Verhandlungskultur bei der UN-Klimakonferenz Kommunikationsexperte: „Die Mitglieder mit den geringsten Ambitionen geben das Tempo vor“

Noch immer werde bei Großveranstaltungen wie der UN-Klimakonferenz meist in sehr statischen Strukturen verhandelt, sagte der Kommunikationswissenschaftler Antal Wozniak im Dlf. Die erhöhte Medienaufmerksamkeit biete aber zum Beispiel NGOs durchaus die Möglichkeit, politischen Druck zu erzeugen.

Antal Wozniak im Gespräch mit Kathrin Kühn | 01.11.2021

Die Delegationen unterschiedlicher Teilnehmerländer während des UN-Klimagipfels in Glasgow, Ende Oktober 2021.
Die Delegationen unterschiedlicher Teilnehmerländer während des UN-Klimagipfels in Glasgow, Ende Oktober 2021. (picture alliance / Photoshot)
Im Vorfeld des UN-Klimagipfels COP26 in Glasgow hatten Forschende angeregt, die mitunter sperrige Verhandlungsstruktur der Konferenz zu entflechten und so zu besseren Ergebnissen zu gelangen. Ein mögliches Mittel dorthin: der Abbau von allzu hierarchisch organisierten Diskussionsrunden, von festgelegten Sprechzeiten und begrenzten Fragemöglichkeiten.
Glasgow - Nächster Anlauf im Kampf gegen die Klimakatastrophe
Die Beschlüsse im Pariser Klimaabkommen waren in der Rückschau nur Lippenbekenntnisse. Vom UN-Klimagipfel in Glasgow wird deshalb nichts weniger als eine echte Wende in der globalen Klimapolitik erwartet, um das Ziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung zu erreichen.
Der Kommunikationswissenschaftler Antal Wozniak hält eine sehr schnelle Änderung der Verhandlungskultur allerdings nicht für realistisch. Selbst Regierungsdelegationen hätten nur ein paar Minuten Sprechzeit, sagte Wozniak, der an der University of Liverpool zum Bereich politische Kommunikation forscht und lehrt. "Wir sehen also hier eigentlich nach wie vor diesen sehr typischen Konferenzverlauf dieser Plenarversammlungen mit Redezeit. Das ist alles sehr förmlich, sehr statisch. Das wird sich meines Empfindens nach allerdings auch nicht allzu schnell ändern."

Dennoch Einfluss-Chancen von Aktivisten

Zugleich seien Aktivistinnen und sonstige Akteure aber keineswegs chancenlos, was das Platzieren von Standpunkten betrifft. Wozniak: "Sobald debattiert wird, können natürlich Akteure, die nicht mit am Verhandlungstisch sitzen, versuchen, die Agenda, das Framing der ganzen Debatten ein bisschen mitzusteuern. Und das ist in der Vergangenheit mitunter auch schon gelungen." Vor allem die erhöhte Medienaufmerksamkeit verbessere die Chancen. Letzten Endes seien aber dennoch die Regierungsdelegationen entscheidend, "die zusehen müssen, dass sie Einigkeit finden und tatsächlich die Verhandlungen zu einem guten Abschluss führen."
Weltklimafrust - wie die Wissenschaft an der Politik verzweifelt
Treibhausgase aus der Nutzung fossiler Energieträger heizen die Erdatmosphäre auf, und der dadurch angestoßene Klimawandel wird gefährliche Folgen haben. Doch so früh Forschende auch warnten – ihre Kassandra-Rufe verhallten.
Eine generelle Herausforderung der UN-Klimakonferenz liegt laut Wozniak darin, dass die Verhandlungen im Rahmen der Vereinten Nationen stattfinden – "sodass ein Konsensprinzip herrscht, was im Wesentlichen bedeutet, dass eigentlich die Mitglieder der Vereinten Nationen mit den geringsten Ambitionen mehr oder weniger das Tempo vorgeben."
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.