Montag, 27. Juni 2022

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Uni Siegen
Neue Wege in der Jugendforschung

2009 hat Professor Thomas Coelen an der Universität Siegen das renommierte Zentrum für Kindheits-, Jugend- und Biographieforschung übernommen. Mit innovativen Ideen möchte er frischen Schwung in die Jugendforschung bringen und hat dem wissenschaftlichen Projekt auch einen neuen Namen gegeben: Siegener Zentrum für sozialwissenschaftliche Erziehungs- und Bildungsforschung, kurz SiZe.

Von Alfried Schmitz | 20.11.2014

Thomas Coelen: "Zum einen setzen wir uns ein bisschen ab vom augenblicklichen Hype im Bezug auf die sogenannte empirische Bildungsforschung, PISA und folgende und reklamieren, dass Bildungsforschung mehr ist als Lernleistungsstatistiken zu führen. Und wir versuchen den Begriff der Erziehung in einem umfassenden Sinne, der dann auch Sozialisation umfasst, wieder stärker zu machen. Das eben in einem breiteren sozialwissenschaftlichen Kontext."
Sichtweisen der Jugendlichen stehen im Mittelpunkt
Um das SiZe fachlich breit aufzustellen bildete der Erziehungswissenschaftler Coelen, der sich mit Sozialisation, Jugendbildung und Lebenslaufforschung befasst, mit vier weiteren Kolleginnen und Kollegen ein Forschungs-Projekt-Team.
Das Hauptziel dieses SiZe-Teams beschreibt Thomas Coelen folgendermaßen: "Bereitstellung von Wissen, je nachdem auch politikrelevantes Wissen." In seiner Forschungsarbeit ist ihm ein Aspekt der wissenschaftlichen Vorgehensweise besonders wichtig: "Die Sichtweisen von Kinder und Jugendlichen in den Vordergrund zu stellen. Aus deren Sichtweise selber zu Befunden zu kommen und nicht ihnen etwas zuzuschreiben."
Dieser Punkt ist auch für den am SiZe beteiligten Bernd Dollinger besonders interessant. Er arbeitet im Bereich Sozialpädagogik und im Speziellen im Bereich der Jugendkriminalität:
"Die Jugendlichen einzubinden über die häufig viel mehr gesprochen wird, als dass mit Ihnen gesprochen wird. Wir haben uns beispielsweise sehr viele politische Debatten angeguckt, haben uns angeguckt, wie werden politische Entscheidungen getroffen. Dieser wichtige Impuls, von den Jugendlichen aus zu denken, ist tatsächlich etwas, was in den politischen Debatten häufig keine Rolle spielt. Man will ja einen gewissen Effekt bei den Jugendlichen erzeugen. Insofern ist es etwas paradox, dass man genau das eigentlich oft ausspart. Wie kann man denn Maßnahmen an deren Interessen, an deren Sichtweisen anschließen, sodass sie diese Maßnahmen auch selber sinnvoll finden, sodass man sie wirklich ins Boot holen kann?"
Forschung im erweiterten Kontext
Was die Erforschung von spezifisch sozialwissenschaftlichen Themen im Leben von Kindern und Jugendlichen angeht, möchte Coelen mit SiZe Maßstäbe setzen und neue Wege beschreiten:
"Wir gucken nicht in erster Linie auf die Biografien einzelner Kinder und Jugendlicher, versuchen, in deren Biografie Ursachen, Auswirkungen und Maßnahmen [zu finden], sondern versuchen Kontextbedingungen zu betrachten, sei es im städteräumlichen Kontext, im institutionellen Kontext, Ganztagsschule, Jugendvollzugsanstalten etc. und andere Jugendgerichtshilfemaßnahmen, also die Kontextbedingungen immer wieder in den Vordergrund zu stellen und nicht diese individualisierte Zuschreibung mitzumachen, die doch zum Teil sehr ein bisschen en vogue ist."
An dem gerade von Professor Coelen angesprochen städteräumlichen Kontext orientiert sich die Forschungsarbeit von Alexandra Nonnenmacher, die an der Universität Siegen für den Bereich Methoden der empirischen Bildungs- und Sozialforschung zuständig ist. Sie beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren mit der Frage, inwieweit das Aufwachsen und Leben in einem Stadtviertel mit seinen bestimmten sozialen Merkmalen und architektonischen Gegebenheiten Einfluss auf Einstellungen, Verhalten und auf die Bildungsverläufe von Kindern und Jugendlichen hat:
"Jeder weiß, dass das Aufwachsen in einem sogenannten Problemviertel irgendwelche negativen Auswirkungen hat. Nur dieses Wissen ist dann eher Stammtischwissen. Und von meiner Seite wird es dann quantifiziert werden. Und ein Schwerpunkt dabei ist aber neben der reinen Quantifizierung, der Ursachensuche, die Frage, wie solche möglichen Effekte des Stadtviertels überhaupt nachweisbar sind. Dazu muss man wiederum wissen, wie Kinder und Jugendliche ihr Stadtviertel überhaupt wahrnehmen. Wie viel sie davon wahrnehmen, welche Personen oder welche Orte da relevant sind für Bildungsverläufe und für die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen. Und erst wenn man das weiß, dann kann man überhaupt erst wissen, wie man solche Effekte auch tatsächlich finden und nachweisen kann."
Bildung ist mehr als Lernen
Thomas Coelen ist beim SiZe der Experte für Jugendbildung. Wie Alexandra Nonnenmacher weiß auch er, dass in diesem Bereich jede gesellschaftliche und politische Gruppe ihre eigene Meinung hat und dass seiner Auffassung nach dabei gerne populistische Phrasen gedroschen werden, die der Forschungsarbeit wenig nützen:
"Jeder nickt bei Bildung, alle sind für Bildung. Aber das ist ein so hochsuggestiver Begriff, der auch so auslegungsintensiv in Politik und Praxis und eben auch Wissenschaft sein Dasein fristet, und da versuchen wir eben, unsere spezifische Sichtweise drauf zu richten. Kurzform: Bildung ist weitaus mehr, aus unserer Sicht, als Lernen."
Das SiZe-Team lebt von seiner interessanten und vielseitigen Besetzung aus den verschiedenen Fachbereichen. So beschäftigt sich Matthias Trautmann, der im Bereich der Lehrerausbildung tätig ist, bei SiZe mit dem Aspekt des informellen Lernens. Er geht der Frage nach, wie sich die Studierenden außerhalb des Regelbetriebs an den Universitäten und Hochschulen verhalten, außerhalb von Vorlesungen und Seminaren:
"Was lernen Studierende jenseits dieser formalen Organisation des Studiums? Die andere Seite sind die Veränderungen in der Organisation, Bologna und so weiter. Und unsere Frage ist dann auch, hat sich da wirklich so viel verändert, wie oftmals debattiert wird? In diesem Rahmen versuchen wir, und das ist auch das einigende Band zwischen uns, auch wieder die Perspektive der Studierenden aufzunehmen und zu gucken, mit welchen Strategien, mit welchen Mitteln, wie organisiert versuchen die das Studium zu bewältigen."
Mythos Jugendgewalt
Dass die unkonventionelle und dennoch sehr effektive Arbeit des SiZe auf höchster Ebene anerkannt wird, beweist die finanzielle Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Aktuell gibt es drei große Projekte, an denen die Siegener Wissenschaftler arbeiten und die von der DFG unterstützt werden.
So geht Bernd Dollinger in Kooperation mit der Universität Bremen der Frage nach, wie sich bei Jugendlichen die Bereitschaft entwickelt hat, Straftaten zu begehen.
"Es kursiert häufig in den Medien und auch in politischen Debatten die Annahme, Jugendliche seien immer gewalttätiger geworden. Das ist ein ganz klarer Mythos. Wenn man sich die nüchternen Zahlen anguckt, lehnen sehr viele Jugendliche Gewalt ab. Die Erziehungsverhältnisse haben sich im Laufe der Zeit eher verbessert. Und gerade diese schlimmen Gewalttaten, das ist recht gut dokumentiert, dass die statistisch abnehmen."
Für eine andere Studie werden acht Ganztagsgrundschulen untersucht, um herauszufinden, wie es um den Förderbedarf steht und wie es zu individueller Bildungsbenachteiligung kommen kann.
Und beim dritten DFG-geförderten Projekt schließlich, wird in Kooperation mit der TU Berlin analysiert, auf welche Weise Bildung und Stadtentwicklung zusammenhängen.
Allesamt ambitionierte Projekte, an denen die Wissenschaftler der Universität Siegen mit großem Enthusiasmus arbeiten. Doch bei aller Euphorie, die unter den fünf Professorinnen und Professoren im SiZe-Team herrscht, weist Alexandra Nonnenmacher selbstkritisch auf ein grundsätzliches Problem hin, das sich bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Kindern und Jugendlichen ergibt, dass nämlich "die Generation, die an Universitäten lehrt und forscht in der Regel halt nicht mehr jugendlich ist und damit schon notwendigerweise einen Abstand in Lebensjahren hat, sodass man gar nicht mehr nachvollziehen kann, was Jugendliche möglicher Weise gerade tatsächlich umtreibt. Es ist völlig unmöglich aus der Perspektive eines an der Universität arbeitenden Forschers oder einer Forscherin, tatsächlich nachzuvollziehen, wie jemand sein Leben organisiert, der jetzt 14 Jahre alt ist. Man muss da auch tatsächlich feststellen, dass man eine gewisse Distanz zu seinem Forschungsgegenstand hat und versuchen, den nach Möglichkeit zu überbrücken."
Wenn Jugendliche alt werden
Überbrücken möchte das SiZe-Team der Universität Siegen aber auch ein wissenschaftliches Manko in einem Bereich, der bislang sträflich vernachlässigt wurde, wie Thomas Coelen sagt. Auf dem Sektor der Altersforschung bestehe eine regelrechte Forschungslücke, die er mit seinem Team möglichst bald schließen möchte.
"Erst in den letzten ein, zwei, drei Jährchen ist auch in Forschung und Lehre angekommen, dass die Gesellschaft insgesamt statisch im Durchschnitt betrachtet, altert. Man kann es tatsächlich nur als Aufgabe für die Zukunft, sowohl des SiZe, als auch weit darüber hinaus für die Uni Siegen und für viele andere Hochschulen auch formulieren, auch eben gerade die Altersgruppe der älteren Menschen nicht als separierte oder auch als zu separierende Generation forscherisch zu betrachten, sondern als eine Lebensphase, die eben aufliegt, sozusagen, auf den vorgehenden Sozialisationskontexten und Biografien."
Und Thomas Coelen hat auch sofort ein Beispiel für ein Forschungsprojekt parat, das generationenübergreifend analysieren könnte, welche Auswirkungen sozialpädagogische Einrichtungen auf den Verlauf von Lebenslauf und Karriere haben könnten.
"Also, um ganz banal anzufangen, der Fußballverein um die Ecke, die Jugendeinrichtung, die Pfadfinder et cetera, et cetera. Ich habe die Annahme, dass die eine vollkommen unterschätzte Wirkung haben in Bezug auf sogenannte erfolgreiche Biografien. Gerade diese außerschulischen, außerfamiliären Kontexte. Also wenn man sich bekannte Spitzenpolitiker anguckt oder Top-Manager, die sind alle in Verbänden und Vereinen aktiv gewesen. Das mag auch Netzwerkgründe haben, Seilschaften etc., dass die dann irgendwo oben angekommen sind, das mag aber, und das ist auch meine Annahme, ganz starke sozialisatorische Gründe haben, dass genau diese Biografien daraus entstehen. Und dieser Blickwinkel, sozusagen auf die Erfolgreichen zu schauen, um rückwirkend zu betrachten, welche enorm stabilisierende Wirkung biografische und damit auch gesellschaftlich, Sozialpädagogik hat."