Remme: Nun haben wir in den vergangenen Wochen gemerkt, dass ein heftig umstrittener Krieg offenbar kein wirkliches Ende finden will. Die Amerikaner haben Probleme; kein Tag ohne Angriffe und Todesopfer. Eine ungewohnte Erfahrung für die Supermacht. Wie schwer wiegen diese Probleme für die internationale Politik?
Petritsch: Sie sind zweifellos sehr bedeutend und problematisch. Offensichtlich ist es den Amerikanern noch nicht gelungen, tatsächlich Sicherheit herzustellen, tatsächlich mit dem Beginn einer Befriedungsphase überhaupt zu beginnen. Ich würde meinen, dass wir nach wie vor uns dort in einer Kriegssituation befinden, und solange sie vorherrscht, wird man wohl nicht zu geregelten Bedingungen und Beziehungen kommen können, um dann überhaupt an einen Wiederaufbau denken zu können.
Remme: Was läuft schief beim Versuch des Wiederaufbaus?
Petritsch: Na ja, zweifellos der Versuch der Amerikaner, hier unilateral vorzugehen, zu meinen, man könnte das selbst schaffen, ohne dass man hier die internationale Gemeinschaft, sprich die Vereinten Nationen einschaltet. Ohne die Vereinten Nationen wird es auf Dauer sicher nicht möglich sein, Fortschritte zu erzielen.
Remme: Der Krieg wurde ja, von britischer Beteiligung abgesehen, im Wesentlichen von den USA im Alleingang und gegen den Widerstand im Sicherheitsrat durchgesetzt, geführt und zunächst auch gewonnen. Liegen die Ursachen für die jetzigen Probleme in diesem Alleingang oder wären diese Probleme in jedem Fall entstanden?
Petritsch: Ich bin der Meinung, dass die Probleme auf jeden Fall entstanden wären, aber der Mangel an Legitimation dieser Intervention ist das große Problem. Es ist für die Menschen dort offensichtlich nicht sichtbar, dass man hier nicht bloß einen Regimewechsel wollte, nicht bloß gegen ein Regime vorgegangen ist, sondern dass man hier tatsächlich neue demokratische Verhältnisse auf die Beine stellen möchte. Diese Information, diese Message ist nach wie vor nicht durchgedrungen. Es sieht eher wie eine neokoloniale Aktion der Amerikaner aus, und das ist sicherlich sehr schlecht, atmosphärisch wie auch dann faktisch, um tatsächlich Veränderungen herbeizuführen.
Remme: Sie sagen, ohne eine Beteiligung der UNO wird es nicht gehen. Wie kann diese aus Ihrer Sicht am besten erreicht werden?
Petritsch: Ich glaube, man muss jetzt wirklich beginnen, Nägel mit Köpfen zu machen, das heißt mit einer umfassenden Sicherheitsratsresolution die fehlende Legitimität herzustellen, die lokalen Kräfte - und ich meine, dass dieser provisorische Regierungsrat zweifellos einen guten Ansatz bietet - mit einzubinden und dann eben wirklich zu beginnen, einen Wiederaufbau, der sich zum ersten Mal auf die Wiederherstellung von Sicherheit, von Rechtssicherheit konzentriert, zu beginnen.
Remme: Das heißt also, die Frage einer neuen Resolution ist nicht etwa nur eine für Völkerrechtler?
Petritsch: Nein, ich meine, das ist ganz entscheidend. Nur damit wird man der Bevölkerung dort vermitteln können, dass es tatsächlich um positive Veränderungen geht und dass es nicht eben um einen Raubzug einer Supermacht geht, wie das immer wieder jetzt denunziatorisch gesagt wird. Das muss aus der Welt geschaffen werden.
Remme: Ich habe es erwähnt, Sie haben in den vergangenen Jahren Erfahrungen auf dem Balkan gesammelt. Sie haben Krieg, Zerstörung und auch Wiederaufbau gesehen. Ist die Situation in Punkten vergleichbar?
Petritsch: Strukturell sicherlich, indem man auch zum Beispiel in Bosnien-Herzegowina, wo ich tätig war, oder auch im Kosovo Situationen vorgefunden hat, wo es sich im Falle Bosniens eben um einen gescheiterten Staat gehandelt hat, wo die Institutionen nicht mehr funktioniert haben und wo man eben daran gehen musste, sie wiederaufzubauen.
Remme: Welche Erfahrungen vom Wiederaufbau des Balkans in Bosnien können lehrreich sein?
Petritsch: Ich glaube, dass es wichtig ist, hier einen möglichst breiten Ansatz zu wählen. Es muss eben die internationale Gemeinschaft, es müssen die Vereinten Nationen hier die entscheidende Rolle übernehmen, wobei ich auch der Meinung bin, dass es hier Kombinationen geben muss wie auch im Falle Bosniens, wo die UNO einen Teil der Aufgaben hatte, aber jedenfalls für die Bevölkerung dort klargemacht worden ist, dass die Vereinten Nationen hier tatsächlich mit einer Stimme sprechen und alle Staaten dasselbe wollen, nämlich den Wiederaufbau dieses Staates. Im Falle des Irak müsste man genauso vorgehen. Dort wird es aber umso schwieriger sein, weil weite Bevölkerungsteile nach wie vor nicht überzeugt sind, dass das, was sich jetzt dort abzeichnet, das, was die Amerikaner gebracht haben, nun das Bessere wäre.
Remme: Kamen eigentlich diese antiamerikanischen Proteste, die ja sehr schnell nach dem Ende der offiziellen Kampfhandlungen auftraten, für Sie überraschend?
Petritsch: Eigentlich nicht. Nachdem ja doch eine monatelange Kampagne gegen das Saddam-Regime gelaufen ist, hat man ja vielen Menschen dort tatsächlich suggeriert, es ging in erster Linie um die Zerstörung des Regimes.
Remme: Vielen Dank, das Wolfgang Petritsch, Österreichs UNO-Botschafter.
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