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StartseiteForschung aktuell"Diese ganzen Szenarien sind noch nicht belegt"31.03.2021

Ursprung in Wuhan?"Diese ganzen Szenarien sind noch nicht belegt"

Das Coronavirus stammt sehr wahrscheinlich von Fledermäusen und wurde durch einen Zwischenwirt auf Menschen übertragen, sagt Fabian Leendertz, Epidemiologe vom Robert Koch-Institut in Berlin im Dlf. Der genaue Vorfahre dieses Virus, sei aber noch unbekannt. Es würden noch einige Daten fehlen.

Fabian Leendertz im Gespräch mit Arndt Reuning

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A bus carrying a team of experts from the World Health Organization departs an airport in Wuhan on Jan. 14, 2021, after arriving in the Chinese city to investigate the origins of the novel coronavirus. The 10-member team is expected to conduct the research in Wuhan, where Chinese authorities reported the first coronavirus case in December 2019, for about two weeks, after being quarantined at a local hotel for about two weeks. (picture alliance / Kyodo)
Das WHO-Expertenteam bei seiner Ankunft in Wuhan. (picture alliance / Kyodo)
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Der Ursprung der weltweiten Corona-Pandemie liegt aller Wahrscheinlichkeit nach im Tierreich. Zu diesem Ergebnis kommt das WHO-Expertenteam, das im Januar und Februar in China im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach Spuren des Virus suchte. Das wahrscheinlichste Szenario sei, dass das Virus von Fledermäusen über ein anderes Tier auf den Menschen übergegangen sei, hieß es im veröffentlichten Bericht. Es sei dagegen sehr unwahrscheinlich, dass das Virus aus einem Labor stamme.

Fabian Leendertz, Epidemiologe vom Robert Koch-Institut in Berlin, hat die Mission von Deutschland aus verfolgt, er war täglich zugeschaltet, auch bei den Ortsterminen in Wuhan. Der genaue Vorfahre dieses Virus, sei aber noch unbekannt, sagte Leendertz im Dlf. Es würden noch einige Daten fehlen. 

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
Arndt Reuning: Herr Leendertz, welche Beweise hat denn das Team gefunden für diese Übertragung durch einen Zwischenwirt?

Fabian Leendertz: Wir haben im Augenblick noch keine konkreten Beweise für eben dieses Szenario. Es ist einfach aufgrund der massiven Mensch-Tier-Kontakte und der Geschichte, wie Zoonosen entstanden sind, das wahrscheinlichste Szenario, was auf jeden Fall erst mal weiter untersucht werden sollte.

Reuning: Das heißt, es ist Ihnen auch noch nicht gelungen, einen ganz konkreten Zwischenwirt zu finden?

Leendertz: Nein, wir haben weder den konkreten Zwischenwirt noch das eigentliche Reservoir. Da fehlen die Daten.

"Der genaue Vorfahre dieses Virus, den haben wir noch nicht gefunden"

Reuning: Hmh, das Reservoir. Schauen wir auf die Provinz Hubei, wo Wuhan liegt, das ist ja jetzt nicht gerade ein Lebensraum für Fledermäuse. Bisherige Untersuchungen, auch damals bei SARS-1, die haben sich vor allem auf den Süden von China konzentriert, auf die Provinz Hunan. Wo sehen Sie denn möglicherweise das Reservoir für die Viren?

Leendertz: Was wir bis jetzt wissen, ist, wo die nächsten Verwandten des Virus vorkommen und bei welchen Fledermausarten: Das sind die sogenannten Hufeisennasen-Fledermäuse, und da wurden eben Corona-Sequenzen draus sequenziert, aus diesen Hufeisennasen aus dem südlichen China, aber auch aus Kambodscha, Vietnam, also diesem ganzen südostasiatischen Raum.

Der genaue Vorfahre dieses Virus, was uns hier heimsucht, den haben wir noch nicht gefunden, da fehlt noch die entsprechende Art, und erst wenn wir die haben, können wir uns auch dann erlauben, weitere Szenarien von dieser Richtung aus zu entwickeln.

Leben in Wuhan - Menschen kaufen in der Innenstadt auf einem Markt ein (imago-images/Kyodo News) (imago-images/Kyodo News)Ortsbesuch in Wuhan - "Vom Virus will niemand mehr etwas wissen"
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Reuning: Wie können Sie sich denn dann vorstellen, dass das Virus von dort, wo das Reservoir existiert, nach Wuhan gelangt ist?

Leendertz: Wir wissen noch nicht, wie das Virus den Weg von diesem Raum, wenn es denn wirklich dieser Raum ist, auf den Menschen übergesprungen ist und auch dann nach Wuhan gelangt ist. Es kann auf der einen Seite sein, dass über einen Zwischenwirt, sagen wir, dass die Fledermaus Kontakt ist oder in der Nähe von möglichen Zwischenwirten – da sind die marderartigen oder katzenartigen extrem verdächtig – übergesprungen, und diese Tiere wurden entweder lebendig oder tot dann gehandelt und sind auf dem Weg nach Wuhan gekommen. Dort könnte dann das Virus aus diesem Tierprodukt auf den Menschen übergesprungen sein. Dazu haben wir aber noch keine konkreten Daten.

Es kann genauso sein, dass sich jemand, der in so einer Farm gearbeitet hat, mit dem Virus infiziert hat und dann einen Mitarbeiter oder über eine Infektkette unter den Menschen das Virus quasi über den Menschen nach Wuhan gereist ist. Diese ganzen Szenarien sind überhaupt noch nicht belegt, sondern, wie der Name ja sagt, nur Szenarien im Augenblick.

"Leider fehlen auch hier noch die Daten"

Reuning: Welche Rolle spielt denn Ihrer Einschätzung nach der Huanan-Wildtiermarkt, mit dem viele Infektionen in Verbindung gebracht wurden, aber eben nicht alle? Könnte das der Ort sein, wo das Virus von jenem Zwischenwirt auf die Menschen übergesprungen ist, oder hat dort möglicherweise nur ein Superspreading-Event stattgefunden und das Virus war schon vorher in der Stadt?

Leendertz: Leider fehlen auch hier noch die Daten, um zu sagen, ob dieser Markt wirklich der Ort ist des Interspeziessprunges, also der Übertragung von einem Tier oder Tierprodukt auf den Menschen, oder ob das ein erstes Superspreading-Event war.

So ein Markt ist ja wirklich etwas, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, es ist warm und feucht, ein ideales Habitat für so einen Virus, ähnlich wie vielleicht die Schlachthöfe hier in Deutschland. Auch da fehlen leider noch die Daten, und es kann auch sein, dass es nie möglich sein wird, zu sagen, war es nun auf diesem Markt oder woanders.

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Reuning: Auf der Pressekonferenz am 9. Februar vor Ort in Wuhan, am Ende der WHO-Mission, da hat die chinesische Seite immer wieder betont, dass das Virus sich auf Tiefkühlkost ausgebreitet haben könnte. Wie schätzen Sie das denn mittlerweile ein?

Leendertz: Die chinesischen Kolleginnen und Kollegen sind große Fans der Tiefkühlkost, das ist klar geworden anhand der Untersuchungen, die bis jetzt gemacht wurden. Wir können die nicht absolut ausschließen, diese sogenannte Tiefkühlkost, weil zur Tiefkühlkost gehört für uns auch tiefgefrorenes Wildfleisch, zum Beispiel gehandelt aus dem südostasiatischen Raum, auch südchinesischen Raum.

Das heißt, da zu schauen, wie überlebt das Virus in so einer Verpackung oder auf so einer Verpackung und wie könnte die Rolle in der Epidemiologie gewesen sein, ist durchaus relevant. Wir wissen aber auch alle, dass so ein Virus jetzt nicht ein Stück Plastik ist, was sich selbstständig gemacht hat oder in so einer Verpackung entsteht. Im Prinzip ist diese Tiefkühlkost ja nur ein Vehikel von A nach B.

Reuning: Sie haben gerade die Zusammenarbeit mit Ihren Kolleginnen und Kollegen aus China angesprochen – wie zufrieden sind Sie denn damit? Es hatte ja auch offenbar Irritationen gegeben, weil Ihnen der Zugriff auf rund 40.000 Patientendaten nicht gewährt wurde, Patientendaten von Menschen, die im Dezember wegen Atemwegserkrankungen in Wuhan behandelt wurden. Da hatte die chinesische Seite offenbar schon eine Vorauswahl getroffen, basierend auf eigenen Analysen.

Leendertz: Also prinzipiell zur Zusammenarbeit muss ich sagen, es war ein wissenschaftlicher Diskurs, der stattgefunden hat, und wie wir Wissenschaftler so sind, diskutieren wir gerne und haben auch mal leicht verschiedene Meinungen. Wir sind trotzdem zu dem Punkt gekommen, wo wir einen gemeinsamen Bericht – er ist ja nicht nur von uns geschrieben worden, sondern auch von der chinesischen Seite – publizieren konnten, mit dem wir alle zufrieden sind. Das dazu.

Was den Zugang zu Rohdaten angeht, wurde auf der Tierseite uns Zugang zu allen möglichen Daten gewährt, die sind auch in dem Bericht zu sehen. Auf der Humanseite muss man sich vorstellen, dass es eben auch nicht so einfach ist, Patientenakten einfach irgendeinem internationalen Team zugänglich zu machen. Auch in China gibt es so etwas wie Datenschutz, und da muss man schauen, wie man da eben besser rankommt.

Diese Vorauswahl wurde getroffen, weil die chinesische Seite eben Forschung betrieben hat und selbst versuchen wollte, die Menschengruppe der Erstinfizierten einzudämmen, genauso wie sie Untersuchungen auf der Tierseite gemacht haben – es waren also deren Untersuchungen. Ob die Kriterien jetzt genau die wären, die die WHO-Experten angewandt hätten, ist eine andere Frage, aber deswegen ist das auch einer der Punkte, die jetzt in den nächsten Wochen und Monaten weiter untersucht werden sollten.

Das Kapitel ist nicht geschlossen, da wird jetzt überlegt, wie man datenschutzgerecht auch diese Daten noch mal sichten kann, um dann eventuell weitere und frühere Fälle zu identifizieren.

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"Das ist technisch gesehen extrem schwer"

Reuning: Wie stehen Sie denn zu der sogenannten Laborhypothese, der zufolge das Virus im Labor gezielt auf eine Übertragbarkeit hin optimiert wurde in einem sogenannten Gain-of-function-Experiment und dann versehentlich freigesetzt wurde? In Wuhan selbst befinden sich ja zwei Forschungseinrichtungen, wo mit Coronaviren gearbeitet wird.

Leendertz: Diese Laborhypothese muss man differenziert betrachten, da gibt es ja verschiedene mögliche Szenarien. Die genetischen Analysen und die Analysen des publizierten Genoms geben keine Hinweise auf eine Manipulation des Virus, soweit das nach dem heutigen Stand der Wissenschaft – und da beziehe ich mich auf die Wissenschaft von anerkannten soliden Wissenschaftlern gemacht – eben möglich ist.

Ob so ein Virus oder auch ein natürlich in einem Labor vorkommendes Virus, sagen wir in einer Fledermausprobe, dann den Weg nach draußen schafft, ist natürlich nicht hundert Prozent auszuschließen. Das ist technisch gesehen extrem schwer, aber es ist auch unglaublich unwahrscheinlich im Vergleich zu der massiven Exposition, die die Menschen ohne jegliche Schutzmaßnahmen, die sie in einem Labor vorfinden, eben auf einem Markt, auf einer Farm oder bei einem Besuch einer Fledermaushöhle zum Beispiel haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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