Mittwoch, 01. Februar 2023

Ursula Fricker: "Gesund genug"
Vom gesunden Leben

Hannes Vater sucht sein Heil in der Vollwertkost. Daran sollen er und die Welt genesen. Für dieses hehre Ziel müssen Frau und Kinder aufs schärfste kontrolliert und gemaßregelt werden.

Von Eberhard Falcke | 11.10.2022

Ursula Fricker: "Gesund genug"
Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover, auf dem Cover ein Mädchen, das in einen großen Zuckerwatte-Ballen beißt.
Ursula Fricker schreibt in "Gesund genug" über Speisepläne und Toleranz (Buchcover: Atlantis Verlag / Foto: Schleyerautorenarchiv)
Er zählt die Körner und Kerne für sein Müsli einzeln ab. Fleisch, Weißmehl und Süßigkeiten sind in seinen Augen reines Gift. Pop-Musik ist für ihn Schund und alle Menschen, die gegen seine Maßstäbe verstoßen, betrachtet er als Abschaum. Kurzum: Er tut alles, was für seine Gesundheit gut ist, die körperliche und die geistige. Zumindest glaubt er das fest und unbeirrbar.
Von diesem störrischen Mann erzählt Ursula Fricker in ihrem Roman "Gesund genug". Oder genauer: Sie erzählt von den Auswirkungen, die der Gesundheitsfanatismus dieses Vaters auf seine Familie und besonders die Tochter Hanne hat.

Diagnose Darmkrebs

Und sie erzählt von dem Scheitern des verbohrten Heilsuchers, das sich eines Tages in einer Diagnose manifestiert, die sein ganzes Sein und Denken widerlegt: Darmkrebs im Endstadium.
"Kurz vor der Diagnose hatte er noch einen Termin bei seiner Heilpraktikerin, und wie immer, nachdem er bei dieser Frau gewesen war, rief er mich an, stolz, als hätte er eben eine außergewöhnliche Leistung vollbracht; nichts als Licht habe sie in seiner Iris gesehen, gleißendes Licht, nicht den Hauch einer Krankheit. Drei Wochen später fehlte ihm die Kraft, am Morgen aufzustehen."
Tochter Hanne kehrt in ihr Elternhaus zurück, um den alten Vater auf dem Sterbebett zu pflegen. Dabei rekapituliert diese Ich-Erzählerin in wechselnden Rückblicken ihr bisheriges Leben, in dem sie vor allem ein Ziel verfolgt hat: Sie will sich vom hemmenden Einfluss des Vaters befreien und die Welt auf ihre Weise kennenlernen.
Im Teenageralter geht sie als Haushaltshilfe nach England zu einer orthodoxen jüdischen Familie, bei der die vegetarischen Speiseregeln viel freundlicher praktiziert werden als bei ihr zuhause.  Zugleich wird sie jedoch Zeugin von Bombenanschlägen irischer Terroristen mitten in London.

Fanatiker, Rechthaber, Missionare

Bei einer Gruppe Hippies, mit denen sie sich befreundet, muss sie entdecken, dass sogar unter diesen jungen Menschen kompromisslose Freund-Feind-Bilder vorherrschen. Doch die Unduldsamkeit im Namen großer Ideale kennt sie von ihrem Vater zur Genüge.
"Niemand wollte mehr mit uns verkehren. Waren wir vor Urzeiten gelegentlich noch eingeladen worden, hatte er nicht den geringsten Anstand für nötig gehalten. Entweder saß er da und sagte kein Wort. Oder aber er begann zu dozieren, zu erziehen, zu belehren. Man muss eben schauen, sagte er, was man in sich hineinstopft, der Mensch ist, was er isst, gut oder böse, zum Beispiel. Wir gehörten nirgends dazu."
Am Beispiel des Vaters der Heldin, der seine Familie bis zum Darminhalt kontrollieren will, beschreibt die Autorin das Umschlagen von lebensreformerischen Bestrebungen in sektiererisches Eiferertum. Die Tochter versucht sich dagegen zu behaupten, indem sie auf Distanz geht und ihren eigenen Weg einschlägt. Das ist ein komplizierter, langer und oft schmerzhafter Prozess voller Widersprüche. Im Nachwende-Berlin findet sie die nötige Distanz zur Schweizer Heimat, doch sie wechselt rastlos durch die alternativen Szenen und diverse Jobs.

Befreiung von den Obsessionen des Vaters

Reflexionen und eindringliche Selbstbefragungen verbinden sich in diesem Roman mit detailreichen Milieuschilderungen und Erfahrungsbildern von intensiver psychologischer Dynamik. Auf einmal wird Hanne in ihrem eigenen künstlerischen Freundeskreis mit demselben Dogmatismus konfrontiert, unter dem sie in ihrem Elternhaus gelitten hat.
"Soll doch jeder wie er will, habe ich gedacht. Jeder soll essen, was er will. Solange niemand aufs hohe Ross steigt. Aber Irene gibt ihrem Ross gerade die Sporen: Sie wolle ihren Körper eben nicht vergiften, sagt sie, und meint haargenau dasselbe, was mein Vater immer gemeint hat: Ich hier, du dort. Sie meint: Ich bin besser als du, weil ich verzichte."
Reine Lehren, die oft als Reinheitslehren daherkommen, vertragen sich selten mit Toleranz, selbst wenn es nur um Speisepläne geht. Das demonstriert Ursula Fricker mit Nachdruck. Obwohl die Konzeption des Romans eindeutig fiktional angelegt ist, hat dieses Tochter-Vater-Drama viel gemein mit der Selbsterfahrungsliteratur der 1970er Jahre, in der das Private mit dem Politischen in Beziehung gesetzt wurde.
"Gesund genug" ist die Geschichte einer Befreiung. Sie beeindruckt durch starke Gefühle und existentiellen Ernst und - nicht zuletzt - durch eine allzumenschliche Komik, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Ursula Fricker: Gesund genug
Atlantis Verlag, Zürich
237 Seiten, 24 Euro.