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StartseiteNachrichten vertieftAtombomben auf Ost-Berlin23.12.2015

US-Pläne von 1956Atombomben auf Ost-Berlin

Die USA haben Geheimdokumente von 1956 veröffentlicht, die Pläne für einen möglichen Krieg mit der Sowjetunion offenbaren. Sie zeigen, wie kalt mit dem Tod vieler Zivilisten kalkuliert wurde. Nach entscheidenden Flugplätzen sollten auch viele Ziele in und um Städte bombardiert werden. Darunter sechs Orte in Deutschland.

Von Sebastian Trepper

Nach der Explosion einer französischen Atombombe 1971 schwebt dieser riesige Atompilz über dem Mururoa-Atoll. (dpa)
Nach der Explosion einer französischen Atombombe 1971 schwebt dieser riesige Atompilz über dem Mururoa-Atoll. (dpa)

800 Seiten umfasst die Studie, die das Nationalarchiv der USA jetzt veröffentlicht hat. Verfasst wurde sie von Mitarbeitern der strategischen Luftstreitmacht (Strategic Air Command, SAC) der US-Luftwaffe. Die SAC war für Langstreckeneinsätze zuständig und damit auch für den Abwurf von Atombomben. Im neu veröffentlichten Geheimdokument beschreibt die SAC 1956 ihre Anforderungen für einen möglichen Krieg gegen Russland. Dazu gehören auch Listen von Angriffszielen und ihre Wichtigkeit. Alle Ziele sollten mit Atomwaffen bombardiert werden.

In Deutschland sind neben Berlin noch sechs weitere Ziele vermerkt. Alle in der damaligen DDR, alle nahe Berlin: Potsdam, Oranienburg, Hennigsdorf, Schönwalde, Velten und Bernau. Insgesamt waren etwa 90 Bombenabwürfe vorgesehen. Unter den Zielen sind Militäranlagen aber auch viele zivile Einrichtungen. Darunter allein 20 Bahnanlagen und sechs Fernseh- und Radiostationen.

Bombardement deutscher Ziele nicht zu Beginn eines Kriegs vorgesehen

Viele Industrieanlagen, die in irgendeiner Weise einen Krieg beeinflusst haben könnten, wären zerstört worden. Aufgrund der vielen Bomben wären wohl nicht nur Berlin und seine Umgebung unbewohnbar geworden. Die deutschen Orte sind allerdings nicht unter den wichtigsten Zielen und wären damit vermutlich erst im weiteren Verlauf eines Krieges angegriffen worden.

Die Unterlagen von 1956 listen auch 1.100 sowjetische Flugplätze auf. Sie sind nach der Reihenfolge geordnet, in der sie zerstört werden sollten. Bomber waren die Hauptbedrohung, denn Interkontinentalraketen gab es noch nicht. Auf einer zweiten Liste vermerkten die Verfasser weitere Ziele, die angegriffen werden sollten. Allein in Moskau und seinen Vororten sind 190 Ziele als "designated ground zero" aufgeführt, also Plätze, an denen Atombomben explodieren sollten. Dazu gehören Standpunkte gelenkter Raketen, aber auch Betriebe für Landwirtschaftsmaschinen.

Russische Angriffe mit Langstreckenbombern verhindern

"Die Forderung, die Schlacht in der Luft zu gewinnen, überragt alles andere", schrieben die Autoren. Als erstes sollten im Kriegsfall zwei Stützpunkte in Weißrussland bombardiert werden. Dort vermuteten US-Geheimdienste Langstreckenbomber. Sie befürchteten, dass mit diesen Flugzeugen die USA bombardiert werden könnten. Zumindest rechneten sie mit Angriffen auf US-Stützpunkte und NATO-Verbündete in Westeuropa.

Die Flugplätze sollten sehr schnell und massiv getroffen werden. Große Wasserstoff-Bomben mit einer Sprengkraft von bis zu neun Megatonnen waren vorgesehen. Bereits eine Megatonne bedeutet das 70-fache der Energie, die bei der Zerstörung Hiroshimas freigesetzt wurde. Langfristig wollte die SAC eine 60-Megatonnen-Bombe bauen. Außerdem forderte sie eine größere Zahl an Atomwaffen. Mit Erfolg. 1955 verfügten die USA über etwa 2.400 Atombomben, 1961 waren es bereits fast zehn Mal so viel.

Bevölkerung als eine Kennziffer unter vielen

Alle Bomben sollten nach dem SAC-Plan auf der Erdoberfläche explodieren oder zumindest in sehr niedriger Höhe. Den US-Taktikern reichten Brände und Verstrahlung nach einem Atomangriff nicht aus. Sie wollten bereits mit der Detonation möglichst großen Schaden anrichten. Außerdem glaubten sie fälschlicherweise, dass Explosionen auf der Erdoberfläche einen geringeren globalen Verstrahlungseffekt hätten.

Selbst für kleinere Ziele wurden Bomben vorgeschlagen, die um ein vielfaches stärker waren, als die in Hiroshima oder Nagasaki. Entweder fehlte den Verfassern des Planes die Vorstellung für die Zerstörung, die damit angerichtet worden wäre, oder sie hielten die Folgen für nötig. Die Unterlagen erscheinen an vielen Stellen aus heutiger Sicht zynisch. So sind die Ziele mit Kennziffern kategorisiert. Bevölkerung ist dabei eine Kennziffer unter vielen. Während aber etwa Werkstätten für Züge genau gezählt wurden, ist die Anzahl bei "Bevölkerung" immer dieselbe: 1. Egal ob Moskau, Sankt Petersburg, Warschau, Peking oder Berlin.

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