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StartseiteCampus & Karriere"Unsere Übersetzungen sind länger als der Originalbefund"29.07.2011

"Unsere Übersetzungen sind länger als der Originalbefund"

Online-Seite bietet Entzifferung von ärztlichen Befunden

Die Medizinstudentin Anja Kersten hat die Seite washabich.de ins Leben gerufen. Hier können Patienten Arztbriefe, Röntgen- oder auch CT-Befunde in ein verständliches Deutsch übersetzen lassen. Die Idee kam der angehenden Medizinerin, weil eine Freundin sie um die Entzifferung einer Diagnose bat.

Anja Kersten im Gespräch mit Manfred Götzke

Die Fachsprache der Ärzte ist für Laien nicht immer zu verstehen - washabich.de will Abhilfe schaffen. (AP)
Die Fachsprache der Ärzte ist für Laien nicht immer zu verstehen - washabich.de will Abhilfe schaffen. (AP)
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Was hab ich - Webseite

Manfred Götzke: Procastineuroendo ... - Was? Nein, es ist nicht immer ganz einfach zu verstehen, was der Arzt so diagnostiziert hat, selbst wenn man das große Latinum mit eins plus abgeschlossen hat. Vielen Patienten bleibt nur: in die Kunst des Doktors vertrauen und hoffen, dass der Apotheker das Rezept richtig entziffert hat. Wenn man aber doch mal verstehen möchte, was der Doc einem sagen will, kann man seine Diagnose jetzt bei washabich.de eingeben. Hier übersetzen Medizinstudenten Ärztekauderwelsch in klares, verständliches Deutsch. Die Medizinstudentin Anja Kersten hat das Ganze erfunden. Frau Kersten, kommen Sie eigentlich noch zum Studieren, oder übersetzen Sie nur noch?

Anja Kersten: Na ja, also, nebenbei studiere ich auch noch, ich muss 40 Stunden die Woche im Krankenhaus sein. Aber es nimmt schon sehr viel Zeit in Anspruch, die Arbeit bei washabich zu machen und es macht auch mehr Spaß als die Arbeit im Krankenhaus.

Götzke: Aber Sie machen das nicht alleine?

Kersten: Nein, wir sind inzwischen 194 Studenten, 22 Ärzte und zwei Psychologen, die gemeinsam daran arbeiten, den Patienten die Befunde zu übersetzen.

Götzke: Eine riesen große Menge an Fachwissen. Warum ist das nötig, um den Leuten das zu übersetzen, was die Ärzte vielleicht auch einfach selbst klar und deutlich ausdrücken könnten?

Kersten: Ich glaube, dass viele Ärzte das sogar klar und deutlich ausdrücken, aber dass einfach, wenn man beim Arzt ist, es sehr schwierig ist für den Patienten, sich alles zu merken, was der Arzt einem erzählt, und natürlich der Arztbrief, den man in die Hand kriegt, ist ja am Ende nicht an den Patienten, sondern an einen anderen Arzt gerichtet. Und da steht ja, auch wenn der Arzt es vielleicht vorher alles erklärt hat, wieder alles ganz unverständlich drin, sodass der Patient dann eben am Ende mit seinem Befund zu Hause sitzt und eben doch nicht weiß, was nun genau in diesem Brief drin steht. Und da, denken wir, ist es einfach wichtig, ein bisschen Nachhilfe zu geben, um den Patienten die Möglichkeit zu geben, das auch zu verstehen und sich auch eventuell auf das zweite Arztgespräch besser vorzubereiten.

Götzke: Wie ist Ihnen das denn aufgefallen, dass so eine Seite nötig ist?

Kersten: Ich habe am 11. Januar von einer Freundin eine E-Mail bekommen, eben genau mit so einem Befund, die mich gefragt hat, ob ich ihr den übersetzen kann, weil das auch ein recht schwieriges Thema war, es ging um Brustkrebs und Metastasen und so, und ich habe ihr das übersetzt und bin abends ins Bett gegangen, dass es irgendwie schwierig ist für Leute, die eben niemanden haben, den sie fragen können. Und da bin ich eben auf den Johannes Bittner zugegangen, der dann gleich noch unseren Informatiker, den Ansgar Jonietz mitgeholt hat, und da haben wir dann los gelegt.

Götzke: Was sind denn die häufigsten unverständlichen Befunde?

Kersten: Wir haben ganz viele MRT- und CT-Befunde, also quasi bildgebende Verfahren. Ich denke, das liegt ein bisschen daran, dass einfach viele Praxen die bildgebenden Verfahren durchführen und dann den Brief mitgeben, ohne mit dem Patienten zu reden. Wir haben aber auch Entlassungsbriefe, Laborbefunde, wir haben zahnärztliche Befunde, also, wir haben eine ganz große Bandbreite an Befunden am Ende.

Götzke: Noch mal die Frage: Warum ist es überhaupt notwendig, dass man Arzt-Chinesisch oder Arzt-Latein übersetzt, also, warum kann der Arzt im Gespräch nicht im klaren Deutsch deutlich machen, was der Patient hat?

Kersten: Es ist schwierig, immer ganz genau zu erklären, was der Patient hat, wenn man es auf Deutsch sagt. Also, die Fachsprache ist einfach eine viel präzisere Sprache und eine schnellere Sprache. Also, unsere Übersetzungen, die wir machen, haben zwei- bis dreifache Länge des Originalbefundes, und ich denke, da kann man sich einfach vorstellen, dass das einfach viel, viel mehr Zeit in Anspruch nehmen würde für den Arzt, das alles auf Deutsch zu schreiben, zumal es ja der andere Arzt auch versteht, und das ist ja eigentlich das Hauptziel dieser Befunde.

Götzke: Wollen Sie es vielleicht besser machen, wenn Sie dann praktizieren und fertig sind mit dem Studium?

Kersten: Also, ich denke schon, dass ich auch Briefe so schreiben werde, dass ein anderer Arzt sie versteht und der Patient vielleicht nicht unbedingt, aber natürlich ist es ganz, ganz wichtig, dass man dem Patienten erklärt, was man da reingeschrieben hat, und dass man vielleicht auch, schon während man dem Patienten erklärt, was er hat, zeigt, das steht jetzt hier in dem und dem Teil des Briefes und das steht da in dem Teil des Briefes, dass der Patient einfach nachher nicht so ratlos zu Hause sitzt.

Götzke: Wie genau kann ich mich an washabich.de wenden, wie funktioniert das, wie läuft das ab?

Kersten: Also, wir haben eine Internetseite, washabich.de, dort kann der Patient draufgehen, im Moment haben wir unser Wartezimmer aktiviert, weil wir ein bisschen überlaufen sind, heißt, der Patient hinterlässt seine E-Mail-Adresse und bekommt von uns dann eine Nachricht, sobald er seinen Befund bei uns einsenden kann, dann geht der wieder auf unsere Seite und hat dann die Möglichkeit, den Befund per Fax einzusenden oder eben hochzuladen, wenn er ihn als PDF-Dokument oder zum Beispiel als Foto hat, oder er kann den Befund auch als Freitext eingeben.

Götzke: Das Ganze ist kostenlos. Wie finanzieren Sie das Ganze?

Kersten: Ja, das ist unser schwierigstes Thema, was wir im Moment haben. Also, alle, die bei uns arbeiten, arbeiten ehrenamtlich für washabich, trotzdem fallen natürlich Kosten an, wir haben Serverkosten, wir haben Telefonkosten, Reisekosten, wir haben auch administrative Kosten, einfach weil wir alles verwalten müssen. Wir haben einige Sponsoren, die uns zum Beispiel den Server stellen, die uns das Telefon stellen, aber wir suchen noch fleißig nach Menschen, die uns gerne unterstützen möchten, am besten langfristig.

Götzke: Wenn Sie das tun wollen, wenn Sie die Seite unterstützen wollen oder wenn Sie einfach nur wissen wollen, was der Doktor Ihnen sagen möchte: Washabich.de, Anja Kersten hat das Portal erfunden. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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