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StartseiteForschung aktuellSeevögel sterben in Fischernetzen20.12.2018

Ungewollter BeifangSeevögel sterben in Fischernetzen

Wo Fischer und Seevögel sich in ihren Jagdrevieren begegnen, ziehen die Seevögel oft den Kürzeren: Viele von ihnen verheddern sich in Haken oder Netzen und ertrinken. Auf einer Konferenz in Birmingham fragen Forscher: Wo passiert das besonders häufig und wie kann man das verhindern?

Von Volker Mrasek

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Ein Seemann auf dem Fischtrawler "Gwenvidik" am 13. Dezember 2001 vor der Küste der Bretagne (picture alliance / dpa / Marcel Mochet)
In den begehrten Fangzonen für nordatlantischen Fisch sterben jedes Jahr auch hunderttausende Seevögel (picture alliance / dpa / Marcel Mochet)
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Großbritannien gilt traditionell als Seemacht. Das darf man wohl auch von seiner Fischerei-Flotte sagen, die in der Nordsee operiert. Ein Meer von Fangkuttern!
 
"Die britische Fangflotte besteht aus 12.000 Booten. Dazu kann man noch weitere 2.500 aus Irland addieren. Zusammen macht das fast 15.000 Schiffe, die rund um Großbritannien Fischfang betreiben." Berichtet Sophie de Grissac. Sie ist Französin, forscht aber an der Universität von Swansea in Wales. Das Land grenzt an die Irische und an die Keltische See. Das sind die Meeresgebiete, die Großbritannien und Irland voneinander trennen - und zugleich hochbegehrte Fangzonen für nordatlantischen Fisch.

Seevögel-Bestände gehen zurück

Wenn die Ornithologin in ihren Vorträgen eine Karte mit den Fahrtrouten von Fisch-Trawlern zeigt, wie jetzt in Birmingham, dann gibt es kaum einen weißen Flecken dort, erzählt sie: "Wenn man die Langleinen-Fischerei weiter draußen auf dem Ozean hinzuzählt, sind es noch wesentlich mehr Boote. Viele kommen auch aus Spanien, Portugal, Frankreich und Deutschland. Alle möglichen Länder fischen in dem Gebiet."

Die Ornithologin interessiert sich für diese Region, weil es dort auch riesige Seevogel-Bestände gibt. Eine Kolonie von Atlantik-Sturmtauchern zum Beispiel hat circa 120.000 Brutpaare, eine von Basstölpeln mehr als 50.000. Die Bestände gehen fast alle zurück, und daran hat auch die Fischerei ihren Anteil. Denn viele Seevögel sterben als unbeabsichtigter Beifang der Trawler. Sie verheddern sich in Schlepp- und Stellnetzen oder ertrinken an den Haken von Langleinen im Schlepptau von Fischerbooten: "Es gibt Schätzungen der 'Königlichen Gesellschaft für den Schutz von Vögeln'. Demnach sterben allein in der Nordsee jedes Jahr einhundert- bis zweihundertausend Seevögel als Beifang."

GPS-Sender für Sturmtaucher

Sophie de Grissac hat mehr als 130 Sturmtaucher, Basstölpel und Eissturmvögel aus den Kolonien mit GPS-Sendern ausgestattet. Um zu sehen, wo sie bevorzugt Fische jagen. Und wie stark sie dabei den Trawlern in die Quere kommen. Ob beide "dieselben Lieblingsrestaurants auf dem Meer" haben, wie es die Forscherin formuliert.

Ihr vorläufiges Ergebnis: Das ist nicht bei allen Seevögeln so - aber gerade bei den Arten, die Bestandsrückgänge zeigen: "Ich habe herausgefunden, dass zum Beispiel die Jagdreviere von Nordatlantischen Eissturmvögeln sehr stark mit Fischerei-Zonen überlappen. Genauso ist es bei Basstölpeln. Es gibt bestimmte Hot Spots im Meer, die Vögel und Fischer aufsuchen."

Konkurrenz zwischen Vögeln und Fischern

Eine Rolle spielt dabei sicher auch, dass Seevögel von den Trawlern angelockt werden, weil ihre Besatzungen Fische, die sie gar nicht fangen wollten, über Bord werfen. Es kann aber genauso gut umgekehrt sein: Fischer orientieren sich an jagenden Vogelschwärmen auf See, weil sie wissen, dass es dort etwas zu holen gibt.

Die Daten aus der Irischen und Keltischen See sollen dazu beitragen, mehr über die Konkurrenz zwischen Vögeln und Fischern zu erfahren. Manchmal besteht sie auch nur vorübergehend, zu einer bestimmten Jahreszeit.

Schutzzonen helfen

Luca Borger würde sich wünschen, wenn sich daraus am Ende Schutzmaßnahmen ableiten ließen. Der gebürtige Münsteraner ist Professor für Ökologie an der Universität Swansea. Er meint: "Das Problem ist groß. In allen Meeren sind die Seevögel - werden das weniger und weniger. Die Zahlen zeigen das überall: in der Nordsee, im Nordatlantik. In den anderen Ozeanen. Da muss man etwas machen: Meeresschutzzonen können da sehr gut helfen. Was wir gezeigt haben: Es könnte auch sein, dass man diese Meeresschutzzonen nur in einigen Monaten im Jahr einrichten muss und vielleicht nicht für das ganze Jahr."                                

So hätten sie auch eine größere Chance, verwirklicht zu werden. Denn damit könnte die Fischerei vermutlich eher leben als mit der kompletten Schließung einiger ihrer besten Restaurants auf See.

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