Mittwoch, 17. April 2024

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Was in den Medien fehlt
Die "Vergessenen Nachrichten“ des Jahres 2022

Themen aus den Bereichen Gesundheit und Fürsorge spielen in diesem Jahr eine wichtige Rolle auf der Rangliste der "Vergessenen Nachrichten“. Beispiele sind die überproportional hohe Suizidrate in Gefängnissen und unzureichende Psychotherapie-Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung. Besonders hervorgehoben hat die Fachjury allerdings die gefährliche Verdunkelung der küstennahen Meeresgebiete.

09.03.2023
    Ein Dlf-Mikrofon liegt auf einem Tisch
    Die Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion beteiligt sich an der Suche nach den "Vergessenen Nachrichten" (Deutschlandfunk )
    Im Folgenden dokumentieren wir die Rangliste, die die Initiative Nachrichtenaufklärung erarbeitet und am 10.3.2023 gemeinsam mit der Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion veröffentlicht hat.
    1. Die Verdunklung der Meere in Küstennähe
    2. "Ship Abandonment"
    3. Mangelhafte Psychotherapie-Angebote für Menschen mit geistigen Behinderungen
    4. Boliviens Wirtschaftswachstum auf Kosten des Klimas und der Bevölkerung
    5. HHC: Das neue, legale Gras
    6. HIV-Krise in Russland
    7. Sexualisierte Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo
    8. Suizid im Justizvollzug
    9. Eingeschränkte Meinungs- und Kunstfreiheit in Spanien
    10. Der Zusammenhang von Tierquälerei und interpersonaler Gewalt

    1. Die Verdunklung der Meere in Küstennähe

    Die marinen Ökosysteme werden immer fragiler und stehen unter einem enormen Nutzungsdruck. Auch deshalb haben sich die Vereinten Nationen gerade erst nach 15 Jahren schwieriger Verhandlungen auf ein internationales Abkommen zum Schutz der Weltmeere verständigt. Die Fachjury lenkt den Blick auf einen Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion bisher kaum eine Rolle gespielt hat: In den vergangenen Jahren haben sich in mehreren küstennahen Regionen weltweit die Ozeane verdunkelt, was die Nahrungssuche aller Lebewesen erschwert und damit die Nahrungskette bedroht. Die Verdunkelung küstennaher Meeresbereiche (englisch: Coastal Darkening/Coastal Ocean Darkening) stellt eine Reduzierung der Lichtverfügbarkeit in der Wassersäule dar.

    Das noch wenig erforschte Phänomen hat in den verschiedenen Regionen unterschiedliche Treiber. Menschliche Nutzung trägt direkt und indirekt zur Verdunkelung bei, durch Fischfang und Schifffahrt, durch Eintrag von Dünger aus der Landwirtschaft und Einleitung von Abwässern sowie Ausbaggerungen, aber auch durch den Klimawandel, etwa wegen der Rußablagerungen nach Waldbränden. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in der Nähe von Küsten, die zu den produktivsten und biologisch reichsten Gebieten der Erde zählen. All diese Menschen sind von dem komplexen Phänomen betroffen. Trotzdem ist die Verdunkelung der Meere in Küstennähe medial fast völlig vernachlässigt.

    2. "Ship Abandonment" – Die Aufgabe von Schiffen und ihrer Besatzungen

    Mit 113 aufgegebenen Hochsee- oder Küstenmotorschiffen und zusammen 1.555 Seefahrern an Bord markiert das Jahr 2022 den Höhepunkt der Praxis der „abandoned ships“. Schiffseigner und Reedereien erzielen in einem hochprofitablen Markt eine weitere Kostenoptimierung zulasten von Gewässern, Umwelt und ihrer Besatzungen, indem sie das Eigentum an unprofitabel gewordenen Schiffen aufgeben. Mit einem Gesamtanteil von ca. 90-98 Prozent am interkontinentalen und mit ca. 62 Prozent am innereuropäischen Warenverkehr gehört der See- und Überseehandel zu den weltgrößten Handelsinfrastrukturen für Waren, Güter und Rohstoffe. Ein Mangel an Transparenz und verbindlichen internationalen Regularien ermöglicht die Praxis des „ship abandonment“, das auch von der International Maritime Organization beklagt wird.

    3. Mangelhafte Psychotherapie-Angebote für Menschen mit geistigen Behinderungen

    Menschen mit geistigen Behinderungen sind eine der vulnerabelsten Gruppen in unserer Gesellschaft. Sie bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit, da sie ein erhöhtes Risiko haben, eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Oft gibt es für sie allerdings nur wenige Angebote für die psychische Versorgung.

    Die Herausforderungen bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen bei Menschen mit geistigen Behinderungen sind auch aufgrund ihrer kommunikativen Einschränkungen und anderer Faktoren größer als bei anderen Gruppen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben diese Situation noch weiter verschärft, da bestehende Kontakte in dieser Zeit eingeschränkt wurden.

    4. Boliviens Wirtschaftswachstum auf Kosten des Klimas und der Bevölkerung

    Die bolivianische Regierung unter Führung von Präsident Luis Arce gestattet ausländischen Unternehmen schädliche Bohrungen im Nationalpark Madidi. Dieser zählt zu den artenreichsten Nationalparks der Welt. Obwohl es den Menschen, den Tieren und dem Klima schadet, werden die profitablen Bohrungen nicht verhindert, sondern sogar unterstützt. Auch im Süden des Landes wird am Berg Cerro Rico unter nahezu unmöglichen Bedingungen gearbeitet. Hier wird besonders nach Lithium gebohrt, welches für Batterien von "grünen“ E-Autos und E-Scootern benötigt wird.
    Menschen halten Plakate mit Aufschriften wie "Wir können Gold nicht trinken", "Wasser ist das Gold des Lebens", "Stoppt die Vernichtung der Umwelt". Sie protestieren vor der Nationalen Naturschutzbehörde in Boliviens Hauptstadt La Paz.
    La Paz, Bolivien: Proteste gegen Rohstoffbohrungen im Nationalpark Madidi (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Juan Karita)

    5. HHC: Das neue, legale Gras

    Seit einigen Jahren ist das Thema in vielen sozialen Netzwerken insbesondere unter jüngeren Menschen populär: der legale Konsum von HHC. Hexahydrocannabinol (HHC) wird durch eine molekulare Veränderung vom illegalen Cannabis synthetisiert, bewegt sich jedoch durch seine molekulare Abweichung unter dem Radar des Betäubungsmittelgesetzes. Somit ist sein Besitz – trotz einer ähnlichen Wirkung wie bei Cannabis – bislang noch nicht strafbar.

    Medial wird im Hinblick auf die rund 4,5 Millionen Cannabis-Konsumenten und -Konsumentinnen nicht genug über den Stoff selbst, aber vor allem über die möglichen Gefahren des Konsums berichtet. So sollte auf Risiken wie leichtere Abhängigkeit, Panikattacken und auch Psychosen aufmerksam gemacht werden, damit junge Menschen die Wirkung der frei erhältlichen Substanz nicht unterschätzen.

    6. HIV-Krise in Russland

    Während die HIV-Infektionszahlen weltweit zurückgehen oder zumindest stabil bleiben, lässt sich vor allem in Osteuropa ein gegenteiliger Trend erkennen. Auf Platz eins der Neuinfektionsraten mit dem HI-Virus liegt Russland. Selbst nach den offiziellen, der Weltgesundheitsorganisation WHO gemeldeten Zahlen gab es in Russland 2021 mehr neue HIV-Diagnosen (58.340) als in den übrigen 52 Staaten der WHO-Region Europa mit einer insgesamt deutlich größeren Bevölkerung zusammen (48.168).

    Wie bei Corona ist das tatsächliche Ausmaß der HIV-Epidemie in Russland aber dramatischer, als es offizielle Zahlen vermuten lassen. Mehr als zwei Millionen Menschen und damit ca. 1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung sind HIV-positiv (zum Vergleich Deutschland 0,1 Prozent). Rund 40 Prozent der Infektionen erfolgen durch heterosexuelle Kontakte, sodass sich das Virus auch jenseits der Risikogruppen schnell verbreitet.

    Anstatt dieses Problem mit Behandlungs- und Aufklärungsmaßnahmen zu bekämpfen, setzt die russische Regierung auf Tradition und Moral. Sex und Drogenkonsum gelten als unmoralisch und werden tabuisiert. Aus Angst vor Stigmatisierung vermeiden Infizierte Tests und Behandlung. Das Ausmaß dieser sich verschärfenden Krise ist in Deutschland kaum bekannt, obwohl in Deutschland ca. eine Million Menschen leben, die in Russland geboren sind und es weiter signifikante Migration von dort gibt.

    7. Sexualisierte Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo

    Sexualisierte Gewalt wird in allen Kriegen und Konflikten systematisch als Waffe eingesetzt. In der Demokratischen Republik Kongo finden seit 25 Jahren Massenvergewaltigungen an Frauen statt. Diese bis heute andauernden Menschenrechtsverletzungen werden meist von bewaffneten Milizen verübt, die versuchen, die Rohstoffe des Landes zu erbeuten. Bei Opferzahlen in Millionenhöhe scheitern die medizinische Versorgung und die Strafverfolgung massiv.

    8. Suizid im Justizvollzug

    Menschen, die in deutschen Justizvollzugsanstalten inhaftiert sind, haben ein vielfach erhöhtes Suizidrisiko im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Seit 2006 gibt es die Bundesarbeitsgemeinschaft "Suizidprävention im Justizvollzug“, dennoch ist die Suizidrate noch immer hoch und gilt als höchste singuläre Todesursache in deutschen Gefängnissen. Die Gründe sind vielschichtig, die genauen Zahlen schwanken und der Prozentsatz ist bundesweit nicht einheitlich. Fachleute kritisieren, dass es für Inhaftierte häufig schwieriger sei, an therapeutische Angebote heranzukommen. Die Fürsorgepflicht für inhaftierte Menschen trägt der Staat.

    9. Eingeschränkte Meinungs- und Kunstfreiheit in Spanien

    In Spanien wird das Recht auf freie Meinungsäußerung und freien künstlerischen Ausdruck durch die geltende Gesetzgebung eingeschränkt, insbesondere durch Artikel 578 des spanischen Gesetzbuches. Internationale Aufmerksamkeit erlangte das repressive Vorgehen Spaniens durch die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél, dem vorgeworfen wird, "staatliche Institutionen beleidigt“ und "Terrorismus verherrlicht“ zu haben. Neben dem Europäischen Gerichtshof ermahnen auch die Menschenrechtskommissarin des Europäischen Parlaments und Amnesty International die spanische Regierung, die Gesetze zu ändern und die Meinungs- und Kunstfreiheit zu gewährleisten.
    Der Rapper Pablo Hasel im Februar 2018 auf dem Weg zum Gericht in Spaniens Hauptstadt Madrid
    Der Rapper Pablo Hasel im Februar 2018 auf dem Weg zum Gericht in Spaniens Hauptstadt Madrid (AP/DPD/Picture Alliance )

    10. Der Zusammenhang von Tierquälerei und interpersonaler Gewalt

    Drei Viertel der misshandelten Menschen, die Haustiere besitzen, gaben an, dass auch ihr Tier von ihrem Partner bedroht oder vorsätzlich verletzt wurde. Häusliche Gewalt bildet dabei nur eine der vielen Dimensionen des Zusammenhanges von Tierquälerei und interpersoneller Gewalt ab. Letzterer wurde auch in internationalen Studien sowie kriminologischer Praxis mehrfach nachgewiesen, was in Handlungsempfehlungen zur Prävention und Reaktion mündete.

    Obwohl die Themen Tierquälerei und (häusliche) Gewalt zunehmend an Bedeutung innerhalb des medialen und gesellschaftlichen Diskurses gewinnen, bleibt die mediale Darstellung des Zusammenhangs dieser beiden Phänomene unzureichend. Eine stärkere Berichterstattung könnte sowohl rechtliche als auch pädagogisch-psychologische Grundlagen für die Prävention und Nachverfolgung von Gewalttaten an Mensch und Tier leisten.

    Einschätzungen zur Liste der "Vergessenen Nachrichten 2023"

    "Mit dem Fokus auf die Vergessenen Nachrichten möchten wir auf wichtige Themen aufmerksam machen und gleichzeitig hervorheben, wie wichtig ein freier und unabhängiger Journalismus ist. In diesem Jahr zieht sich das Thema 'Schutz' wie ein roter Faden durch die verschiedenen Bereiche der Top-Ten-Liste - Schutz von Umwelt, Menschen und Tieren. Damit wird besonders deutlich, dass eine unabhängige Berichterstattung auch immer eine Schutzfunktion für unsere Gesellschaft bedeutet.", sagt Prof. Dr. Hektor Haarkötter, Vorstandsvorsitzender der INA und Professor für politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

    Deutschlandfunk-Nachrichtenchef Marco Bertolaso weist darauf hin, "dass es mit Corona und dem russischen Krieg gegen die Ukraine nun schon seit drei Jahren Mega-Themen gibt, die vieles andere aus den Nachrichten verdrängen“. Die Suche nach den "Vergessenen Nachrichten“ sei daher wichtiger denn je und müsse tägliche Aufgabe der Redaktionen sein, so Bertolaso.

    Zum Hintergrund

    Die Themen hat auch in diesem Jahr wieder eine Jury aus Medienwissenschaftlern, Journalisten und Experten ausgewählt. Ausgangspunkt sind Vorschläge aus der Bevölkerung. Per E-Mail, Post oder Webformular können bei der Initiative Nachrichtenaufklärung auch jetzt bereits wieder vernachlässigte Nachrichten für das kommende Jahr vorgeschlagen werden. Studentinnen und Studenten an mehreren deutschen Hochschulen überprüfen dann, ob die Themen und Nachrichten zutreffend sind und ob sie tatsächlich von den Medien vernachlässigt wurden. Alle Themen, die diese Kriterien erfüllen, werden der Jury vorgelegt. Diese entscheidet dann, welche der Themen sie für besonders relevant hält.