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Startseite@mediasresLiken und vergleichen – wann ist es digitale Sucht?30.04.2018

VerhaltenspsychologieLiken und vergleichen – wann ist es digitale Sucht?

Soziale Medien sollen Menschen zusammenführen und die Kommunikation erleichtern. Tatsächlich aber können Facebook und Co. ganz schön unsoziale Folgen haben: Einsamkeit, Kontrollverlust und Konflikte mit den Freunden. Die Frage ist, was davor schützt.

Von Lisa Hänel

Ein Jugendlicher schaut auf sein Smartphone  (imago stock&people/ Stefan Arend)
Ständig das Smartphone nutzen - für wen ist es gefährlich? (imago stock&people/ Stefan Arend)
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Soziale Medien sind längst im Alltag angekommen. Morgens als erstes Whatsapp Nachrichten nachschauen, mittags eine Instagram-Story hochladen. Was für Viele Normalität ist, wird für Andere zur Sucht. Woran das liegen könnte, dass einige Menschen soziale Netzwerke exzessiv nutzen und abhängig werden, andere aber nicht, hat Elisa Wegmann untersucht. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen hat herausgefunden, dass es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gibt, die eine Social-Media-Sucht begünstigen können:

"Möglicherweise - ein geringes Selbstwert, hohe Schüchternheit oder einfach das Gefühl, sich online besser austauschen können."

Pathologische Nutzung

Allerdings warnt Benjamin Stodt, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Duisburg Essen, davor, einen unmittelbaren Zusammenhang zu sehen:

"Es gibt nicht immer einen direkten Einfluss, also man kann nicht sagen, dass eine Person, die hoch unsicher ist, automatisch das Internet häufig nutzt und exzessiv nutzt, sondern dass es da bestimmte, wir sagen, mediierende Faktoren gibt."

Einer dieser mediierenden Faktoren sei die Erwartung, die jeder Einzelne an das Internet stellt, wie Wegmann berichtet:

"Wenn zum Beispiel Leute die Erwartung haben, sich durch die Nutzung besser zu fühlen, negative Gefühle zu vermeiden, vor dem Alltag zu flüchten, dass das eine pathologische Nutzung begünstigen kann."

Pathologische Nutzung - so bezeichnen Experten eine Sucht nach sozialen Medien. Und die besteht, wenn der Nutzer einen Leidensdruck empfindet, also beispielweise durch zu häufige Nutzung Konflikte mit Eltern und Freunden oder keine Kontrolle mehr über den eigenen Konsum hat.

Likes verführen

Nur sehr wenige Menschen leiden tatsächlich unter einer klinischen Sucht. Aber die sozialen Netzwerke machen es auch eigentlich gesunden Menschen nicht leicht.

"Es gibt einige Funktionen von Facebook und anderen sozialen Medien, die Menschen dazu führen, sie häufiger zu nutzen. Jedes Mal, wenn jemand ein von meinen Posts liked oder darauf antwortet oder das kommentiert, ist es ja so, dass in meinem Gehirn ein wenig Dopamin ausgeschüttet wird. Dadurch fühl ich mich ein wenig besser, das Belohnungssystem wird aktiviert. So lernt mein Gehirn, wenn das mehrere Male funktioniert, ich muss einfach die sozialen Netzwerke nutzen, um dieses Belohnungsgefühl wieder herzustellen. Dementsprechend bin ich dazu bereit, das wesentlich häufiger zu tun und in manchen Fällen kann das zu Problemen führen."

Sagt Daria Kuss von der englischen Nottingham Trent Universität. Und Facebook sei nicht das einzige soziale Netzwerk, das seine Nutzer bindet, indem es an ihre Persönlichkeiten appelliert.

"Wir haben in unserer Forschung an der Nottingham Trent Universität in England herausgefunden, dass die Instagram Nutzung wesentlich problematischer ist, als die Nutzung von Facebook, Twitter und Snapchat. Das liegt höchst wahrscheinlich daran, dass auf Instagram sehr viele Bilder gepostet werden, dass Menschen die Instagram nutzen, anderen Leuten folgen. Sehr häufig sind das Leute, die ein interessantes Leben haben. Das führt das sehr häufig dazu, dass die normalen Instagram Nutzer sich mit diesen Menschen vergleichen. Dieser Vergleich ist normalerweise ein Vergleich nach unten, weil das normale Leben niemals mit dem Leben von jemandem verglichen werden kann, der ein Schauspieler ist oder ein Musiker."

Probleme der Handy-Nutzung

Soziale Netzwerke fangen geschickt ihre Nutzer ein. Unklar ist aber, ob dies für alle Nutzer gleichermaßen gilt. Also für solche, die aktiv liken und teilen, aber auch für jene, die nur passiv konsumieren. Ina Konig von der Universität Utrecht hat in einer Studie gezeigt, dass Jugendliche, denen eine problematische Nutzung von sozialen Medien bescheinigt wurde, häufiger Nachrichten beantworten und diese liken.

"Overall what we see is that also how many messages they send and how many messages they like, we see that the problematic group is significantly more involved in this behavior than the normative group."

Allerdings, so Konig, sei das auch logisch, denn diese Gruppe von Jugendlichen verbrächte auch mehr Zeit in sozialen Netzwerken.

"If you are considered to use social media in a problematic way then you are also more likely to be online and use social media more actively and more often. It makes sense."

Auch passiv aufs Handy zu schauen, ob es neue Nachrichten gibt, könnte durchaus problematisch werden, sagt König. Dazu gäbe es aber noch zu wenig Forschung.

Persönliche Kompetenz ist wichtig

Allerdings: Auch wer täglich mehrfach seine Whatsapp-Nachrichten überprüft, ist nicht automatisch süchtig. Benjamin Stodt von der Universität Duisburg Essen plädiert dafür, Faktoren der Persönlichkeit bei der Suchtprävention nicht zu vernachlässigen.

"Personen, die sich besser selbst regulieren können, also die sich ganz klare Standards setzen, einen ganz klaren Zeitrahmen setzen, es auch besser schaffen, das Handy dann auch mal beiseitezulegen. Da sagen wir immer oder empfehlen, dass neben dieser rein technischen Expertise, die vermittelt wird, also wie nutze ich das Internet, auf welche Seite muss ich gehen, wie nutze ich den Computer, auch eben reflektive und regulative Kompetenzen vermittelt werden sollten."

Denn nur wer sein Verhalten kennt und dieses regulieren kann, schützt sich auch selbst davor, von sozialen Medien abhängig zu werden.

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