Donnerstag, 26. Mai 2022

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Uraufführung von "Citizen Kane"
Geniestreich eines Unwissenden

Kritikern gilt "Citizen Kane" als einer der besten Filme aller Zeiten. Es war das Regiedebüt des damals gerade erst 25-jährigen Orson Welles. Mit Neugier und technischer Innovationslust schuf Welles einen Film, mit dem das Kino gewissermaßen neu erfunden wurde. Heute vor 75 Jahren wurde "Citizen Kane" in New York uraufgeführt.

Von Katja Nicodemus | 01.05.2016

Orson Welles im Film "Citizen Kane".
Orson Welles im Film "Citizen Kane". (imago/EntertainmentPictures)
Dieser Film wurde so sehr gefeiert, gerühmt, analysiert und zitiert, dass einem schwindlig werden kann: "Citizen Kane", für viele Kinokritiker der beste Film aller Zeiten, ist das frühe Geniestück des Regisseurs Orson Welles. Eine kühne Ansammlung der Stilmittel und visuellen Effekte, die bis dahin noch nie so geballt in einer einzigen Geschichte, in einzelnen Szenen und Bildern kombiniert wurden. Die Handlung kreist um den Aufstieg und Fall des Immobilientycoons und Medienmoguls Charles Foster Kane und beginnt mit dessen Tod:
"Rosebud"
Was bedeutet Rosebud, das letzte Wort des Millionärs? Ein Journalist macht sich auf, das Geheimnis zu lüften. Er trifft Kanes Weggefährten, Feinde, Freunde, seine ehemalige Geliebte. Orson Welles selbst spielt die Hauptrolle des egozentrischen Kane, schreibt als Co-Autor das Drehbuch, kontrolliert die Besetzung, die Wahl der technischen Mitarbeiter. Warum eigentlich lässt das produzierende Studio RKO ihm, dem 25-Jährigen, bei seinem Regiedebüt alle Freiheit?
"Ich wollte nicht das Geld, ich wollte Autorität. Ich habe das Unmögliche verlangt: Kontrolle. Und nach einem Jahr Verhandlungen bekam ich sie. Der Grund war: Ich hatte keine Berufung zum Film, meine Filmliebe begann erst durch die Arbeit. Es war pure Unwissenheit, die mir mein Selbstvertrauen gab. Wenn man schon etwas über das Metier weiß, dann ist man eher schüchtern. Oder vorsichtig."
Welles suchte exzentrische Kameraperspektiven
Wirklich spannend und eindrücklich wird "Citizen Kane", wenn man den Film als das sieht, was er ist: als Versuchslabor eines jungen Radioautors und Theaterregisseurs, der zuvor nur ein wenig mit der Kamera experimentiert hat. Durch seine Neugier und Innovationslust wird er das Kino auf dem Set gewissermaßen neu erfinden. Und zwar auch mit Hilfe des erfahrenen Kameramannes Gregg Toland, der sich völlig in den Dienst von Welles' Ideen stellt. Zum Beispiel hat der Jungregisseur keine Ahnung davon, wie man im Kino auf- und abblendet. Welles löst das Problem auf seine Weise. Etwa am Ende der Szene, in der der Reporter Kanes ehemalige Geliebte Susan aushorchen will – und von ihr rausgeworfen wird.
"Get out of here. Get out!" - "Sorry?"
Einsam und betrunken sitzt Susan am Tisch ihres Nachtklubs. Welles dimmt einfach die Lampen im Raum herunter - bis auf den Scheinwerfer, der die Schauspielerin Dorothy Comingore anstrahlt. Das Ergebnis ist ein völlig neuer, irritierender Lichteffekt. Zudem will Orson Welles die Decken der Zimmer zeigen, die in Studioproduktionen normalerweise nicht zu sehen sind, weil oben die Schweinwerfer hängen. Also lässt er Leinentücher über das Set spannen – die Schauplätze wirken enger, klaustrophobischer, die Besessenheit der Hauptfigur wie verstärkt. So erscheint Kane umso unheimlicher, wenn er den Auflagenerfolg seiner Boulevardzeitung mit einer enthemmten Party feiert.
Überhaupt, die Kamera: In seiner Mischung aus Inszenierungslust und Chuzpe sucht Welles exzentrische Kameraperspektiven. Bei ihm muss sie sich hinter Betten ducken, hängt in einem Winkel der Decke oder wird in einem aufgehackten Loch im Betonboden des Studios versenkt.
Eine Kampfansage an eine auf Besitz fixierte Gesellschaft
Selbst die größten Bewunderer von "Citizen Kane" räumen ein, dass der Film durch seine ausgestellte Virtuosität eine gewisse Kälte verströmt. Das mag auch daran liegen, dass die Hauptfigur etwas Hermetisches hat. Charles Foster Kane wird früh von seinen Eltern getrennt. Als Erwachsener häuft er Besitztümer wie Spielzeuge an, giert nach Anerkennung, behandelt seine Mitmenschen wie sein Eigentum, wirft sie weg, deformiert oder zerstört sie. Was interessiert Orson Welles an dieser Figur, die auf der realen Gestalt des amerikanischen Medienmoguls Randolph Hearst beruht?
"Zugegeben, 'Citizen Kane' sollte auch ein sozialer Kommentar sein, eine Kampfansage an eine auf Besitz fixierte Gesellschaft. An das Besitzstreben überhaupt. Ich hatte aber nicht zuerst eine Botschaft im Kopf und habe dann die Geschichte dazu gesucht. Nein, der Geschichtenerzähler ist in erster Linie der Geschichte verpflichtet."
Er habe in "Citizen Kane" zeigen wollen, wozu das Kino und seine Mittel im Stande seien, wird Orson Welles seinem Kollegen Peter Bogdanovich ein Vierteljahrhundert nach der Premiere des Films verraten. Er habe "Bilder um der Bilder willen" gemacht. Vielleicht ist Orson Welles der große frühe Dekonstruktivist des Kinos. In "Citizen Kane" lernt ein Regisseur das Filmen und das Sehen – und lehrt uns Zuschauer, das Sehen zu sehen.