Sonntag, 14. August 2022

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Ungarn
Erinnerung an dramatische Tage im Bahnhof Budapest Keleti

Ende August 2015 warteten tausende Flüchtlinge am Bahnhof in Budapest darauf, in Richtung Norden weiterreisen zu dürfen. Weil die ungarische Regierung sich nicht um sie kümmerte, halfen unzählige Freiwillige und versorgten sie mit Lebensmitteln. Auch zwei Jahre danach verteidigt die Regierung ihr Vorgehen.

Von Clemens Verenkotte | 04.09.2017

    Menschen drängen sich auf einem Bahnsteig.
    Migranten im Keleti-Ostbahnhof am 30.08.2015. Es habe damals, so sagen später ungarische Menschenrechtsorganisationen, eine Welle der Solidarität geherrscht (dpa/Barbara Essig)
    Bahnhof Budapest Keleti: Touristen, Pendler und Einheimische durchqueren die lichte Eingangshalle. Auf Gleis 11 fährt gerade der Railjet der österreichischen Bahngesellschaft ÖBB ein, der für die Strecke Wien - Budapest rund zwei Stunden und 20 Minuten benötigt.
    An die dramatischen Tage vor zwei Jahren erinnert nichts mehr. Auch im Untergeschoss des Bahnhofs, wo zwischenzeitlich unzählige Flüchtlinge - Kinder, Frauen mit Säuglingen - auf den nackten Steinfließen ausharren mussten, wissen nur noch Zeitungs- und Blumenverkäuferinnen, was für Szenen sich hier abgespielt haben:
    "Die Unterführung war total voll mit Menschen", erinnert sich diese Frau. "Es sah aus wie ein Zeltlager. Sehen Sie die Tische dort? Damals gab es noch zwei hier vorne. Wenn ich morgens zur Arbeit gekommen bin, habe ich Leute gesehen, die auf den Tischen geschlafen haben. Auf den Tischen wurden auch Babys gewickelt. Wir haben sehr viel gearbeitet. Aber wie sie eingekauft haben, war schlimm: Sie haben sich immer vorne angestellt. Die Schlange hat sie nicht interessiert. Sie haben Erfrischungsgetränke gekauft, kein Alkohol. Nur einige haben gesoffen. Getränke und Essen haben sie gekauft. Alles was kein Schweinefleisch beinhaltete. Sie haben alles gekauft. Sie haben viel Geld gehabt. Und sie kamen oft hierher, um Handys zu laden."
    Freiwillige versorgten Flüchtlinge mit Lebensnotwenigem
    Die Rentnerin Mária wohnt unmittelbar am Bahnhof. Für sie sei das eine grauenvolle Zeit gewesen, sagt sie: "Es war schrecklich. Es war unglaublich hier. Als wir gesehen haben, was sie hier alles gemacht haben. Was für ein Dreck hier war. Man konnte es kaum glauben. Und diese Flüchtlinge waren wahnsinnig gut versorgt. Das ungarische Volk bekam kaum etwas Ähnliches. Sie hatten große Flaschen Trinksäfte und die Kinder bekamen alles. Es gab so viele Menschen hier, dass wir nicht an ihnen vorbeigehen konnten."
    Es gab jedoch auch Tausende von Ungarn, die anpackten und als Freiwillige im Wesentlichen die Tausenden von Flüchtlingen mit allem Lebensnotwendigen versorgten. Szilard Kalmar steht am Rande eines Parks, keine 300 Meter vom Bahnhof entfernt: Hier übernachteten alle diejenigen Menschen, die am zwischenzeitlich abgeriegelten Bahnhof Keleti keinen Platz mehr fanden:
    "Es war eine Katastrophe, weil es Anfang September so viele Menschen hier gab, dass wir sie nicht mehr mit Essen und Trinken versorgen konnten. Wir haben es nicht mehr geschafft."
    Ungarische Regierung half bewusst nicht
    In der Küche eines kleinen Kellerrestaurants standen damals Dutzende Helfer, kochten Nudeln und Reis, schmierten belegte Brote, sortierten Zahnpasta-Tuben, trugen Wasserkästen. Wie sich die Helfer damals zusammengefunden haben. "Online natürlich", gibt Szilard zurück:
    "Auf Facebook gab es mehrere Tausend Leute, die sich engagieren wollten. Dort haben wir uns organisiert. Täglich haben wir mehr als 1.000 Menschen Essen und Trinken gegeben, weil damals die Regierung den Menschen bewusst nicht helfen wollte. Und wir sagten uns: Da müssen wir was tun!"
    Den Ungarn Sabosc Todt hielt es Ende August nicht mehr an seinem Wohnort in Österreich - zusammen mit Freunden eilte er zurück in die Ungarische Hauptstadt:. "Die Regierung hat absolut versagt, hat nichts gemacht. Also ich habe da mit meinem Freund geholfen. Der ist auch aus Österreich. Und da war nichts. Die haben wirklich gesichert, keine hygienischen Maßnahmen. Nichts war da."
    Es habe damals, so sagen später ungarische Menschenrechtsorganisationen, eine Welle der Solidarität geherrscht. Tausende von Ungarn hätten Menschen in Not einfach helfen zu wollen:
    "Es war wirklich eine menschliche Katastrophe, was hier fünf Tage stattgefunden hat oder sechs, ich weiß es nicht, wie lange die da waren. Die Polizei war da - nichts ist passiert, also außer wirklich freiwilligen Helfern: Ich habe nichts gesehen."
    Emotional intensive Phase für Helfer
    Das innenpolitische Klima im Land, so bilanziert Marta Pardavi, die Co-Vorsitzende des ungarischen Helsinki Komitees, sei vor zwei Jahren noch ein ganz anderes gewesen:
    "Für die Flüchtlinge, die hier ankamen, und für die Gruppierungen, die sich um Flüchtlinge gekümmert haben und auch politisch war das hier ein anderer Ort."
    Aus dem In- und Ausland seien Menschen zu ihrer Geschäftsstelle gekommen, die als eine Art Anlaufstelle für Flüchtlingshilfe galt - und bis heute gilt, erinnert sich Marta Pardavi: "Hier in diesem Büro erlebten wir wirklich wahnsinnige Tage: Ich glaube, jeder, der den Flüchtlingen helfen wollte, der in Ungarn und Budapest eintraf: Das war eine so intensive, auch emotional intensive Phase."
    Heute, zwei Jahre danach, habe sich die Atmosphäre grundlegend verändert: Die Regierung betreibe seit jenen Septembertagen 2015 eine fremdenfeindliche Stimmungsmache gegen Flüchtlinge - obgleich sich im Land nicht einmal 500 Asylbewerber in den beiden, stacheldrahtumzäunten "Transitlagern" an der Grenze zu Serbien befänden: "Es gibt eine sehr klare Botschaft der ungarischen Regierung, dass Migranten eine Bedrohung sind, und sie nicht hier sein sollten. Und diese Botschaft wird immer wiederholt: auf Plakaten, in öffentlichen Erklärungen in den Medien, in bezahlten Anzeigen und auch in vielen Artikeln und Berichten. Die Bevölkerung hat Angst."
    Regierung wollte am Schengen-Abkommen festhalten
    Ungarns Regierungssprecher Zoltan Kovacs weist diese Anschuldigungen zurück. Er hat eine andere Erinnerung an die Tage Anfang September 2015, die geprägt sei von "der vollkommenen Irregularität dessen, was hier passiert ist. Sowohl an der Grenze, als auch hier im Herzen von Budapest. Und vom kompletten Mangel an Kooperation aufseiten der Migranten. Das bedeutet: Sie wollten ihr Ziel um jeden Preis erreichen."
    Das Ziel lautete Deutschland. Ungarns Regierung habe damals am Schengen-Abkommen festhalten wollen, wonach Flüchtlinge nur über offizielle Grenzübergänge Zutritt zu einem EU-Land haben sollten. Ob es Anfang 2015 eine andere Option gegeben hätte, als die Entscheidung von Bundeskanzlerin Merkel und dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Faymann, die Flüchtlinge nach Norden reisen zu lassen? Der Sprecher von Ministerpräsident Orban gibt zurück:
    "Sowohl die deutsche, als auch die österreichische Regierung verfügten über alle Informationen, die verfügbar waren. Sie hatten also alle Informationen, die wir hatten, weil wir sie ihnen gegeben hatten. Die hätten sehen können, was geschehen würde. Das ist daher die Perspektive, von der man sagen sollte, ob die Entscheidung falsch oder richtig war."
    Sabosc Todt, der mit Freunden am Bahnhof Keleti Flüchtlingen geholfen hatte, ist eines besonders in Erinnerung geblieben - die Reaktionen der Menschen, als es hieß, dass sie weiterfahren durften: "Das war wirklich irgendwie Erleichterung. Mit manchen konnten wir auch auf englisch sprechen. Und die fanden Ungarn die schlimmste Stelle auf ihrer Flucht. Also wirklich von ganz vielen habe ich das persönlich gehört."