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StartseiteEine WeltUnerwünschter Staatsfeind28.08.2010

Unerwünschter Staatsfeind

Wuer Kaixi - Ein chinesischer Dissident und seine Hoffnung auf Wandel

Wuer Kaixi war einer der Anführer der Studentenbewegung 1989. Heute lebt er im Exil, doch er will zurück nach China, damit man ihm den Prozess macht. Doch Peking verweigert ihm die Einreise - aus Angst vor schlechter Publicity.

Von Klaus Bardenhagen

Wuer Kaixi (Klaus Bardenhagen)
Wuer Kaixi (Klaus Bardenhagen)
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Um Wuer Kaixi in Taipeh unter vier Augen zu sprechen, muss man zum Hauptquartier der Kriminalpolizei gehen. Nicht etwa, weil der chinesische Dissident auch im Exil Probleme mit den Behörden hätte, sondern, weil im Schatten des Polizeihochhauses sein Lieblingscafé liegt. In China gilt Wuer Kaixi seit mehr als 20 Jahren als Staatsfeind. In Taiwan hat er einen Pass bekommen. Und die Freiheit, zu sagen, was er denkt. Zum Beispiel, dass nur die Chinesen selbst ihr Land verändern können:

"Die Welt hatte ihre Chance, China zu zähmen. Aber heute ist es dafür zu groß geworden, und die Welt ist abhängig von China. China sagt, wo es langgeht, und alle laufen hinterher. Gäbe es heute wieder ein Tiananmen-Massaker, ich frage mich, was würde die Welt tun?"

Als Pekings Studenten 1989 mehr Transparenz, Redefreiheit und Demokratie fordern, ist Wuer Kaixi einer der Wortführer. Der stämmige Uigure, rundes Gesicht, dichte Augenbrauen, ist damals 21 Jahre alt:

"Einer der Gründe, warum ich Studentenführer wurde, war wohl meine laute Stimme. Da war dieser junge Student auf der Bühne, der rief: 'Auf zum Tiananmen!' Und 3000 Menschen sind mir gefolgt."

Es werden Hunderttausende. Statt ihren Forderungen Gehör zu schenken, lässt das Regime die Menschen niederwalzen. Wuer Kaixi ist schon auf der Flucht, und viele seiner Mitstreiter sind getötet, als die Zuschauer der ARD-Tagesschau davon erfahren.

Tagesschau: "Von der blutigen Niederschlagung der friedlichen Studentenbewegung vergangene Nacht haben uns heute diese Bilder erreicht.
Plötzlich tauchen die ersten Panzer auf. Sie rollen rücksichtslos in die Menge. Frauen und Männer, sogar Kinder werden ohne Rücksicht umgefahren oder mit Schnellfeuergewehren niedergestreckt. Fliehende Menschen werden durch Schüsse in den Rücken getötet. Ein Pekinger Krankenhaus. Ohne Unterbrechung werden Verletzte eingeliefert. Für viele ist es zu spät. Auf den Gesichtern steht die Verzweiflung über das grauenvolle Blutbad."

Trotz Großfahndung erreicht Wuer Kaixi nach dreiwöchiger Flucht Hongkong. Dann Frankreich, die USA, Taiwan. Er studiert in Harvard, wird Banker und Familienvater. Nach mehr als 20 Jahren könnte er sich zurücklehnen und China sein lassen. Doch der heute 42-Jährige hat noch Hoffnung. Er will nicht, dass in Vergessenheit gerät, wofür die Studenten auf dem Tiananmen gestorben sind:

"Nach 1989 entschied sich Chinas Regierung, mit den Menschen einen Handel abzuschließen: Wir geben Euch wirtschaftliche Freiheit, hieß es, und die Freiheit, reich zu werden. Dafür aber müsstet ihr mit uns zusammenarbeiten. Aber das ist natürlich ein mieser Deal, weil jeder Mensch sowieso ein Recht auf politische und wirtschaftliche Freiheit hat."

Der Kommunismus sei für die Partei nur noch Fassade, sagt Wuer Kaixi, der engen Kontakt mit Dissidenten innerhalb Chinas hält. Dem Regime gehe es vor allem um den eigenen Machterhalt.

"Die Menschen sind damit beschäftigt, Geld zu verdienen, also machen sie keinen Ärger. Denn wenn du selbst Teil des Machtsystems bist und zum privilegierten Kreis gehörst, hast du ausgesorgt. Du kannst reicher werden, als du es dir überhaupt vorstellen kannst. Und genau das passiert. Seit 1992 ist die Gruppe derjenigen, die vom System und seiner Politik profitieren, unheimlich groß geworden."

Doch die Macht der Partei sei in Wahrheit zerbrechlich, sagt Wuer Kaixi. Verschiedene Entwicklungen könnten das Regime dazu zwingen, Zugeständnisse zu machen. Zum einen werde sich die Mehrheit der Bevölkerung bewusst, dass sie eben nicht vom System profitiert. Die allgegenwärtige Korruption und die offene Ungerechtigkeit auch im Justizsystem führten zu Unzufriedenheit, Streiks und Protesten:

"Viele Chinesen sind sehr unzufrieden mit der Regierung. Sie schüchtert alle ein und macht viel Geld auf dem Rücken der Menschen. Das haben sie gar nicht gern. Die Mehrheit schweigt heute noch, aber sie hat ein gutes Gespür dafür, was richtig und was falsch ist."

Und auch das Internet eröffne neue Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und der Kommunikation. Für Dissidenten wie Wuer Kaixi wird Twitter immer wichtiger. Fast 15.000Chinesen folgen seinen Nachrichten schon, obwohl der Staat mit großem Aufwand versucht, das Netz zu zensieren. Unerwartete Kritik komme da jedoch aus Kreisen der chinesischen Wirtschaft, meint Wuer Kaixi, der in Taipeh als Investmentbanker arbeitet.

"Das Internet kann nur wachsen, wenn es keine Beschränkungen gibt. Jede Internetfirma braucht freien Informationsfluss, um gute Geschäfte machen zu können. Auch Chinas Investoren sind da nicht anders. Nun sind aber viele Informationen auch politischer Natur. Und daher fordern Chinas Investoren eine Art Pressefreiheit für die Wirtschaft. Das Regime aber hält dagegen. Es weiß, wenn es dem einen nachgibt, dann kommen die anderen, dann fällt ein Stein nach dem anderen."

Gerade deshalb ist Wuer Kaixi davon überzeugt, den Druck auf das Regime zu erhöhen. Auch damit es kein zweites Massaker gibt wie 1989:

"Sie wissen, dass die nächste Protestwelle noch heftiger ausfallen wird. Daher sollten sie reagieren, so lange sie das Ganze noch im Griff haben. Das zumindest ist die Logik der Dissidentenbewegung. Wir fordern das System immer wieder heraus. Wir lassen die Machthaber wissen, dass wir keine Angst haben. Das ist unsere Botschaft an sie: Wir haben keine Angst, und es gibt immer mehr von uns."

Wenn Wuer Kaixi nächstes Jahr zum dritten Mal versucht, nach China einzureisen, dann geht es ihm nicht nur darum, seine Eltern endlich wiederzusehen. Er weiß auch, dass er dann verhaftet wird, vor Gericht kommt und dass ihm dann der Prozess gemacht wird. Der aber dürfte hohe Wellen schlagen. Wuer Kaixi wundert sich daher nicht, dass Chinas Machthaber ihn heute nicht einreisen lassen wollen. Dass der ehemals meistgesuchte Staatsfeind nicht erwünscht ist:

"Wenn ich zurück nach China ginge, würde ich der Regierung nur Kopfschmerzen bereiten. Würde sie damit zurechtkommen? Ja. Könnte sie die Konsequenzen tragen? Ja. Aber würde sie auch mit hundert anderen wie mir klarkommen? Sie hundertmal vor Gericht stellen, verurteilen und einsperren? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass sich die Regierung da so sicher ist."

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