Samstag, 03. Dezember 2022

„Steinstücken“ von Rolf Haufs
Unter den Türmen an der deutsch-deutschen Grenze

Bei dem im Nachlass des Lyrikers Rolf Haufs gefundenen, bislang unveröffentlichten Roman „Steinstücken“ handelt es sich um eine Entdeckung. Die Handlung spielt an der deutsch-deutschen Grenze Anfang der 60er-Jahre mitten in einem hochbrisanten Terrain.

Von Michael Opitz | 05.10.2022

Rolf Haufs: "Steinstücken"
Rolf Haufs: "Steinstücken" (Buchcover: Quintus Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Ob Georg „verleumdet“ wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Zu Beginn von Rolf Haufs Roman „Steinstücken“ erfährt man lediglich, dass er verhaftet worden ist. Im Gefängnis erfährt er, dass man „alles“ wissen würde, weshalb es für ihn besser wäre, seine Tat zuzugeben. Rolf Haufs Roman kreist um ein Geheimnis. Zur Aufklärung trägt aber zunächst auch der im Zentrum des Geschehens stehende Erzähler nichts bei, der sich zu keiner Tat bekennt. Herausfinden aber will er, was zu seiner Verhaftung geführt hat, weshalb er sich in Gedanken noch einmal nach Steinstücken, an den Ort des Geschehens begibt. Steinstücken, eigentlich ein zu Berlin gehörendes Kaff, ist eine Exklave, sodass der Ort einen besonderen Status hat. Nach dem Krieg von den Amerikanern besetzt, liegt das Gebiet in der sowjetischen Besatzungszone. Deshalb wurde Steinstücken nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 für jene interessant, die in den Westen fliehen wollten. Denn die Mauer sollte sich dort leichter überwinden lassen.
„Unter den Türmen verlief die Grenze. Es war nicht möglich, sie zu überschreiten. Die Grenze war leer und verlassen wie keine andere. Sie lag im Bann der Türme, eifersüchtige Freier mit immer wachen, regenglänzenden, plötzlich aufflammenden Scheinwerferaugen. Die Kiefern, die sich hier vor langer Zeit gegen den Himmel abgehoben hatten, waren gefällt worden. Sie hatten im Weg gestanden. Sie hatten die Sicht versperrt. Sie hatten den Übergang möglich gemacht. Sie waren Schutzengel der Flüchtenden, die von Stamm zu Stamm gehetzt waren, kreuz und quer, aufgescheucht, die den eintönigen Schritten der Patrouillen gelauscht hatten, die dann hinübergelaufen waren, während sie die Rücken der Posten im Licht des Mondes glänzen sahen.“

Verlorene Orientierung

In stakkatohaften Sätzen erzählt Haufs von einem Ort, der lange Zeit im Abseits lag und politische Bedeutung erst dann erlangte, als es der Weltgeschichte gefiel, die Grenze zwischen Ost und West gerade dort besonders kompliziert verlaufen zu lassen. Für Haufs literarische Figur wird, was sich in unmittelbarer Nähe zu dieser Grenze ereignet, zum Verhängnis. Er verliert im politischen Durcheinander zwischen Ost und West die Orientierung, sodass seine Situation schließlich ebenso surreal anmutet wie die von Steinstücken. Erst zum Schluss des Romans, auf dem Weg zum Verhör, scheint er mehr darüber zu wissen, was sich in Steinstücken ereignet hat.
„Niemand wusste etwas Genaues. Niemand gab eine Erklärung. Niemand gab eine Auskunft. Steinstücken blieb dunkel in einem Netz von Gerüchten und Vermutungen. Am Morgen des fünften Tages öffneten sie Georgs Zelle und riefen seinen Namen auf. An Türen und Türen vorbei, brachten sie ihn zum Verhör. Als sie ihn über die schmale Eisentreppe in das helle Zimmer des Richters führten, wo es einen richtigen Stuhl und einen richtigen Tisch gab, auf dem Blumen standen, zitterte er ein wenig. Doch dann versuchte er, S[teinstücken] zu erklären. “
Georg macht eine Aussage. Aber wir erfahren nicht, ob er Flüchtlinge geholfen hat, oder ob sein Verrat zu ihrer Verhaftung führte. Entlastet ihn, was er aussagt oder wird er schweigen, um sich nicht zu belasten. Es lässt sich nur mutmaßen, was er aussagen wird. Gemutmaßt aber wird auch darüber, warum Rolf Haufs Anfang der sechziger Jahre inhaftiert wurde. Auch Haufs war wie seine literarische Figur Georg im April 1960 nach Steinstücken gezogen, mitten hinein in ein hochbrisantes politisches Terrain, in dem der angehende Schriftsteller hoffte, konflikt- und spannungsreiche Sujets zu finden.

Deutsche Teilung in der Literatur

Als Haufs an „Steinstücken“ schrieb, avancierte die deutsche Teilung zu einem wichtigen Thema innerhalb der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Uwe Johnson, ein Jahr älter als Haufs, arbeitet zu dieser Zeit an einem Roman über eine Fluchthelfergruppe. Johnson gab sein Romanprojekt auf. Und auch Haufs für 1963 angekündigter Roman „Steinstücken“ blieb unveröffentlicht, wie aus dem sehr informativen Nachwort der Schriftstellerin Kerstin Hensel zu erfahren ist, der Witwe von Haufs.
An Haufs literarischem Frühwerk, zu dem der Roman „Steinstücken“ gehört, fällt auf, wie dominant darin jene Orte sind, an denen der Autor in Berlin gelebt hat. 1962 debütierte er mit dem Lyrikband „Straße nach Kohlhasenbrück“. Zwei Jahre später erschien „Sonntage in Moabit“ und 1968 veröffentlichte er den Prosaband „Das Dorf S.“, in dem „S.“ für den Ort Steinstücken steht. Die Parallelen zwischen der  Erzählung und dem nun im Nachlass gefundenen Roman sind offensichtlich. Doch während im Roman häufig zu weitschweifig erzählt wird, sodass das Handlungsgeschehen zu unübersichtlich wird, überzeugt die Erzählung „Das Dorf S.“ durch ihre knappe, hochgradig verdichtete Sprache. In „Steinstücken“ ist der Autor noch auf der Suche nach seinem eigenen Stil, dem er, auf überflüssige Worte radikal verzichtend, in „Das Dorf S.“ bereits entscheidend näher gekommen ist. „Steinstücken“ blieb Rolf Haufs einziger Roman.
Rolf Haufs: "Steinstücken".
Quintus Verlag, Berlin. 176 Seiten, 22 Euro.