Sonntag, 26. Juni 2022

UNO-Weltbevölkerungsbericht
Das Potenzial von Mädchen

Die Unterstützung von Mädchen könnte die Entwicklung armer Länder deutlich voranbringen, heißt es im neuen Weltbevölkerungsbericht der UNO. Denn gut ausgebildete Frauen dürften das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Doch die Wirklichkeit gibt deutlich weniger Grund zum Optimismus.

20.10.2016

Schülerinnen in Äthiopien halten nach der Sexualaufklärung Binden hoch
Schülerinnen in Äthiopien halten nach der Sexualaufklärung Binden hoch (dpa)
Der Bericht des UNO-Bevölkerungsfonds macht deutlich, dass eine gute Bildung und Gesundheitsversorgung heranwachsender Mädchen die soziale und wirtschaftliche Entwicklung armer Länder deutlich voranbringen könnte. Zahlen verdeutlichen das: 90 Prozent der gut 60 Millionen Mädchen, die heute zehn Jahre alt sind, leben in den weniger entwickelten Regionen der Welt.
"Diese jungen Mädchen sind prekären Lebensbedingungen ausgesetzt", sagte die Repräsentantin des Fonds, Bettina Maas, bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. Deren Bildungschancen sind gegenwärtig vielfach alles andere als gut: Weltweit gehen laut UNO rund 62 Millionen heranwachsende Mädchen nicht zur Schule, unter anderem weil sie in eine Kinderehe gezwungen und früh schwanger würden. Weitere Gründe seien, dass sie im Haushalt gebraucht würden oder dass sie vor Kriegen und Gewalt auf der Flucht seien. "Das ist eine gravierende Verletzung ihrer Menschenrechte", betonte Maas. Würden die Mädchen die Schule abschließen, so errechneten die Macher der Studie, hieße das für die Staaten ein zusätzliches Wachstumspotenzial von mehr als 20 Milliarden US-Dollar. Doch 16 Millionen Mädchen im Alter zwischen sechs und elf Jahren würden vermutlich niemals zur Schule gehen. Das sind doppelt so viele wie Jungen in dem Alter.
Besserer Schutz für Mädchen auf der Flucht
Zudem sei bei Mädchen auf der Flucht - wie derzeit etwa in Syrien, im Jemen oder im Irak - die psychische Belastung extrem hoch, machte Maas deutlich. Hinzu komme, dass die jungen Frauen nicht zur Schule gehen könnten und in Lagern sehr oft sexueller Ausbeutung ausgesetzt seien. "Es muss dringend mehr für die Lebensperspektiven dieser Mädchen getan werden", unterstrich Maas mit Blick auf die Agenda der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung.
Der Bericht empfiehlt den armen Ländern neben einer hochwertigen Schulbildung auch eine bessere Gesundheitsversorgung sowie eine umfassende Sexualaufklärung für Mädchen. Außerdem müsse der Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt verbessert werden. Notwendig seien zudem striktere Gesetze gegen Genitalverstümmelungen und Kinderehen.
Jedes dritte Mädchen in den armen Ländern wird minderjährig verheiratet
Das Ausmaß dieses Problems erläuterte die Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), Renate Bähr: "Weltweit werden jeden Tag rund 47.700 minderjährige Mädchen verheiratet, und alle zehn Minuten stirbt ein Mädchen durch Gewalteinwirkung. Das sollte die Internationale Gemeinschaft endlich wach rütteln."
In Entwicklungsländern ist den Angaben zufolge jedes dritte Mädchen bei einer Eheschließung noch keine 18 Jahre alt. Die weltweit häufigste Todesursache bei Mädchen zwischen 10 und 19 Jahren ist demnach die Immunschwächekrankheit Aids. An zweiter Stelle stünden Selbsttötungen. In der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen seien Selbsttötungen sogar die häufigste Todesursache.
(hg/jcs)