispiel dann eingesetzt, wenn sich jemand mit einem resistenten Erreger angesteckt hat, sagt die aus Schweden stammende Sofia Forslund.

"Diese Antibiotikakombination hat fast alle Bakterien im Darm ausgerottet. Doch nach sechs Monaten ungefähr hatte sich die Bakteriengemeinschaft nahezu auf ihr ursprüngliches Niveau eingependelt. Überraschend war, dass die ersten Bakterien, die sich nach der Behandlung wieder ansiedelten, zu ganz anderen Stämmen gehörten, als diejenigen, die wir nach sechs Monaten fanden. In etwa so wie nach einem Waldbrand, bei dem sich ja auch erst ganz andere Pflanzen ansiedeln. Und diese ersten Darmbesiedler waren eher Mikroben, die auch Krankheiten auslösen können."

Unerwünschte Darmbewohner kehren zuerst zurück

Die Forscher entdeckten in den Bakterien außerdem Stoffwechselprodukte, die eher schädlich sind. Das erkläre, warum viele Menschen nach einer Antibiotikakur Darmprobleme bekommen, so Sofia Forslund.

"Außerdem blieben ein paar Bakterienstämme nach der Behandlung dauerhaft verschwunden. Und von einigen dieser Mikroben wissen wir, dass sie die Darmwand schützen und damit verhindern, dass schädliche Stoffe ins Innere des Körpers gelangen. Es lässt sich also definitiv sagen, dass eine solche Antibiotikabehandlung die Bakteriengemeinschaft im Darm durcheinander bringt. Auch wenn der Darm anschließend wieder besiedelt wird."

Bei Menschen, die den kräftigen Antibiotika-Cocktail über längere Zeiträume oder wiederholt einnehmen müssen, kann es deshalb zu Problemen kommen, meint Sofia Forslund. Besonders anfällig sind aber Kinder für Störungen. Denn bei ihnen ist die Bakteriengemeinschaft häufig noch nicht so stabil wie bei Erwachsenen.

Bei Kindern leidet die Darmflora stärker

"Das haben wir in einer früheren Studie mit Kindern in einer Tagesstätte in Finnland beobachtet: Antibiotika verzögern die Reife der Darmflora. Allerdings wirken Macrolid-Antibiotika verheerender als Penicillin. Wie stark der Effekt ist, hängt natülich davon ab, wie gut sich Darmflora bei den Kindern schon etabliert hat. Aber ich würde in jedem Fall erwarten, dass Kinder empfindlicher für Störungen sind, als Erwachsene."

Doch es gibt Möglichkeiten, der Darmflora nach einer radikalen Antibiotika-Kur wieder auf die Sprünge zu helfen: Vor kurzem hat eine Forschergruppe gezeigt, dass eine Stuhltransplantation die ursprüngliche Mikrobengemeinschaft sehr effektiv wieder regenerieren kann. Dazu werden die Bakterien als Stuhlprobe vor der Behandlung entnommen, eingefroren und anschließend wieder in den Darm gespült.

Probiotika können helfen, erwünschte Bakterien wieder anzusiedeln

Einzelne nützliche Mikrobenstämme könnten aber auch über Probiotika wieder angesiedelt werden. Also über lebende Bakterien, die dem Patienten verabreicht werden. 

"Eine Kombination wäre das Beste. Bei den Probiotika hängt es vermutlich von jedem einzelnen ab, wie gut diese wirken. Deshalb funktioniert eine Stuhltransplantation mit den eigenen Bakterien wahrscheinlich am besten. Aber natürlich helfen auch so genannte Pre-Biotika, wie zum Beispiel Ballaststoffe, die nützlichen Bakterien wieder im Darm zu etablieren. Es ist also keine dumme Idee, die Ernährung mit Ballaststoffen zu ergänzen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk