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USA
Den Horror der Waffengewalt begreifen

Nachdem am Mittwoch zwei Fernsehreporter während eines Live-Interviews erschossen worden waren, dominierte das Geschehen am Tag danach die Berichterstattung in den USA. Dabei werden die Waffenproblematik, die Rassendiskriminierung und die Rolle der neuen Medien diskutiert. Auch die Angehörigen von Opfern und Täter suchen die Öffentlichkeit.

Von Bettina Klein | 28.08.2015

New Yorker Boulevardblätter berichten groß über die tödlichen Schüsse vor laufender Kamera auf zwei Reporter.
New Yorker Boulevardblätter berichten groß über die tödlichen Schüsse vor laufender Kamera auf zwei Reporter. (imago / Levine-Roberts)
Der Vater von Alison Parker zeigte sich gestern in mehreren Fernsehinterviews. Er teilte mit dem Publikum seine Trauer - und seine Entschlossenheit, das Leben fortan dem Kampf für mehr Waffenkontrolle zu widmen. Feige Politiker, die die Waffenlobbys sich in die Tasche gesteckt habe, müssten zu Verstand kommen, sagte er auf CNN. "Wie viele Newtowns, wie viele Sandyhooks werden wir noch haben, bevor etwas geschieht", fragte Andy Parker in Anspielung auf jene Schule, in der vor knapp drei Jahren 26 Menschen starben, "wie viele Alisons, denen das zustößt. Ich weiß, wie das mit dem Mediengeschäft läuft, es ist ein paar Tage Thema, dann rutscht es wieder nach hinten und nichts passiert.“ Er jedenfalls werde nicht eher ruhen, bis etwas getan wird, so der Vater der jungen Reporterin.
Er spreche ständig dieses Thema an, klagt der demokratische Gouverneur von Virginia, Terry McAulliffe, zweimal habe er eine Gesetzgebung eingebracht für verstärkte Backgroundchecks, zwei Mal wurde sie im Parlament des Bundesstaates abgelehnt.
Selbst wenn solche Gesetze die jüngste Tragödie vielleicht nicht verhindert hätten, sie könnten künftige vermeiden helfen, schreibt auch die "Washington Post" in ihrem Editorial am Tag danach. Der Kongress müsse handeln. Die Zeitung verwahrt sich außerdem dagegen, dass der Täter das Massaker in Charleston als Rechtfertigung für sein Verbrechen benutzt hat. Er verunglimpfe das Andenken an die Opfer.
"Mit schwerem Herzen und großer Trauer drücken wir unser tiefstes Mitgefühl mit den Familien von Alison Parker und Adam Ward aus", so die Familie des Täters in einem Brief, den eine Freundin verlesen hat. "Unsere Gedanken und Gebete sind bei ihnen und der Senderfamilie von WDBJ."
Der Täter hat die Aufmerksamkeit gesucht und bekommen in einer Weise, die so erst im Zeitalter von Twitter und Facebook möglich ist, so Experten. Sie verweisen darauf, dass inzwischen auch Terrorgruppen ihre Grausamkeiten auf Video festhalten und im Internet verbreiten, und dem früheren Fernsehreporter möglicherweise das Muster geliefert haben. Twitter sperrte zwar seinen Account, nachdem er dort Aufnahmen von dem Verbrechen veröffentlicht hatte. Doch andere hatten das Video längst verbreitet.
Zwei New Yorker Boulevardblätter zeigten heute Aufnahmen daraus auf ihren Titelseiten. Abscheu war die eine Reaktion. David Bowers dagegen, der Bürgermeister von Roanoke, Virginia, Heimat des TV-Senders und der Opfer, hofft eher auf die Schockwirkung. Er zieht sogar die Parallele zu den Bildern von Matthew Brady aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, die seinerzeit auch als zu entsetzlich und zu provozierend galten, um veröffentlicht zu werden. "Sie haben uns aber geholfen, die Schrecken des Krieges zu verstehen. Wann werden wir", so fragt der Bürgermeister von Roanoke, "den Horror der Waffengewalt in unserem Land begreifen?"