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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften"Man heult, man weint, man schreit"14.12.2017

Verarbeitung der Breitscheidplatz-Erlebnisse"Man heult, man weint, man schreit"

Am 19. Dezember jährt sich der Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. Noch immer versuchen Betroffene, die Ereignisse und Folgen zu verarbeiten. So auch Astrid Passin, die ihren Vater verlor. Das lange Warten auf eine offizielle Nachricht hat sie als besonders quälend erlebt. Traumaforscher sprechen von einer "entrechteten Trauer".

Von Hans Rubinich

Astrid Passin auf dem Breitscheidplatz. (Carsten Behrendt / Deutschlandradio)
(Carsten Behrendt / Deutschlandradio)
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"Das war ja in den Tagen danach erst mal eine ganz schwierige Situation, um überhaupt zu erfahren, was ist denn da passiert. Wo ist er denn jetzt? Da gab es ja nur diese Hotline, diese Telefonnummer, die über die Medien mitgeteilt wurde, die auch total überlastet war. Wo wir halt stündlich anriefen, um zu wissen, was los ist. Ist er im Krankenhaus? Ist er bei einer Gerichtsmedizin? Ist er vielleicht doch noch am Leben?" 

Astrid Passin – ihr Vater kam bei dem Terroranschlag in Berlin ums Leben.

"Und ich habe nur die Auskunft bekommen: Es gibt keinen mit diesem Namen hier – er ist nicht bekannt. Wir wissen nichts davon. Rufen Sie in drei Stunden noch mal an. Nach einem Tag wurde dann diese Hotline abgeschaltet. Also es war eine völlig chaotische Situation. Man hat gespürt: Es läuft aus dem Ruder."

"Dieser Zustand der Ungewissheit ist ganz besonders quälend. Der ist wie eine Folter. Weil man natürlich instinktiv etwas tun möchte und es ist auch wie amerikanische Kollegen beschrieben haben eine "entrechtete Trauer". Man hat in der Zeit noch kein Recht dazu zu trauern, weil die offiziellen Stellen einem noch keine offizielle Nachricht gegeben haben. Ein sehr schwerer Zustand. Der führt innerlich häufig zu einer Erstarrung, oder wie wir das nennen "gefrorenen Trauer", dass man gar nicht mehr weiß, wie man über die nächsten Stunden kommen muss", sagt Andreas Maerker, Psychologie-Professor, mit der Spezialisierung Psychopathologie und klinische Intervention an der Universität Zürich.

"Es war auch nicht böser Wille. Es war einfach die noch nicht vorhandene Fähigkeit, mit so etwas umzugehen. Also eben diesen Dingen muss ganz eine Anlaufstelle geschaffen werden. Das hätte beispielsweise – wenn ich es jetzt rekapituliere – in der Kirche sein können mit einem Hinweis: Dort kann man sich hinwenden. Da hätten auch nicht alle Fragen sofort beantwortet werden können, aber man hätte medizinisch, man hätte therapeutisch, seelsorgerisch, polizeilich beratend, dort eine Anlaufstelle gehabt, um die Menschen ein Stück zu lenken und zu begleiten in den nächsten Stunden", sagte Kurt Beck, Opferbeauftragter der Bundesregierung.

Trauerkarten und Erinnerungen

Astrid Passin, Mutter einer zehnjährigen Tochter, lebt in einem kleinen Haus mit Garten am Stadtrand von Berlin. Im Mai dieses Jahres besuche ich sie zum ersten Mal. Drinnen im Wohnzimmer hat sie auf einer Kommode Trauerkarten aufgereiht und vieles, was sie an ihren Vater erinnert.

"Ja, ein kleines braunes weißes Nilpferd, was das Maul ganz weit aufreißt. Ja, Nilpferd war so sein Steckenpferd, sein Markenzeichen. Überall wo er war, hat er Nilpferd gesammelt. Die große Schatztruhe, die verbindet uns an einen Urlaub, einen gemeinsamen, den wir vor vielen Jahren hatten auf Bornholm. Die Schatztruhe war so ein Symbol der Dinge, die wir so fanden am Strand, im Wald. Dann seine Lesebrille, Bücher, die ich bekam. Das Bild zeigt ihn auf die See blickend in einer Badewanne, wie im Sommerurlaub. Es ist grün, es ist blau. Sein Rucksack steht daneben mit dem Zitat von Eric Clapton aus einem seiner Lieder, welches heißt: Jenseits der Tür gibt es Frieden. Ich bin sicher und ich weiß, es gibt keine Tränen im Himmel."

In der Nacht des Anschlags besucht ihr Vater mit seiner Lebensgefährtin den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Davon weiß Astrid Passin erst mal nichts. Am nächsten Morgen klingelt bei ihr das Telefon.

Massive Ohnmachts-Erfahrungen

"Da hat mich die Lebensgefährtin angerufen meines Papis. Ich habe sie erst gar nicht verstanden. Sie hat nur geweint und was geschrien am Telefon. Und irgendwann kam dann der Satz: Papi ist tot. Und da ist erst mal ... wie jetzt? Papi ist tot? Und dann hat sie mir gesagt: Wir waren gestern auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheid-Platz. 

Und in dem Moment war ich außer mir und bin zusammengebrochen. Ich konnte dann auch nicht mehr weiter reden. Ich wusste auch nicht, wohin mit mir. Und man ist so unter Spannung. Man heult, man weint, man schreit. Man kann es einfach nicht fassen, dass man betroffen ist."

Die Psychoanalytikerin Luise Reddemann ist Professorin am Institut für Psychologie an der Adria-Alpen Universität in Klagenfurt mit den Schwerpunkten Psycho-Traumatologie und psychologische Medizin. Sie beschreibt, wie sich Astrid Passin in diesem Moment gefühlt haben könnte.

"Auf jeden Fall schwer verletzt. Schwer in Panik. Massive Ohnmachts-Erfahrungen müssen da ertragen werden. Manchmal auch sowas wie Überlebenden-Schuld. Und natürlich eine Wahnsinns-Trauer. Jeder Verlust löst ja Trauer und Verzweiflung aus. Wenn das so unerwartet kommt, verbindet sich das natürlich mit diesem Schock und mit diesen Ohnmachts-Erfahrungen. Und diesem überhaupt Nicht-Verstehen. Und überhaupt nicht einordnen können." 

Einen Tag nach dem Anschlag

Von der Lebensgefährtin ihres Vaters erfährt Astrid Passin, was am Vorabend passiert ist. 

"Das war eine spontane Idee. Die wollten ins Theater gehen. Die Frage war nur, ob sie noch reinkommen, weil sie noch keine Karten hatten. Und da das eine Veranstaltung war, die sehr gut besucht wurde, standen sie vor dem Theater und haben festgestellt: Das geht doch nicht, sie kommen nicht rein. Also Alternative – was machen wir jetzt? Wir gehen mal zum Weihnachtsmarkt. Und essen da vielleicht eine Kleinigkeit in der Nähe und das war eigentlich so das Moment, was entscheidend war"

Einen Tag nach dem Anschlag meldet sich die Polizei bei Astrid Passin. Und teilt ihr mit, sie müsste in die Wohnung ihres Vaters. Wo er sei, wisse sie nicht.

"Die brauchten eine Zahnbürste, einen Rasierer oder einen Kamm von meinen Papi, damit sie DNA-Spuren nehmen können. Und hinter der Wohnungstür bin dann erst mal zusammen gesackt. Weil ich die Wohnung betreten habe, das letzte Mal, habe ich da noch Blumen gegossen für ihn. Es war für mich eine ganz furchtbare Nacht." 

Von ihrem Vater fehlt weiter jede Spur. Astrid Passin beschließt, das Bundeskriminal-Amt anzurufen.

"Das war am Donnerstag, drei Tage später. Und habe am Abend um halb zehn dort angerufen und habe gesagt: Ich will jetzt endlich wissen, wo mein Papi ist. Ich möchte ihn sehen. Warum geht das nicht? Anstelle dessen wurde von mir verlangt noch mal in die Wohnung zu gehen, um eine Spurensicherung zu machen. Da bin ich wieder in die Wohnung mit einem dreiköpfigen Team von denen und musste quasi dort in der Wohnung mit zusehen, wie alles geschwärzt wurde, wie die Spuren aufgenommen worden sind. Und alles im Prinzip unter die Lupe genommen wurde. Und da kam ich mir vor, als wenn ich Täter wäre." 

Wie in einem Teufelskreis

Andreas Maercker, Psychologe: "Es ist wirklich schwierig, wenn es zu solchen Konstellationen kommt. Es gibt schon viel Trauer, aber andererseits auch Ärger, Wut, Ansätze von Rachegefühlen gegenüber den Tätern und dann stellen sich zum Teil die staatlichen Stellen entweder neutral dazwischen, dass man manchmal den Eindruck hat, man wird selber als Täter genommen. Und dann wird man wie in einen inneren Teufelskreis gebracht. Da werden viele "heiße Gefühle", wie wir das nennen in der Psychologie miteinander gekoppelt und die verstärken sich gegenseitig. Das löst aus, dass man kurzfristig überhaupt nicht mehr von einer inneren Erregung runterkommt. Dazu kommt noch ein erschütterndes Weltbild. Und das sind häufig ganz langfristige Folgen. Das sind dann Folgen, die dazu führen, dass man der Welt gar nicht mehr traut und sagt: Das sind doch alles Menschen und Gruppen, staatliche Stellen, mit denen will ich nie wieder etwas zu tun haben. Die machen ja nichts für die eigentlich Betroffenen."

Kurt Beck: "Es sind dann die allgemeinen Regeln angewandt worden, dass ein zu Tode gekommener Mensch erst nach den DNA-Analysen erkannt sein muss. Das dauert. Das wäre so nicht notwendig gewesen. Es gab Menschen, die waren nicht entstellt, die konnte man erkennen. Die hatten ihren Personalausweis dabei. Da hätte man nach einigen Stunden den Angehörigen wenigstens einen Kontakt zu dem verstorbenen Menschen ermöglichen müssen."

Auch Sascha Klösters aus Düsseldorf wusste die ersten Tage nach dem Anschlag nicht, ob seine Mutter überlebt hat. Zusammen mit ihr stand an diesem Abend an einem Glühweinstand.

Mutter in den Trümmern gefunden

"Eigentlich hatten wir unser Programm schon hinter uns. Und wollten einfach nur noch mal einen Absacker trinken in dieser Glühweinbude. Es ist nicht viel Platz in diesen Glühweinbuden. Man hat die Möglichkeit links oder rechts in so einem kleinen Flur zu stehen. Und dann sind wir natürlich auch mit anderen Leuten ins Gespräch gekommen. Wir hatten nur den Blick gehabt quer zur Gehrichtung des Weihnachtsmarktes. Und den LKW selber haben wir auch nicht gesehen. Wir haben nur gehört, wie es geknallt hatte. Wie das immer lauter wurde. Und man hat überhaupt keine Zeit darüber nachzudenken, was das ist. Sondern da ist das schon bei uns passiert. Es ging alles sehr schnell – etwa zwei Sekunden bei uns und die ganze Bude wurde zerstört. Wir haben nur noch die Schreie gehört von den Leuten, die weggerannt sind. Wir wussten aber nicht, was es war. Weil wir den LKW ja nicht gesehen hatten.

Ich habe ihn auch noch nicht gesehen, als er durch unseren Glühweinstand gefahren ist. Ich habe den LKW erst gesehen, als er neben mir stand. Und in dem Augenblick wusste ich überhaupt nicht mehr, wo die ganzen Leute gewesen sind. Nur noch so eine Wand mit Schutt, Metall, Grünzeug. Alles ist mir entgegen geflogen. 

Und dann habe ich nichts mehr gesehen. Dann bin ich wohl vorne vom LKW erfasst worden und komplett durch den Glühweinstand gestoßen worden. Und kam auf der Budapester Straße erst wieder raus. Dann habe ich mich umgedreht und wollte nach meiner Mutter suchen. Dann habe ich sie in den Trümmern gefunden. Ich war aber nicht in der Lage sie daraus zu ziehen. Weil irgendwie war das Gehen bei mir schon sehr schwer. Mit den ganzen Brüchen, die ich hatte.

Ein Krankenwagen fährt Sascha Klösters in die nächste Klinik. Seine Mutter bleibt zurück. Für den Psychologen Andreas Maercker, wäre es falsch, sich Vorwürfe zu machen, zu denken: Ich hätte dableiben und ihr helfen müssen. 

Der Wunsch gehandelt zu haben

Dahinter steht ein Wunsch: Wenn ich etwas gemacht hätte, dann hätte ich vielleicht beitragen können, dass mein Angehöriger noch lebt. Und diese riesengroße Trauer: Ich konnte nichts machen und es ist tödlich gewesen für meinen Angehörigen –in dem Falle von Herrn Klösters – seine Mutter. Dieses zu akzeptieren, dass da jemand gestorben ist – das dauert eben auch lange Zeit.

Im Mai 2017, bekommt der Terroranschlag eine neue Wendung. Der Sonderermittler des Berliner Senats, Bruno Jost, findet heraus: Der Attentäter war schon vor dem Anschlag im Visier der Ermittler gewesen. Er handelte im großen Stil mit Drogen. Das hätte ausgereicht ihn zu verhaften. Doch nichts passierte. Damit nichts auffiel, änderten Mitarbeiter des LKA später seine Akte. Aus dem Profi-Drogenhändler machten sie einen kleinen Dealer. Und merkten an: Eine Verhaftung sei nicht nötig. 

"Ich finde, der Staat muss dafür zur Verantwortung gezogen werden. Dafür kämpfe ich und auch wir. Das wird ein langer Weg, das wird ein schwieriger Weg. Aber da bin ich voll überzeugt davon, dass das sein muss."

Ähnlich sehen es auch andere Betroffene von Terroranschlägen, wie der Psychologe Andreas Maercker zu berichten weiß. Sie bewerten rückblickend einen Terroranschlag anders als etwa eine Naturkatastrophe.

Leiden wie bei schweren Naturkatastrophen

"Das Interessante ist, dass die Kernsymptomatik, die Hauptleiden die gleichen sind, wie auch bei schweren Naturkatastrophen, die man auch miterlebt hat, aber dass darüber hinaus es ein paar Unterschiede gibt. Also zum Beispiel das starke Ungerechtigkeits-Erleben, was bei den Überlebenden, die menschlich verursachte Traumata erlebt haben, immer dazu kommt. Die denken: Warum ist das nicht verhindert worden? Warum sind diese Menschen oder der Einzeltäter nicht gestoppt worden? Und auch hinterher nach den Tagen und Wochen, die danach kommen, haben sie oft das Gefühl: die Ungerechtigkeiten setzen sich fort und wir werden falsch behandelt. Aber die psychischen Hauptprobleme sind die gleichen: nämlich diesen unglaublichen, wie wir sagen den Erinnerungsdruck, die inneren Gerüche, die schrecklichen Gerüche und die Töne, die nicht aus dem Gedächtnis gehen."

Im September besuche ich mit Astrid Passin den Breitscheidplatz.

"Wenn ich den jetzt Ort sehe, wie er gerade ist, bin ich auf der einen Seite bewegt, weil ich es toll finde, wie viele Menschen hier her kommen. Und stehen bleiben. Und der Toten gedenken und auch darüber nachdenken. Und es nicht vergessen haben. Und auf der anderen Seite ist es beschämend, wie nach einem halben Jahr als Zwischenlösung dieser Ort hier aussieht."

Außer den Kerzen auf dem Boden am Rand des großen Platzes, deutet nichts auf den Anschlag hin. Die Stadt Berlin plant ein Mahnmal und bezieht die Betroffenen mit ein. Vorgesehen ist eine Gedenktafel mit den Namen der Opfer und ihrer Herkunftsländer. Welche Art des Gedenkens hätte sich wohl Astrid Passins Vater gewünscht? 

"Auf jeden Fall, dass es viele Menschen erreicht. Dass es generationsübergreifend wirkt. Das es etwas mit uns macht. Und dass es einfach einen emotionalen Moment in uns auslöst. Wenn wir da sind." 


Am Jahrestag des Anschlages soll das Mahnmal am Breitscheidplatz offiziell eingeweiht werden. Ein 14 Meter langer goldener Riss am Boden soll die Narbe symbolisieren, die geblieben ist. Zudem sollen an den Stufen der Gedächtniskirche die Namen der Opfer und ihrer Herkunftsländer stehen.

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