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StartseiteCampus & KarriereV-Mann an der Uni Heidelberg21.01.2011

V-Mann an der Uni Heidelberg

Der verdeckte Ermittler wurde nur durch Zufall enttarnt

Die Studierenden an der Uni Heidelberg sind beunruhigt. Unter ihnen wurde ein verdeckter Ermittler enttarnt. Laut Innenministerium habe er den Auftrag gehabt die Antifa-Szene auskundschaften. Von dem Mittzwanziger fehlt jedoch jede Spur.

Von Thomas Wagner

Studierende an der Uni Heidelberg sind beunruhigt. (AP)
Studierende an der Uni Heidelberg sind beunruhigt. (AP)

Hochbetrieb zur Mittagszeit in der so genannten "Triplex-Mensa" der Uni Heidelberg: Am Eingang ein Zeitungsstapel."Ruprecht - Heidelberger Studierendenzeitung" steht auf dem Blatt. Und das findet an diesem Mittag reißenden Absatz. Titel des Aufmachers: "Aufgedeckter Einsatz." Max Mayer ist Redakteur der Studierendenzeitung.

"Es geht um verdeckten Ermittler Simon Brenner, der offensichtlich, wie es Innenminister Rech eingeräumt hat, verdeckter Ermittler war, ein Spezialbeamter, der sich unter falscher Identität in studentische linke Kreise eingeschleust hat und dort mitgemacht hat sozusagen. Das ist das Thema dieses Titelartikels."

Über dem Artikel das Foto eines jungen Mannes mit blonden, strähnigen Haaren vor einer Studenten-Demo, so, als ob er diese sogar anführen würde. Dass dieser Mann, der sich Simon Brenner nannte, als verdeckter Ermittler enttarnt wurde, ist 'Kommissar Zufall' geschuldet: Einem Mädchen, das er im Urlaub weit weg von Heidelberg traf, erzählte er, was für ein toller Hecht er sei, nämlich eine Art Geheimagent, ein V-Mann der Polizei. Pech für den "Geheimagenten": Das Mädchen ist Studentin der Heidelberger Uni und erkannte ihn dort wieder, als er sich in studentischen Kreisen als linkslastiger Protestler gegen Studiengebühren zu profilieren versuchte. Darauf zur Rede gestellt, soll 'Geheimagent Brenner' vor den betroffenen Studierenden kleinlaut eingestanden haben: Ja, er arbeite für die Abteilung "Verdeckte Ermittlungen, Staatsschutz" des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg. Seitdem fehlt von dem Mittzwanziger mit seinen langen, strähnigen Haaren an der Heidelberger Uni jede Spur.

Während sich das LKA in Stuttgart über den Fall in Schweigen hüllt, bestätigte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech den Einsatz eines V-Manns in Heidelberg. Der Ermittler habe den Auftrag gehabt, die als politisch linkslastig geltende so genannte "Antifa-Szene" auszukundschaften.

"Tatsächlich aufgehalten hat sich Simon Brenner aber in zwei anderen Gruppen, nämlich in der SDS und der Kritischen Initiative in Heidelberg. Das sind zwei studentische Gruppen. Hauptsächlich war er in der Kritischen Initiative, die sich vornehmlich mit Bildungspolitik beschäftigt hat. Und da stellt sich in der Tat die Frage: Was ist da von den Informationen her interessant für die Polizei? Und wie kann ein solcher Einsatz gegen Leute, die offensichtlich nicht gefährlich sind, gerechtfertigt?"

Fragt sich Max Meyer von der Studierendenzeitung "Ruprecht". Und er ist mit seiner Frage nicht allein. Unter den Heidelberger Studierenden hat die Meldung über den V-Mann wie eine Bombe eingeschlagen und sorgt für Betroffenheit. Eva Janson studiert in Heidelberg Ethnologie, genau jenes Fach, in dem auch der Mann, den sie Simon Brenner nannten, eingeschrieben war:

"Ich hab' mich aufgeregt, weil es Misstrauen weckt vor allem gegenüber Mitstudenten. Und ich fand das einfach sehr unangebracht und halte nichts davon. Es weckt Misstrauen auch gegenüber der Universität. Es war auf jeden Fall auch in der Mensa ein Gesprächsthema. Und wir haben uns gefragt: Wen regt es an, in Heidelberg zu ermitteln, wenn die Antifa solche Aktionen plant? Da müsste man eher nach Hamburg oder Berlin gehen."

Wohl wahr! Heidelberg ist nicht eben als Hort linksextremistischer studentischer Umtriebe bekannt. In der Cafeteria haben die Juristen mit kurzem Haarschnitt und korrekten Sakkos die Mehrheit vor jenen, die, wie Simon Brenner, mit längeren Haaren und verwaschenen Jute-T-Shirts ihrem Protest schon mit der Kleidung Ausdruck geben. Möglicherweise hat sich die Polizei mit dem Einsatz des V-Manns ja ganz einfach in der Stadt vertan, vermutet Max Mayer von der Studierendenzeitung "Ruprecht":

"Also ich glaube, da gibt es an anderen Unis noch viel schärfere Bewegungen. Und letztendlich beschäftigen sich die linken Gruppen in Heidelberg, so weit ich das überschauen kann, im wesentlichen mit Hochschulpolitik und nicht mit der Abschaffung der Verfassungsordnung und dergleichen."

Derweil diskutieren viele Studierende eine ganz andere Frage: War Simon Brenner ein Einzelfall? Oder ist die Schar der Studierenden längst infiltriert von einer Heerschar von V-Leuten?

"Man weiß, dass so etwas häufig passiert. Mich hat das nicht großartig überrascht. Das ist wahrscheinlich Alltag. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass es auch gut ist. Ich find' das nicht gut. Aber es ist keine besondere Überraschung, dass so was mal passiert, auffliegt."

So ein Jurastudent, der seinen Namen lieber nicht preisgeben möchte. Die Universität Heidelberg selbst habe von dem V-Mann-Einsatz im Vorfeld nichts gewusst und darüber über die Medien erfahren, so eine Sprecherin. Bemerkenswerterweise hatte der V-Mann Abiturzeugnis und Krankenversicherungsnachweis unter seinem Tarnnamen vorgelegt, offensichtlich gefälschte Dokumente. Ob deswegen Anzeige erstattet werde, hänge davon ab, ob der Einsatz insgesamt rechtmäßig gewesen sei. Die Grünen im baden-württembergischen Landtag bezweifeln dies und kündigen eine entsprechende Anfrage an. Und Jenny Genzmer, Kommentatorin der Studierendenzeitung "Ruprecht", hat am rechtmäßigen Vorgehen von '00-Brenner' ebenfalls ihre Zweifel:

"Ich habe in meinem Kommentar auf die Verhältnismäßigkeit abgehoben, mit der der Ermittler eingesetzt wurde. Wenn man sich überlegt, was für schwere Straftaten oder Vorwürfe man im Grunde haben muss, um einen verdeckten Ermittler einzusetzen, ist das schon ziemlich fragwürdig. Der ist in eine Initiative eingeschleust worden. Und die setzen sich für eine bessere Bildung ein. Und die besetzen schon mal auch das Romanische Seminar oder so. Wer das kriminell nennt. Nun, das ist sowieso schon fraglich."

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