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StartseiteInterviewLinguistin: Zeiten des Umbruchs erweitern den Wortschatz 28.02.2021

Vaxxie, Zoomparty, CoronadiktaturLinguistin: Zeiten des Umbruchs erweitern den Wortschatz

Die Corona-Pandemie sei gerade das bestimmende Element in unserem Leben und das spiegele sich auch in der Sprache wider, sagte die Linguistin Christa Dürscheid im Dlf. Das sei teils sehr kreativ, manche Wortneuschöpfungen seien jedoch auch sehr kritisch zu betrachten.

Christa Dürscheid im Gespräch mit Änne Seidel

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Ein Schild mit der Aufschrift „Bitte Maske tragen!“ und dem plattdeutschen Zusatz „Snutenpulli - dat mutt!“ hängt an der Zufahrt zu einem Parkplatz. (picture alliance / Hauke-Christian Dittrich)
Das Wort "Maske" hat sich durch die Coronapandemie weit von seiner ursprünglichen Bedeutung - sich verkleiden, verstecken - entfernt (picture alliance / Hauke-Christian Dittrich)
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Nichts bewege die Menschen gerade mehr als die Pandemie und das spiegele sich in der Sprache wieder, sagte die Sprachwissenschaftlerin Christa Dürscheid im Deutschlandfunk: Neue Worte entstünden, etwa der Begriff "Vaxxie" - also ein Impf-Selfie, ein schnell geschossenes Fotos von sich selbst nach dem Piks in den Oberarm. Ein Begriff wie "Vakzin" sei vor der Pandemie allenfalls im fachmedizinischen Umfeld verwendet worden - nun sei er omnipräsent. Zum Teil veränderten auch bestehende Worte ihre Bedeutung: "Geisterspiel" oder "zoomen" zum Beispiel - zuvor ein Begriff aus der Fotografie und dem Film, nun gängig für Videokonferenzen insbesondere aus dem Homeoffice.

Eine Frau in Kalifornien/ USA macht ein Selfie von sich, während sie geimpft wird (Imago)Achtung, Vaxxie! Der Trend geht zum Impf-Selfie (Imago)

Umbruchzeiten seien generell Zeiten, "in denen wir neue Wörter brauchen", so Dürscheid. Das sei beispielsweise auch nach dem Ende der DDR und der Wende der Fall gewesen, "weil es eben auch viele Fragen gibt, viele Veränderungen, viele neue gesellschaftliche Entwicklungen wirtschaftlicher Art".

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"Hoffe, dass viele dieser Wörter wieder verschwinden"

Besonders gelte dies für das Wort "Maske", herkömmlich gebraucht für sich maskieren, verkleiden, auch verstecken. Die Frage bei diesem wie auch anderen Begriffen sei, ob sie in künftigen Post-Pandemiezeiten auch wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung in den Sprachschatz zurückkehren werde, erklärte die Sprachwissenschaftlerin.

"Ich hoffe, dass diese Wörter wieder verschwinden, weil die Sachverhalte, auf die sie sich beziehen, auch wieder verschwinden", räumte Christa Durscheid ein. Einige Wörter würden jedoch bleiben, wie das Wort "zoomen" für Videokonferenzen – denn diese Praxis würden wir künftig vermutlich auch mehr nutzen als früher.

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Damit neue Worte in den bestehenden Sprachschatz eingehen können, müssten sie "gesellschaftlich relevante Sachverhalte abbilden, die aktuell wichtig sind und deshalb bezeichnet werden müssen", erklärt Dürscheid. "Wenn das langfristig gegeben ist, werden sich auch die Wörter dafür halten."

"Coronadiktatur" und "Coronamüde"

Problematisch seien Begriffe wie "Coronadiktatur" oder "Ankündigungsminster", weil sie Sachverhalte "polemisch, unsachlich, provozierend" darstellten, so die Linguistin. Darin kämen Haltungen zum Ausdruck, die besorgniserregend seien. Denn: "Sprache bestimmt unsere Wahrnehmung in ganz wichtigen Teilen. Insofern ist es auch wichtig, wie die Dinge bezeichnet werden. Es ist ein Unterschied, ob man das positiv darstellt oder mit solchen Wörtern, die negative Konnotationen auslösen." Wörter wie "coronamüde" oder "Impfneid" zeigten zudem genau an, was gerade unser Denken bestimme.

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Bei dem von Donald Trump geprägten Begriff "Chinavirus" spielten ebenfalls politische Faktoren mit ein – wenn wir allerdings von der "britischen Variante" des Virus sprächen, fehle eine negative Konnotation. Die Kriegsmetaphorik, die im Hinblick auf die Pandemiemaßnahmen häufig verwendet worden sei, dränge sich dagegen auf: "Wir ziehen zu Felde gegen das Virus, wir kämpfen dagegen." Mit diesen Ausdrücken würden auch Befindlichkeiten der Bevölkerung anschaulich gemacht, so Christa Dürscheid.

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