Dienstag, 13.11.2018
 
Seit 19:15 Uhr Das Feature
StartseiteCampus & KarriereDas schwierige Erbe des Hans Robert Jauß21.05.2015

Uni KonstanzDas schwierige Erbe des Hans Robert Jauß

Der Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß war einer der Professoren, die 1966 die Uni Konstanz gründeten. Vor seiner akademischen Karriere hatte Jauß noch eine andere und zweifelhafte hingelegt: als SS-Mann in Führungsposition. Nun wurde ein historisches Gutachten präsentiert, in dem ebenfalls wenig Schmeichelhaftes zu lesen ist.

Von Thomas Wagner

Ein Panzerfahrzeug der Wehrmacht, gefolgt von Soldaten auf Motorrädern (picture-alliance / dpa / UPI)
Erst als im vergangenen Jahr im Theaterstück "Die Unerwünschten" eine mögliche Verwicklung von Hans Robert Jauß in Kriegsverbrechen thematisiert wurde, gelangte das Ganze zum Gegenstand einer breiten Debatte. (picture-alliance / dpa / UPI)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

"Hans Robert Jauß wird 1921 in Göppingen geboren. Es ist das schwäbische Alb-Land ..."

Es ist eine delikate Aufgabe, der der Historiker Jens Westermeier nachgekommen ist. Es geht um den Lebenslauf des einst weit über die Grenzen Deutschlands bekannten Literaturwissenschaftlers Hans Robert Jauß, der vor seiner akademischen Karriere an der Uni Konstanz aber eine ganz andere Karriere hingelegt hat:

"Der Zweite Weltkrieg beginnt. Jauß meldet sich zur SS-Verfügungstruppe 1939"

... und nimmt als Anfang 20-Jähriger früh Führungspositionen in mehreren SS-Bataillonen wahr. Erst als der Autor Gerhard Zahner vergangenes Jahr in seinem Theaterstück "Die Unerwünschten" eine mögliche Verwicklung von Hans Robert Jauß in Kriegsverbrechen thematisierte, wurde das Ganze zum Gegenstand einer breiten – und kontroversen – Debatte. Denn das Theaterstück wurde ausgerechnet an Jauß' früherer Wirkungsstätte, im Audimax der Uni Konstanz, uraufgeführt. Parallel dazu hat die Uni den auf die Geschichte der Waffen-SS spezialisierten Historiker Jens Westermeier mit einem Gutachten beauftragt, das gestern Abend der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Ergebnisse: Erschütternd.

"Jauß war weder in der Waffen-SS noch in der Hitlerjugend ein einfacher Mitläufer. Er trat in beiden NS-Organisationen tief in Führungspositionen mit Führungsverantwortung hervor. Mit 23 Jahren war er einer der jüngsten Hauptsturmführer der Waffen-SS."

"... völlig ausgeschlossen, dass Jauß von den Verbrechen keine Kenntnis hatte"

Doch damit nicht genug: Jauß war nach den vorliegenden Dokumenten unter anderem in Kroatien Kommandant eines SS-Bataillions in heikler Mission. Jens Westermeier:

"Dokumente belegen, dass das Bataillon sogenannte Sühnemaßnahmen durchführte und Kriegsverbrechen beginn. Als Kompanieführer trug er dafür eine Mitverantwortung. Eine individuelle Tatbeteiligung ist nicht nachzuweisen. Es ist jedoch völlig ausgeschlossen, dass Jauß von den Verbrechen keine Kenntnis hatte."

Und das verschlägt vielen Uni-Angehörigen dann doch die Sprache. Bernadette Conrad ist Romanistin in Konstanz.

"Dass Jauß ein großer Intellektueller und Denker gewesen ist, macht es für mein Empfinden umso trauriger. Also es macht es wahnsinnig traurig, um ehrlich zu sein, dass er gelogen hat, dass er geschwiegen hat, dass er war, was er war, dass er sechs Jahre in der Waffen-SS war."

Hier der anerkannte Wissenschaftler, dort die Vergangenheit als SS-Mann – diese Ambivalenz macht es der Uni Konstanz nicht leicht, mit dem schwierigen Erbe ihres Gründungs-Professors umzugehen. Rektor Professor Ulrich Rüdiger hat sich gemeinsam mit der Mehrheit des Senats für ein Höchstmaß an Offenheit entscheiden. Ganz bewusst hat Rüdiger die Uraufführung des Theaterstückes, das Jauß' Zeit als SS-Mann thematisiert, in der Uni zugelassen:

"Wo hätte das denn sonst aufgeführt werden können außer an der Uni Konstanz? Hier findet die Debatte statt. Und das ist gut so."

Doch viele ältere Uni-Angehörige können dem nicht nur Gutes abgewinnen. Kaum war gestern Abend das Historiker-Gutachten vorgestellt, meldeten sich mit den Professoren Bernd Rüthers und Horst Sund gleich zwei ehemalige Rektoren der Konstanzer Uni kritisch zu Wort.

"Ich sehe durch dieses Verfahren eher das postmortale Persönlichkeitsrecht von Herrn Jauß und von Frau Jauß verletzt. Die überlebenden Angehörigen werden bei einem solchen Verfahren leicht vergessen."

"Was ich an dem Referat beeindruckend fand, ist, dass es voller Vermutungen war. Ich nehme aus ihren Wortmeldungen, dass an der These, dass Jauss ein Kriegsverbrecher gewesen ist, nichts gewesen ist."

Was Historiker Westermeier aber ausdrücklich nicht bestätigen wollte. Und Uni-Rektor Rüdiger will sich in seinem Kurs des offenen Umgangs mit dem heiklen Thema nicht beirren lassen. Er redet einer weiteren, offenen Aussprache über die, wie er es formuliert, "zwei Leben" des Robert Jauß das Wort.
"Natürlich ist das nicht der Schlussstrich unter der Diskussion. Jetzt wollen wir verstehen, wie es zu dieser geteilten Karriere auch kommen kann: Der junge Jauß war ein Karriereoffrizier in der Waffen-SS. Und der Wissenschaftler Jauß hat ab 1966 diese Universität mit aufgebaut. Es ist eine Person. Und in dieser Person finden wir zwei unterschiedliche Karrieren."

Bereits in eineinhalb Monaten will der Fachbereich Literatur der Universität Konstanz eine weitere öffentliche Diskussion organisieren – in der die 'zwei unterschiedlichen Karrieren' des Hans Robert Jauß erneut im Mittelpunkt stehen werden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk