Veronica Cossanteli: "Im kleinen wilden Schnergenland"Von Nudelingen und Schnodderwürmern

Im Schnergenland wohnen Schnerge, natürlich, und magnoelefantasmagorische Wesen. Die Menschen heißen Nudelinge und die Feinde Kelpse. Die britische Schriftstellerin Veronica Cossanteli hat einen Kinderbuchklassiker von E. A. Wyke-Smith aus den 1920er-Jahren neu erzählt.

Von Siggi Seuß | 27.11.2021

Veronica Cossanteli: "Im kleinen wilden Schnergenland"
Veronica Cossanteli: "Im kleinen wilden Schnergenland" (© privat)
Der Verlag wirbt mit der Information, der Kinderbuchklassiker "The Marvellous Land of Snergs" von E. A. Wyke-Smith aus dem Jahr 1927 sei – nach Tolkiens eigenem Bekunden – das Vorbild für den "Kleinen Hobbit".
"In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit..."
Doch der Vergleich führt leicht in die Irre. Tolkiens Roman ist die Geburtsstunde eines einzigartig komplexen Paralleluniversums. Die Schnergengeschichte dagegen ist unterhaltsame Fantasy für Kinder mit einer gehörigen Portion Witz, Schauder und tugendhafter Belehrung.

Irische Zauberwälder

Die Abenteuer zweier Menschenkinder und ihres Schnergenfreundes hat nun die britische Autorin Veronica Cossanteli neu erzählt. Und der irische Illustrator Paddy Donnelly nimmt die jungen Leserinnen und Leser mit seinen humorvoll naiven, bunten und malerisch wirkenden Bildern an der Hand. Er führt sie sicher durch das Schnergenland, als sei er ein profunder Kenner irischer Zauberwälder. Die Schnerge, die das Land bevölkern, sind höchstenfalls halb so groß wie erwachsene Menschen.
"Einen Schnerg erkennt man sofort, wenn man ihm begegnet. Nicht größer als unbedingt nötig und fast immer fröhlich. Außer wenn wir Hunger haben."

Vegetarischer Riese

Aber es gibt im Schnergenland auch einen Riesen, der am liebsten Kleinkinder fressen wollte, wenn er von Veronica Cossanteli nicht zum Vegetarier umerzogen worden wäre. Und es gibt eine Hexe – die Mutter des Riesen -, die die Schnerge gar nicht mag:
"Schnerge! Wie ich die hasse! Hopsen herum wie kleine Sonnenstrahlen und sind dabei auch noch ständig so dämlich hilfsbereit und freundlich. Müssen die eigentlich dermaßen fröhlich sein? Das macht mich ganz krank."

Munter, witzig, hintergründig

Veronica Cossanteli hat sich auf muntere, witzige und hintergründige Weise vom Original inspirieren lassen. Die Erzählung ist dramaturgisch rund und sprudelt vor pfiffigen Einfällen. Der moralische Unterton bleibt dezent in die Geschichte eingebettet. Und Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn ist bei jedem der vielen wunderbar schrägen Sprachspiele anzumerken, welchen Spaß es ihm bereitet, sich mit den Geschöpfen in den Wilden Wäldern zu verständigen:
"Wir singen, bis wir trunken ratzen, / wir tanzen, bis die Blasen platzen. / Ein wahrer Schnerg geht brav und nett / nach einem Kopfstand erst ins Bett."

Schnodderwürmer und Heulschnecken

Aber was wäre schon ein Schnergenland ohne magnoelefantasmagorische Wesen! Es gibt Schnodderwürmer, Säbelzahn-Tausendfüßer, Vampirfalter und Heulschnecken. Es gibt Squiesel, die sich in Hausschuhen verstecken, und Wobser, die an Zweigen hängen und Vorübergehende an den Haaren zu sich hochziehen. Und es gibt friedfertige Zimtbären, die gerne Kinder auf ihrem Rücken tragen.
Zwischen dem Land der kleinen Schnerge und dem der verfeindeten Kelpse wuchern zudem äußerst hinterlistige Wälder. Und irgendwo am Rande gibt es den letzten Zipfel einer Ansiedlung von Nudelingen – so heißen die Menschen. Vor allem bevölkern Halbnudeln, also Kinder, ein Waisenhaus an der Sunny Bay. Geführt wird das Heim für "überflüssige und aus Zufall elternlose Kinder" von einer strengen Dame namens Miss Watkyns, hinter deren rauer Schale sich eine herzensgute Seele verbirgt (Mary Poppins lässt grüßen!). Oberstes Prinzip ihres Regiments: die Einhaltung von Regeln.

"Kinder brauchen Regeln. Und Regeln sind dazu da, befolgt zu werden."

Ein schurkig schlingelschurriger Schauerschelm

Offensichtlich umgibt Miss Watkyns eine derart magische Aura, dass sogar ihr Goldfisch im Glas unablässig die gleichen Kreise im Uhrzeigersinn dreht. Letztlich aber führt der Umstand, dass Schnerge für Haushaltsdienste im Heim herangezogen werden, zu dem Dilemma, das die Geschichte in Bewegung bringt. Eben steht einer von ihnen, Gorbo, mit gesenktem Haupt vor Miss Watkyns.
",Und werde ich je erwachsen und mich wie ein vernünftiger Kerl benehmen?' Er fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn und sank auf die Knie. "Oh, du schurkig schlingelschurriger Schauerschelm von einem Gorbo!"
Neben ihm stehen, gleichermaßen zerknirscht, Flora und Pip, die neuesten Zöglinge im Heim, die sich, zusammen mit ihrem Schnergenfreund, einfach nicht an das strenge Reglement gewöhnen wollen und nun von der Leiterin ermahnt werden. Der Junge stammt aus einer Zirkusakrobatenfamilie und wurde vom Vater misshandelt. Und Flora wurde von ihrer wohlhabenden Mutter ins Abseits geschoben und hat sich entschlossen, nicht mehr zu sprechen.

Abenteuerreise durch fantastische Welten

Die Hexe Malicia, die etwas Geheimnisvolles mit Miss Watkyns verbindet, versucht Flora zu entführen. Damit beginnt für die beiden Kinder, für Gorbo und ein zugelaufenes Hündchen eine Abenteuerreise durch fantastische Welten, bei der man sich als teilnehmender Beobachter – ganz anders als bei Tolkien – trotz Dramatik stets auf der sicheren Seite fühlt. Auf der sicheren Seite und gleichzeitig auf der Seite der Kinder und ihrer unermesslichen Fantasie, bevor diese von den pragmatischen Kräften des Lebens zurechtgestutzt wird.

Mit Wortwitz und Hintersinn

Veronica Cossanteli und ihr Übersetzer erzählen die Geschichte unterhaltsam und mit viel Wortwitz in der Sprache der Kinder unserer Zeit. Und der Hintersinn kommt auch nicht zu kurz.
"Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden als Sie und ich bereit wären zuzugeben."
...beruhigt Miss Watkyns eine besorgte Lehrerin.
"Mögliche und unmögliche, echte und eingebildete Dinge. Wir denken gern, dass es eine Linie gibt, die das eine vom andern trennt – aber diese Linie lässt sich leicht wegradieren. Kinder wissen das von Natur aus. Vielleicht sollten wir aufhören, ihnen beizubringen, dass sie sich irren."
Veronica Cossanteli: "Im kleinen wilden Schnergenland"
Neu erzählt nach einem Roman von E. A. Wyke-Smith
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Mit Bildern von Paddy Donnelly
Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart. 238 Seiten, 15 Euro, ab 6 Jahren.