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StartseiteCampus & Karriere"Drogenkonsum nimmt ständig zu- und ab"25.01.2017

Unter Schülern"Drogenkonsum nimmt ständig zu- und ab"

Für den Jugendbereich insgesamt würde der Drogenkonsum seit Jahren leicht absinken, sagte der Suchtforscher Michael Klein im DLF. Trotzdem sei es ein Problem von Relevanz. "Wir kennen verschiedene Konsummotive." Das sei im Jugendalter zum Beispiel Neugier, aber auch Eskapismus.

Michael Klein im Gepräch mit Jörg Biesler

Eine Joint und Marihuana (Imago)
An Schulen mit schlechter Schulatmosphäre sei der Konsum von Alkohol, Cannabis und Tabak höher, sagte der Suchforscher Klein im DLF. (Imago)
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Jörg Biesler: Gerade haben die Landeskriminalämter Zahlen über Drogendelikte an Schulen veröffentlicht, wir haben bei "Campus & Karriere" berichtet. Demnach gibt es signifikante Steigerungen. In Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Fälle verdreifacht, in Nordrhein-Westfalen verdoppelt. Heißt das nun, dass mehr Schülerinnen und Schüler auf dem Schulhof zu Drogen greifen, oder hat man einfach mehr erwischt? Die Statistik der Landeskriminalämter lässt darüber keine Schlüsse zu. Wir fragen Professor Michael Klein, Psychologe und Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Guten Tag, Herr Klein!

Michael Klein: Guten Tag!

Biesler: Was wissen Sie über Fallzahlen? Nimmt der Drogenkonsum an Schulen zu?

Klein: Wirklich verlässliche Fallzahlen für den Schulbereich darzustellen, ist äußerst schwierig. Was wir wissen für den Jugendbereich insgesamt, ist, dass der Drogenkonsum seit etlichen Jahren sogar leicht absinkt, dass er aber natürlich ein vorhandenes Problem ist von Relevanz.

Biesler: Gibt es Gründe dafür, warum er abnimmt? Werden die Schülerinnen und Schüler braver, sind vorsichtiger mit solchen Suchtmitteln?

Klein: Das könnte sein. Wir können es aber nicht eindeutig sagen. Grundsätzlich ist es so, dass der Drogenkonsum über die letzten Jahrzehnte ständig zu- und abnimmt, also dass er im Grunde oszilliert. Es gibt immer wieder Modetendenzen, Modekonsum bestimmter Drogen. Insofern beobachten wir, dass er aber langfristig gesehen einen leicht abnehmenden Trend hat.

Biesler: Was für Drogen sind nach Ihrem Wissen da im Spiel? Die meisten Fälle bei der Polizei haben mit Cannabis zu tun.

"Wir kennen verschiedene Konsummotive"

Klein: Ja, wir reden, wenn es um illegalisierte Drogen geht, primär von Cannabis. Das macht über 90 Prozent der Fälle im Jugendalter aus. Und erst mit großem Abstand kommen andere Drogen. Es gibt regionale Besonderheiten in Deutschland, zum Beispiel Crystal Meth, was in Sachsen, im südlichen Thüringen, im östlichen Bayern verbreitet ist. Das liegt an der Grenznähe zu Tschechien, wo das sehr stark illegal produziert wird. Aber im Wesentlichen reden wir über Cannabis.

Biesler: Wenn man jetzt nach den Gründen fragt, kann man da Antworten bekommen? Warum nehmen Jugendliche, Kinder möglicherweise schon – ich weiß nicht genau, wann es beginnt, überhaupt Drogen?

Klein: Ja, durchaus. Wir kennen verschiedene Konsummotive. Natürlich ist gerade im Jugendalter die Neugier sehr groß auf neue Erfahrungen. Das sind auch überwiegend Durchgangserfahrungen, Durchgangskonsumenten, die probieren, hören aber zum großen Teil wieder auf. Etwa 90 Prozent hören wieder auf. Wir haben dann einen harten Kern von Konsumenten, überwiegend übrigens Jungs, junge Männer, die dann längerfristig dabei bleiben. Das sind häufig Jugendliche mit Motiven im Bereich Eskapismus, das heißt also, Bedürfnis der Flucht aus dem Alltag, übermäßiger Leistungsdruck, oft auch persönliche Probleme, etwa im Bereich Depression, Angst. All das kann da zusammenkommen.

Biesler: Wenn wir uns da noch mal jetzt ganz konkret die Schule anschauen, hat die Stimmung an der Schule, die Art, wie Lehrer und Schüler miteinander umgehen, auch was damit zu tun, wie viele Drogen da konsumiert werden? Kann man da einen Zusammenhang herstellen?

Klein: Ja, durchaus. Wir wissen aus eigenen, aber auch aus internationalen Studien, dass an Schulen, an denen die Schüler überwiegend eine schlechte Schulatmosphäre berichten, der Konsum von Alkohol und von Cannabis und von Tabak höher ist. Also man kann durchaus versuchen, den Konsum der Schülerinnen und Schüler über das konkrete System Schule und dessen Pädagogik zu beeinflussen.

Biesler: Haben Sie Erfahrungen damit, beraten Sie in dieser Richtung?

Klein: In Einzelfällen ja. Manche Schulen sind da schon etwas offener, geben auch zu, dass sie ein Problem vereinzelt damit haben. Das mag auch zu diesen höheren berichteten Zahlen führen, dass die Schulen zunehmend offener werden. Diese Öffnung ist im Grunde auch der Weg zur Bewältigung. Es hat keinen Sinn oder Zweck, möglichen Substanzkonsum im Grund zu tabuisieren oder zu verheimlichen.

"Gut gemachte, vor allem langfristig angelegte Prävention kann helfen"

Biesler: Also Prävention hilft, Prävention wirkt?

Klein: Prävention kann grundsätzlich helfen. Wir haben auch eine Reihe von Studien, die zeigen, dass gut gemachte, vor allem langfristig angelegte Prävention helfen kann. Das Drogenproblem wird natürlich nie ganz verschwinden, aber man kann versuchen, es einzudämmen und zu reduzieren.

Biesler: Was kann man für die tun, die dann tatsächlich zur Droge greifen und vielleicht Schwierigkeiten haben, wieder davon loszukommen? Was können Schulen, Eltern tun?

Klein: Frühe Beratung, frühe Hilfen. Wir haben in Deutschland zum Beispiel das sehr erfolgreiche Projekt "Fred", das heißt Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten, das es an vielen Orten schon gibt. Also zum Beispiel die Zuweisung in eine "Fred"-Gruppe kann durchaus helfen, dass Jugendliche, die in der Frühphase eines problematischen Konsums sind, noch den Ausstieg schaffen.

Biesler: Das heißt aber auch, die Schulen müssen sehr aufmerksam sein.

Klein: Natürlich. Die Schulen müssen aufmerksam sein, sie müssen ein gutes, nachhaltiges Präventionskonzept haben. Sie dürfen auch das Problem nicht tabuisieren und verheimlichen, sondern es im Grunde aktiv und offensiv angehen.

Biesler: Professor Michael Klein, Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung. Danke!

Klein: Bitteschön!

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