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StartseiteForschung aktuellViele Informationen aus einem Fingerglied31.08.2012

Viele Informationen aus einem Fingerglied

Paläogenetiker stellen Genomsequenz von Denisova-Menschen in hoher Qualität vor

Paläoanthropologie. - Viel ist von den Denisova-Menschen, die vor ungefähr 50.000 Jahren in Sibirien lebten, nicht übrig geblieben: ein Zahn, ein Fingerglied und ein Zehenknochen. Aus dem Fingerglied konnten Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig Erbgut isolieren und haben jetzt zusammen mit Kollegen aus den USA und Russland eine Genomsequenz vorgestellt, die ähnlich gut ist, wie die heutiger Menschen. Einer der Forscher, Matthias Meyer, berichtet im Gespräch mit Arndt Reuning über das in "Science" veröffentlichte Genom.

Matthias Meyer im Gespräch mit Arndt Reuning

Matthias Meyer, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, bei der Arbeit mit Paläogenetischen Proben. (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie)
Matthias Meyer, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, bei der Arbeit mit Paläogenetischen Proben. (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie)

Reuning: Herr Meyer, wie sind Sie denn überhaupt an dieses Erbgut herangekommen?

Meyer: Also, wir haben in den letzten Jahren eine neue Methodik entwickelt, mit der sich Fossilien und übrig gebliebene DNA Stücke noch sehr viel besser auslesen lassen als zuvor. Und mit dieser Methode haben wir es dann geschafft, das Genom eines Denisova-Menschen mit einer ähnlich guten Qualität zu entziffern, wie das sonst eigentlich nur für die Genome moderner Menschen bislang möglich war.

Reuning: Das heißt, das ist sogar mit höherer Genauigkeit entziffert worden als das Erbgut des Neandertalers?

Meyer: Ja, das ist richtig. Wir hatten bereits vor zwei Jahren einen ersten Blick auf das Erbgut von Denisova-Menschen und des Neandertalers, und wenn wir damals beispielsweise 1000 Mutationen gesehen haben, zwischen modernem Mensch und Denisova-Mensch, dann waren von diesen 1000 Mutationen vielleicht weniger als 100 echt. Mit der Qualität, die wir jetzt erreicht haben, sind von den 1000 Mutationen 1000 echt, also alle. Und wir machen vielleicht noch an jeder 100.000. Stelle im Genom einen Fehler.

Reuning: Welche Erkenntnisse können Sie daraus gewinnen? Lässt sich zum Beispiel etwas über das Aussehen dieser Menschen sagen?

Meyer: Die Möglichkeiten, über die Frequenzen der DNA Aussagen über das Aussehen von Mensch zu treffen, sind leider sehr begrenzt. Es gibt einige wenige Charakteristika, die man sich anschauen kann, und dazu gehört zum Beispiel die Hautfarbe, die Augenfarbe, und da sehen wir, wenig überraschend wahrscheinlich, dass Denisova-Menschen dunklen Hauttyp hatten, dass sie dunkle Haare hatten und wahrscheinlich braune Augen.

Reuning: Kann man sie denn nach dieser Analyse irgendwo auf dem menschlichen Stammbaum verorten?

Meyer: Der Vergleich der DNA-Sequenzen von Neandertalern, Denisovanern und modernen Menschen zeichnet ein sehr genaues Bild von der Evolution dieser Menschenform. Zuerst hat sich der moderne Mensch abgespalten von der Linie der Denisovaner und Neandertaler, und diese Linie hat sich dann relativ schnell wieder geteilt, so dass diese jetzt ausgestorbene Menschenformen daraus hervorgegangen sind.

Reuning: Aber man findet heutzutage Reste des Erbgutes dieser Menschenarten in heute lebenden Menschen, stimmt das?

Meyer: Ja, da sehen wir sehr interessante Muster. Der Neandertaler hat zum Erbgut aller heutigen Menschen beigetragen, die außerhalb Afrikas leben. Der Denisova-Mensch hingegen hat wirklich zum Erbgut von Menschen auf südostasiatischen Inseln, also Melanesien beigetragen. Und auch in Australien, bei den Aborigines zum Beispiel.

Reuning: Das heißt, man kann auch etwas über die Wanderungsbewegungen aussagen?

Meyer: Ja. Wir gehen davon aus, dass einfach der moderne Mensch aus Afrika ausgewandert ist, um Europa, Asien und dann später den Rest der Welt zu besiedeln; dass er relativ früh Kontakte hatte mit Neandertaler, und ein Teil des Neandertaler-Erbguts in sich aufgenommen hat. In einem späteren Kontakt mit Denisova-Menschen, der wahrscheinlich in Südostasien stattgefunden hat, gab es dann einen weiteren genetischen Eintrag, so dass wir jetzt in Menschen, die auf südostasiatischen Inseln leben einen Beitrag des Denisova-Menschen und einen Neandertaler-Eintrag finden.

Reuning: Diskutiert wurde auch die Frage, handelt es sich bei den Denisova-Menschen um eine eigene Art, um eine eigene Spezies. Lässt sich das jetzt besser beurteilt?

Meyer: Die genetischen Unterschiede, die wir finden zwischen Neandertaler und Denisova-Menschen, sind so groß, dass wir daraus schlussfolgern, dass die Denisova-Menschen eine eigene Form von Menschen gewesen sein müssen und eine andere Form als die Neandertaler.

Reuning: Sie hatten ja auch eine ganz neue Methode der Sequenzierung entwickelt, wie man mit dieser alten DNA umgeht. Könnte es sein, dass sich bekannte Funde damit noch immer neu untersuchen lassen und das sah ganz neue Erkenntnisse warten?

Meyer: Wir sind im Moment dabei mit dieser neuen Methodik noch einmal verschiedener Neandertaler-Knochen zu bearbeiten, in der Hoffnung, dass wir mehr über die genetische Vielfalt des Neandertalers lernen. Außerdem analysieren wir ständig neue Proben, die uns von Archäologen zur Verfügung gestellt werden. In der Hoffnung, dass sich daraus vielleicht neue spektakuläre Funde, wie der des Denisova-Menschen ergeben. In der Zukunft werden wir auch versuchen, deutlich ältere Proben zu studieren, die bislang mit der bestehende Technik keine Erfolge gezeigt haben. Ob das aber zu neuen Erkenntnissen führen wird, ist momentan noch unklar.

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