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StartseiteGesichter EuropasIm Berufsverkehr mit Touristen04.11.2017

Venedig und die Touristen (2/5)Im Berufsverkehr mit Touristen

Will man in Venedig irgendwohin, nimmt man den Wasserbus. Das gilt für Einheimische und für Touristen gleichermaßen. Doch auf den heillos unterdimensionierten Vaporetti kommt es zwischen Selfiesticks und beweglichen Kofferbergen immer wieder zu nervenaufreibenden Szenen.

Von Kirstin Hausen

Vaporetti voller Passagiere auf dem Canale Grande in Venedig (picture alliance / W. Grubitzsch)
Auf den venezianischen Wasserbussen fliegen täglich die Koffer und die Selfiesticks. Das kann ganz schön strapaziös werden, vor allem wenn noch der Berufsverkehr hinzukommt (picture alliance / W. Grubitzsch)
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Unterwegs in Venedig Feindbild Tourist

Sieben Uhr abends auf der Piazzale Roma in Venedig. Großes Hasten an der Vaporetto-Anlegestelle. Touristen aus aller Welt wollen schnellstmöglich von den Booten, sie müssen zum Bus, der sie zum Flughafen bringt. Viele sind in Zeitnot, zerren ihre Trolleys ungeduldig übers Pflaster, manchmal auch über die Füsse derjenigen, die anstehen, um auf das Boot zu kommen. Für Höflichkeit fehlt die Zeit oder die Sprache.

Tagesausflügler wollen noch den wartenden Bus kriegen, der sie zurück in ihr Hotel auf dem Festland bringt, wo man deutlich preisgünstiger logiert als in Venedig. Die Deutschen Stefanie und Fabio sind wie so viele nur einen Tag in Venedig.

"Wir machen eine Interrailtour durch Italien, und Venedig musste halt mit dabei sein. Wir haben gestern erst gebucht und es war superteuer. Und nur noch sehr wenig zu finden."

"Eigentlich sind die Touristen inzwischen überall"

Mitten im Getümmel steht Marco Rugliancich, gebürtiger Venezianer. Langer, gepflegter Bart, grün-braune Augen, Cordjackett über kariertem Hemd. Er kommt von der Arbeit und nimmt wie immer die Linie Richtung Lido.  Eine halbe Stunde dauert die Fahrt nach Hause. Außer, das Vaporetto ist so voll, dass er aufs nächste warten muss.

"Das passiert während des Filmfestivals und auf der Route, die den Canal Grande befährt, da sind immer sehr viele Touristen auf den Booten. Aber eigentlich sind die Touristen inzwischen überall. Nur unsere Lokalpolitiker behaupten, dass es nicht zu viele sind, sondern dass sie schlecht über die Stadt verteilt sind. Das heißt, sie versuchen, Venedig auch dort unbewohnbar zu machen, wo man im Moment noch leben kann."

Marco wohnt auf der Giudecca-Insel, die dem historischen Zentrum mit dem Markusplatz gegenüberliegt.

"Unser Bürgermeister ist ja der Meinung, dass die echten Venezianer heute in Mestre wohnen. Deshalb kümmert es ihn nicht, ob Venedig noch eine Stadt zum Leben ist oder nur noch ein Vergnügungspark für Touristen."

Nimmt das Boot Fahrt auf, kommen Gepäckstücke in Bewegung

Marco hält nach einem Sitzplatz Ausschau. Keine Chance. Eine Reisegruppe aus Japan hat den gesamten hinteren Teil des Vaporetto in Beschlag genommen, ihre Koffer türmen sich im Gang.

"Es ist klar, dass Touristen ihre Koffer mitbringen, das kann man ihnen nicht verübeln. Aber die öffentlichen Wasserbusse haben nicht genug Stauraum für das viele Gepäck. Dieses Vaporetto hier hat eine Ecke für Gepäck ausserhalb der Schiffskabine, aber wie viele Koffer passen da rein? Zehn vielleicht."

Nimmt das Boot Fahrt auf, kommen auch die Gepäckstücke in Bewegung. Pavel, der für das Vertauen des Vaporetto an den Haltestellen zuständig ist und das geordnete Ein- und Aussteigen regelt, schiebt sie immer wieder an ihren Platz zurück.

Geduldig, freundlich, hilfsbereit – der Mittdreissiger ist kein Venezianer, sondern in Warschau geboren.  Seit zehn Jahren arbeitet er auf den öffentlichen Wasserbussen und geniesst das Panorama der altehrwürdigen Palazzi und Kirchen, das täglich an ihm vorbeigleitet. Wie dicht ist denn der Verkehr inzwischen?

Enorm viele Boote sind unterwegs, sagt, er und es werden ständig mehr. Dann greift er nach dem Tau, wir legen an.

"Kann ich mal durch", sagt er täglich an die 100 Mal

Es steigen mehr Menschen zu als aus.

Entschuldigung, kann ich mal durch? Das sagt Pavel an die 100 Mal am Tag. Weil die meisten Touristen -kaum haben sie das Boot betreten- Handy und Selfiestick zücken statt zügig in die Kabine abzusteigen, um denen hinter ihnen Platz zu machen.

So wie das junge Paar mit Rucksäcken, das zugestiegen ist. Staunend betrachtet es das Panorama, der riesige Koffer steht mitten im Weg. Pavel versucht, ihn hochzunehmen, lässt es aber, scheint schwer zu sein. Er fragt, wohin sie fahren. Dann schüttelt er den Kopf:

"It's wrong boat."

Die beiden sind auf dem falschen Boot. Pavel erklärt ihnen, wo sie aussteigen und welche Linie sie nehmen müssen.

"Oh no! Where do we get off?"

"So ein Verhalten ist respektlos gegenüber dieser Stadt"

Ein älterer Herr beobachtet die Szene und verzieht das Gesicht.

"Die  Venezianer scheinen nur noch dafür da zu sein, den Touristen Auskunft zu geben. Touristen, die noch dazu kein Benehmen haben. Im Sommer springen sie in die Kanäle, um sich zu erfrischen. Manche pinkeln sogar in die Kanäle oder laufen in Badekleidung durch die Stadt. So ein Verhalten ist respektlos gegenüber dieser Stadt, die Respekt verdient."

Marco Rugliancich schaut auf die Uhr. Das Boot  ist  pünktlich. Die Insel Sacca Fisola taucht auf – hier leuchten keine eleganten Palazzi im Dunkeln, das Licht der Straßenlaternen trifft grauen Beton.  Niemand ist unterwegs. Etwa 1500 Menschen wohnen in Sozialbauten aus den 70er-Jahren.

"Auch hier gibt es inzwischen BnBs. Diese beiden Boote, die dort vor Anker liegen, sind zum Beispiel für Touristen."

Und die übernachten in den Booten?

"Ja, die waren kurzfristig geschlossen, weil sie nicht regulär angemeldet waren, aber jetzt sehe ich immer wieder Licht und auch Leute dort. Das heißt, irgendwie haben sie das offiziell gemacht. Mit den Touristen werden eben überall Geschäfte gemacht."

Marco will nicht an Touristen verdienen – aus Prinzip

Auch Marco könnte sich am Geschäft mit den drei Millionen Venedig-Besuchern beteiligen und ein Zimmer seines Hauses tageweise vermieten. Er würde damit wahrscheinlich mehr verdienen als mit seiner Anstellung an der Universität.

Aber davon will der gebürtige Venezianer nichts wissen. Die Touristen nehmen bereits zu viel Raum ein, findet er. Marco geht Richtung Deck. Die Anlegestelle Giudecca Pallanza – er ist zuhause.

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