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StartseiteKalenderblattKonrad Lorenz und die Gänse27.02.2014

VerhaltensforschungKonrad Lorenz und die Gänse

Die Kommunikation der Tiere, vor allem der Graugänse, war sein liebstes Forschungsprojekt. Und sein größter Erfolg: Konrad Lorenz' Bücher erzielten Millionenauflagen. Sein Stern sank, als seine frühere Nähe zu den Nazis bekannt wurde. Vor 25 Jahren ist er gestorben.

Der österreichischen Verhaltensforschers Professor Dr. Konrad Lorenz mit seinen Graugänsen am Ess-See bei Starnberg. (picture-alliance / dpa)
Der österreichischen Verhaltensforschers Professor Dr. Konrad Lorenz mit seinen Graugänsen am Ess-See bei Starnberg. (picture-alliance / dpa)
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Konrad Lorenz, der 1973 für seine Arbeiten über die Erforschung tierischen Verhaltens zusammen mit Karl von Frisch und Nicholaas Tinbergen den Nobelpreis für Medizin bekam, genoss in den 1980er-Jahren große Popularität. Als er am 27. Februar 1989 starb, waren durch ihn die Fachbegriffe seiner Zunft - wie Prägung, Kindchenschema, Übersprungshandlung - einem breiten Publikum vertraut geworden.

Auf sein Lieblingsstudienobjekt, die Graugans, stieß er schon im Alter von fünf Jahren, wie er in seinem Buch "Hier bin ich - wo bist du?" schildert:

"Als kleines Kind wollte ich eine Eule werden, weil Eulen abends nicht ins Bett müssen. Und gerade zu der Zeit hatte ich ein unvergessliches Erlebnis: Mir wurde Selma Lagerlöfs 'Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen' als Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Da erkannte ich, dass es Eulen an einer wesentlichen Fähigkeit mangelt: Sie können nicht schwimmen und tauchen, ich selbst aber hatte beides vor einiger Zeit gelernt. Also beschloss ich, ein Wasservogel zu werden, und als mir später klar wurde, dass ich keiner werden konnte, wollte ich wenigstens einen haben."

Er bekam auch seinen Wasservogel - vorerst ein Entenküken. Das war, frisch geschlüpft, arttypisch geneigt, das erste sich bewegende Objekt seines Lebens als Mutter anzunehmen: Konrad Lorenz. Prägung heißt das Phänomen, das Lorenz als Wissenschaftler eingehend erforschte. Später erkor ihn ein Graugansküken, Martina, zur Mutter, das Tier wurde hochberühmt. Konrad Lorenz entdeckte, dass sich ein Teil der am Federvieh beobachteten Eigenheiten auch beim Menschen finden lässt:

"Das unentbehrliche, grundlegende Element , das die einfachen Traditionen der Tiere mit den höchsten kulturellen Überlieferungen des Menschen gemein haben, ist die Gewohnheit."

Lorenz, geboren 1903 in Wien, war nach dem Studium der Zoologie und Medizin Professor in Königsberg, Münster und München und schließlich Leiter der Forschungsstelle für Verhaltensphysiologie der Max-Planck-Gesellschaft in Seewiesen bei Starnberg. Seine Erkenntnisse über die Gewohnheit gewann er durch eine junge Graugans, die über Monate hinweg ein bestimmtes Ziel stets über einen weiten Umweg ansteuerte:

"Als sie es nun einmal besonders eilig hatte, zeigte es sich, dass sie sehr wohl den kürzesten Weg zu finden wusste, denn sie machte den Versuch, den gewohnten, weit ausholenden Bogen abzuschneiden und auf seiner Sehne dem Ziele zuzueilen. Dies gelang ihr indessen nicht, ... weil sie ... von Angst befallen wurde. Sie blieb mit allen Zeichen des Erschreckens stehen, stieß den Warnlaut aus, dann kehrte sie um und durchlief eiligst, wie jemand, der einer lästigen Pflicht genügt, den gewohnten Umweg."

Hinter dem scheinbar Abstrusen aber konnte Lorenz einen Sinn ausmachen:

"Schwüre binden nicht, und Verträge gelten nicht, wenn die vertragsschließenden Partner nicht eine Grundlage unverbrüchlicher, zu Riten gewordener Gepflogenheiten gemeinsam haben, bei deren Durchbrechung sie von jener magischen Vernichtungsangst befallen werden, die meine Graugans befiel, als sie es unterließ, den gewohnten Umweg zu durchschreiten."

Ein großer Teil von Lorenz' umfangreichen Forschungen findet auch heute noch Anerkennung, aber das lange Zeit dominierende Bild vom weisen, gütigen Naturwissenschaftler und -burschen hat inzwischen schweren Schaden genommen. So ist öffentlich dokumentiert, dass Konrad Lorenz dem Nationalsozialismus in einer Weise nahestand, die sich kaum mehr nur als Opportunismus der Karriere wegen deuten lässt. 1940 sprach er von der "Schädigung für Volk und Rasse" durch "Menschen mit Ausfällen im arteigenen sozialen Verhalten" und forderte, dass dort, wo natürliche Korrektive nicht mehr greifen, "Rassenpflege" tätig werden müsse, die 

"auf eine noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht sein müsste, als sie es heute schon ist."

Zu diesem Zeitpunkt war im Dritten Reich die systematische Ermordung schwer Behinderter bereits angelaufen. Konrad Lorenz musste das wissen. Dennoch wunderte er sich später:

"Dass die Leute 'Mord' meinten, wenn sie 'Ausmerzen' oder wenn sie 'Selektion' sagten, das habe ich damals wirklich nicht geglaubt."

 

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