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StartseiteForschung aktuellRoboter vertritt kranke Kinder im Klassenzimmer28.08.2018

Unterricht via AvatarRoboter vertritt kranke Kinder im Klassenzimmer

Rund 75.000 Kinder in Deutschland fehlen wegen einer schweren Erkrankung langfristig in der Schule. Um dennoch am Unterricht teilnehmen zu können, hat ein norwegisches Start-Up den Roboter AV1 entwickelt. Von zuhause aus können die Erkrankten übers Internet auf AV1 zugreifen - und so Teil der Klasse sein.

Von Carina Fron

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Die norwegische Entwicklerin Karen Dolva zeigt ihren Roboter AV1. Der Roboter ersetzt als Avatar Schüler, die schwer erkrankt sind und von zuhause am Unterricht teilnehmen wollen. (picture alliance / Michael Kappeler/dpa)
Die norwegische Entwicklerin Karen Dolva zeigt ihren Roboter AV1. In Deutschland sind derzeit 20 der Avatare testweise im Einsatz. (picture alliance / Michael Kappeler/dpa)
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Der letzte Schultag vor den Ferien. Das Lehrerzimmer des Schiller-Gymnasiums in Berlin wird von aufgeregten Schülern belagert. Die Zehntklässlerin Luisa hat diesen Trubel vermisst. 

"Ich wollte mit der Schule wieder beginnen. Ich wollte auch wieder meine Freunde sehen. Mal wieder so mit denen reden. Das hat so ein bisschen gefehlt, weil ich konnte das halt nicht. Und deswegen war es dann wieder ein normaler Alltag mit dem Avatar."

Die 16-jährige Luisa war lange Zeit krank. Der Avatar, von dem sie spricht, ist ein Roboter namens AV1. Er ist so groß wie eine Tischlampe, hat ein Mikrofon im Bauch und eine Kamera auf der Stirn.

Fernsteuerung des Avatars über eine App

Damit kann er im Klassenzimmer als Stellvertreter fungieren. In Luisas Fall hat er ihren Platz eingenommen, während sie im Krankenhaus lag.

"Lulu?" - "Ja, ich hab den jetzt leise gemacht kurz."

Mit einem Licht am Roboter kann sich das kranke Kind melden und zeigen, dass sein Gesundheitszustand die Teilnahme am Unterricht zulässt. Über eine App kann es den Roboter im Klassenzimmer fernsteuern, ihn mit dem Kopf nicken oder sich drehen lassen. 

"Er kann nicht nein sagen. Er kann ja nicken - hoch und runter. Das ist immer ja, aber er kann nicht nein sagen. Das hat mich so ein bisschen genervt."

Nach einer Organspende, Krebs oder anderen schweren Erkrankungen können Kinder mitunter bis zu zwei Jahre lang nicht in die Schule gehen. Luisa hatte Lymphdrüsenkrebs und konnte deshalb ein halbes Jahr nicht am Unterricht teilnehmen.

"Ich musste die ganze Zeit auf meine Blutwerte achten. Und eigentlich durfte ich mich nicht so mit anderen Leuten treffen, weil die meisten waren immer krank in der Klasse. So war es meistens langweilig im Krankenhaus."

Mit dem Roboter war Luisa trotzdem teil der Klassengemeinschaft.

Aktive Teilnahme am Unterrichtsgeschehen

Luisas Freundin Caroline hat ihn jeden Morgen mit in die Schule gebracht, dafür gesorgt, dass er funktioniert und ihn abends an die Ladesteckdose gehängt. Sie hat ihm ein Halstuch angelegt und Mund und Nase aufgeklebt, um ihn noch niedlicher zu machen. Die Klasse taufte AV1 nach einer Abstimmung auf den Namen "Alex".

"Es ist schon komisch, wenn etwas Augen hat und dann irgendwie namenlos ist." Auch außerhalb der Schulzeit haben die Freundinnen so Kontakt gehalten. Der Avatar wurde überall mit hingenommen und behandelt, als wäre da kein Plastik-Männchen - sondern Luisa selbst. Vorbehalte haben die Schülerinnen ignoriert, erzählt Caroline.

"Ich fand es jetzt nicht komisch, weil ich wusste ja, dass Luisa auf der anderen Seite sitzt. Vielleicht war es auch so, dass wir so positiv davon beeinflusst waren, weil wir ja alle unbedingt wollten, dass sie wieder sozusagen hier ist."

Diese Fürsorge erlebt Christian Matzen von der Organisation "No Isolation" bei den Roboter-Einsätzen häufig.

"Ein zusätzlicher Effekt, den wir mitbekommen haben, dass es ja auch immer eine beste Freundin, einen besten Freund gibt, die sich oftmals auch sehr ohnmächtig fühlen, weil sie womöglich die Freundin nicht einmal besuchen dürfen und natürlich auch nicht an der Therapie wirklich teilhaben können. Dass da auch noch hilft, dass man die Verantwortung über den Avatar denen überträgt."

Die Organisation "No Isolation" kommt aus Norwegen. Dort gehört der Avatar schon zur Standardversorgung schulpflichtiger Kinder, die länger krank sind. In Deutschland übernehmen diesen Job häufig noch Privatlehrer oder auch Klinikschulen, wie die an der Uniklinik in Tübingen.

Mehr als nur eine Lernhilfe

Die Stellvertretende Schulleiterin Christina Rupsch warnt davor, die Bedeutung von Schule für kranke Kinder zu unterschätzen.

"Es bekommt in der Regel einen ganz hohen Stellenwert. Es ist etwas Normales, das machen alle Kinder." Der Roboter AV1 kann helfen, den Wunsch der Kinder nach Teilhabe am "normalen" Leben ein Stück weit zu erfüllen. Ein vollwertiger Ersatz für die Teilnahme am Unterricht kann er aber natürlich nicht sein, sagt die Sonderpädagogin Christina Rupsch – dafür seien die Möglichkeiten zur Interaktion zu eingeschränkt.

"Wir sind doch ein spürbares Gegenüber. Wir reagieren direkt darauf, ob der Schüler seine Mimik verzieht und zum Beispiel: Ah, jetzt spuckt er. Dann müssen wir den Unterricht gerade unterbrechen. Und das läuft nicht einfach nur weiter, wie ein Film."

Christina Rupsch könnte sich vorstellen, den Avatar für den Fernunterricht ergänzend zur Betreuung durch speziell ausgebildete Lehrer einzusetzen.

Klar ist aber auch, dass während einer akuten Erkrankung das Lernen eine untergeordnete Rolle spielt. Zur Zeit sind in Deutschland rund 20 der Avatare testweise im Einsatz.

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