Montag, 16. Mai 2022

Bildung trotz Corona
Volkshochschulen in Zeiten der Pandemie

Vor mehr als 100 Jahren wurden die Volkshochschulen gegründet. Das erklärte Ziel: breiten Schichten, die bislang von Bildung ausgeschlossen waren, Angebote zur Weiterbildung zu machen. Dieser Grundsatz gilt bis heute. Doch wie schaffen die Volkshochschulen das in der Pandemie?

Von Britta Mersch | 22.03.2022

Eine Passantin geht vor dem Gebäude der Volkshochschule Dresden (VHS) entlang
Die Volkshochschule in Dresden (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert)
Ein Französischkurs an der Volkshochschule in Bonn. Acht Teilnehmerinnen sind eigentlich angemeldet, sechs von ihnen sind an diesem Vormittag gekommen. So wie Ingrid Holzscheiter. Sie ist 72 Jahre alt und hat vor ihrer Pensionierung in Bad Kreuznach als Lehrerin für Physik, Mathe und Evangelische Religion gearbeitet. In dieser Zeit hat sie sich für den Schüleraustausch mit Frankreich engagiert, ihn organisiert, pflegt bis heute noch Freundschaften dorthin.
Den Kurs besucht sie inzwischen seit fast zehn Jahren. An dem Angebot stimmt einfach alles, sagt sie: „Einmal passt die Zeit ganz gut, also vormittags der Kurs. Zweitens ist es auch eine Frage der Finanzen. Und dann habe ich die Leute hier getroffen, und ich fand auch, dass wir sehr gut zusammenpassen, und es macht Spaß, mit denen hier Französisch zu lernen.“
Anzahl der Volkshochschulen (VHS) in Deutschland nach Bundesländern im Jahr 2020
Anzahl der Volkshochschulen (VHS) in Deutschland nach Bundesländern im Jahr 2020 (Statista)
Das Niveau des Kurses ist anspruchsvoll. Die Teilnehmerinnen erzählen aus ihrem Alltag. Sie lesen gemeinsam einen Roman und erfahren etwas über das politische Frankreich kurz vor der Präsidentschaftswahl in diesem Jahr. Wegen Corona fand auch dieser Kurs eine Zeit lang online statt. „Wir hatten zwei Kurse über das Internet. Hat aber ganz gut funktioniert, muss ich sagen, und war aber doch froh, als man sich hier wieder in Präsenz treffen kann und danach vielleicht noch einen Kaffee trinken.“

Bildung für alle

Andere Teilnehmerinnen sind in dieser Zeit ausgestiegen. So wie die 82-jährige Almuth Baumann. „Ich habe das digitale Semester leider nicht mitgemacht, weil ich das nicht geschafft habe. Aber das half nun nichts. Dann habe ich eben ausgesetzt und bin dann hier wieder eingestiegen.“ Auch ihr liegt der Französischkurs sehr am Herzen. „Ich möchte betonen, dass es eben sehr gut ist für mein Gehirntraining, dass ich einfach lebendig bleibe und mich mit der Sprache weiter befasse. Ich habe auch das Gefühl, ich lerne nichts mehr dazu. Aber ich frische dauernd meine alten Kenntnisse auf. Und das tut mir sehr gut.“

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Das Angebot soll möglichst viele Menschen erreichen, sagt Ingrid Schöll. Sie leitet die VHS in Bonn: „Wer in einen Volkshochschulkurs geht, der hat kein abgeschottetes Milieu, der kann neben jemand anderem sitzen, der aus einem ganz anderen Milieu kommt. Also diese Diversität, die Volkshochschule ausstrahlt, auch bei den Kursleitenden, das haben wir mal nachgezählt. Wir haben Kursleitende aus 40 bis 50 Nationen. Für mich ist Volkshochschule deshalb faszinierend, weil sie sozusagen zeigt, dass sich in einer sich ändernden Gesellschaft es einen Ort gibt, und das ist die VHS, wo sich alle Menschen treffen.“
Das Programm werde laufend überarbeitet. Ingrid Schöll bemerkt ein steigendes Interesse an Formaten, bei denen Menschen mitgestalten können. In den vergangenen Jahren sei die Stadtentwicklung neuer Themenschwerpunkt geworden, auch Fragen der Nachhaltigkeit würden dabei diskutiert: „Und da merke ich, dass die Bürger Volkshochschule als Plattform nutzen, um sich Gehör zu verschaffen. Um auch zu sagen: Wir wollen dabei sein. Wenn ich an die Debatten denke, die wir hier über Mobilität und Mobilitätsfragen hatten. Das war noch vor der Pandemie. Der Saal war voll, und wir haben uns darüber wirklich produktiv gestritten, wie wir die Mobilität in Bonn besser machen können.“

40 Prozent weniger Teilnehmer wegen Corona

Die Corona-Pandemie allerdings ist auch an den Volkshochschulen nicht spurlos vorübergegangen. Im Jahr 2020 ist die Teilnehmerzahl bundesweit zurückgegangen, um 40 Prozent - auf rund 4,7 Millionen Menschen. Jede Volkshochschule habe einen Weg finden müssen, um mit der Situation umzugehen, sagt Ingrid Schöll. Dazu gehörte auch das abrupte „Aus“ für den Präsenzunterricht: „In Nordrhein-Westfalen waren wir mit dem Vollprogramm mit einigen ganz wenigen Ausnahmen, dazu gehörten die Integrationskurse, vom 1. November 2020 bis Ende Mai 2021 geschlossen. Da drin lag ein Semesteranfang. Das werde ich nie vergessen, der war bei uns Mitte Februar, und wir haben alle staunend im Januar gemerkt: Wir müssen den komplett digital hinkriegen. Und von unseren normalerweise 1200 Kursen haben wir 800 digital an den Start gebracht.“

Innerhalb kürzester Zeit mussten die Dozentinnen und Dozenten für die Onlinelehre fit gemacht werden. „Wir hatten Hunderte von Teilnahmen in unseren Schulungsmaßnahmen und die Bereitschaft, mit andauernder Pandemie auch derer, die anfangs gezögert haben, digital zu arbeiten, wuchs, weil wir auch gemerkt haben, vor allen Dingen im kompletten Lockdown, es ging um Teilhabe. Die Menschen wollten einfach in irgendeiner Form miteinander vernetzt sein und deshalb hatten wir viele Kurse.“
Computer und Monitore stehen in einem verwaisten EDV-Lehrsaal der Volkshochschule (VHS) Frankfurt während des Lockdowns im Frühjahr 2021
Computer und Monitore stehen in einem verwaisten EDV-Lehrsaal der Volkshochschule (VHS) Frankfurt während des Lockdowns im Frühjahr 2021 (picture alliance/dpa | Arne Dedert)
Insgesamt sei es gelungen, die Angebots-Palette zu halten. Auch heute noch können die Präsenzkurse nicht voll besetzt werden, sondern dürfen nur mit einer verringerten Teilnehmerzahl unter Einhaltung von Abstandsregeln stattfinden. Einige Kurse gibt es auch weiterhin online. Ingrid Schöll: „Und deshalb sind wir relativ gut durchgekommen und müssen jetzt künftig wahrscheinlich auch mit einer Mischung aus digitalen und vorwiegend Präsenzangeboten, aber auch noch vielen Digitalangeboten werden wir weitermachen und die Kursgrößen wieder stabilisieren.“
Herausforderungen, denen sich alle Volkshochschulen in Deutschland stellen mussten. Nicht alle sind so gut durch die Pandemie gekommen wie die VHS in Bonn. Denn unter den Volkshochschulen gibt es verschiedene Finanzierungsmodelle. Julia von Westerholt ist Direktorin des Deutschen Volkshochschulverbands: „Ja, es ist tatsächlich so, dass es ganz unterschiedliche Modelle, also die Aufteilung, immer ein bisschen unterschiedlich ist. Die Quellen sind eigentlich immer die gleichen. Also letztlich natürlich die kommunale Finanzierung, dann die Länderfinanzierung und andere Quellen, die Teilnehmenden-Beiträge. Aber es gibt zum Beispiel auch EU-Mittel, die von Volkshochschulen in Anspruch genommen werden, also Drittmittel anderer Art.“

Fortbestand einiger Einrichtungen war ungewiss

Wie sich die Bausteine zusammensetzen, hängt vom jeweiligen Standort ab. Es gebe aber auch Volkshochschulen, die stark von Teilnehmenden-Beiträgen abhängen, „und natürlich gerade in der Pandemie enorme Einbußen erlitten haben, weil eben die Kurse in dem Umfang und auch in der Teilnehmerstruktur nicht stattfinden konnten, sondern mit viel geringeren Teilnehmerzahlen auskommen mussten. Und dann bricht dann da was weg.“
Alleine in Bayern habe es mehrere Dutzend Volkshochschulen gegeben, deren Existenz aufgrund der Pandemie eine Zeit lang ungewiss gewesen sei – ein Rettungspaket des Freistaates konnte helfen. Doch auch eine kommunale Trägerschaft schütze nicht automatisch vor einer prekären Finanzlage: „Es kommt ganz auf die Haushaltslage der Kommune an. Also wenn die Kommune jetzt in der Pandemie auch erheblich gelitten hat oder möglicherweise jetzt auch nicht mehr so viel Geld hat und vielleicht auch den Gürtel enger schnallen muss, dann ist das natürlich in der Zukunft auch nicht gerade rosig.“
Deswegen sei der Volkshochschulverband auch froh darüber, dass sich die neue Bundesregierung zu einer Bildungsoffensive bekannt und die Erwachsenenbildung erstmals in den Koalitionsvertrag aufgenommen habe. Auf Seite 97 des Vertrages zwischen SPD, Grünen und FDP heißt es: „Mit einem Förderprogramm für Volkshochschulen und andere gemeinnützige Bildungseinrichtungen investieren wir in digitale Infrastruktur. Die Umsatzsteuerbefreiung für gemeinwohlorientierte Bildungsdienstleistungen wollen wir europarechtskonform beibehalten. Wir werden Angebote zur Alphabetisierung ausbauen.“
Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat angekündigt, mehr Anreize für die berufliche Weiterbildung setzen zu wollen. Er will ein Weiterbildungsprogramm nach dem Vorbild Österreichs starten. Das erklärte der Minister im Januar in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Deutschland muss eine Weiterbildungsrepublik werden, weil sich bei uns Wirtschaft und Arbeitsmarkt verändern. Und da hat Österreich einen guten Weg gefunden, dass sich Menschen weiterbilden können, dass man auch dafür Arbeitszeiten unterbrechen kann. Bis zu ein Jahr, um in einer Bildungszeit sich weiterzubilden oder über zwei Jahre gestreckt als Bildungsteilzeit.“ Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) wiederum plant, die persönliche Weiterbildung zu fördern. In Form eines Bildungskontos. Beides – der Ausbau der beruflichen wie persönlichen Weiterbildung - könnte die Rolle der Volkshochschulen daher nochmals stärken.
Wissenschafts- und Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) spricht zu den Medien bei einer Pressekonferenz zum Wissenschaftsjahr 2022.
Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) (picture alliance/dpa/POOL AP)
Ingrid Schöll von der VHS in Bonn will jedoch nicht zwischen beiden Vorhaben unterscheiden: „Für viele Menschen ist zum Beispiel eine kulturelle Praxis wichtig, um in der Work-Life-Balance einen Ausgleich zu finden. Das heißt, wenn ich einen Kunstkurs besuche, einen kunstpraktischen Kurs besuche und völlig gestresst bin, dann komme ich vielleicht mit neuen und kreativen Ideen am Montag wieder ins Büro. Das zweite ist: Wenn ich einen Business Englisch-Kurs besuche, dann kann es sein, weil ich irgendwie gerne in ein englischsprachiges Land fahre, aber es kann auch sein, dass ich den beruflich benötige.“
Aus politischer Sicht gibt es diese Unterscheidung – und das liegt am föderalen System einerseits, an der Zuständigkeit der verschiedenen Ministerien auf Bundesebene andererseits. Regina Egetenmeyer ist Professorin für Erwachsenenbildung und Weiterbildung an der Universität Würzburg: „Bildungspolitisch ist es eben so angelegt, dass in der föderalen Struktur es so ausgestaltet ist, dass die Bundesländer für die allgemeine Weiterbildung oder die Erwachsenenbildung zuständig sind und gleichzeitig sich aber die Bundesregierung sich eben ganz stark einbringt, vor allem in den Arbeits-Integrationsmaßnahmen.“

Aus Sicht von Regina Egetenmeyer gelingt es den Volkshochschulen gut, auf neue Herausforderungen zu reagieren und ein entsprechendes Kursangebot bereitzustellen – zum Beispiel im Jahr 2015, als viele neue Kurse für geflüchtete Menschen entwickelt wurden:

„Wenn man die Bildungsbereiche so anschaut, gibt es sicher keinen dynamischeren Bereich als die Weiterbildung, und da zählen die Volkshochschulen explizit mit dazu. Weil sie nämlich immer ganz passgenau inhaltlich und didaktisch und in der Art der Angebote genau das anbieten müssen, was dem Bildungsbedarf entspricht, weil sonst die Menschen schlichtweg nicht kommen.“

Die Volkhochschulen sind auch in der internationalen Bildungsarbeit aktiv. Der Deutsche Volkshochschulverband, so Regina Egetenmeyer, habe mit dem DVV International einen Ableger, der weltweit Strukturen der Erwachsenenbildung aufbauen soll.

„Ich war beispielsweise schon in Georgien und auch in der Westbank bei Einrichtungen. Das ist wirklich sehr beeindruckend, wenn man beobachtet, welche Strukturen da aufgebaut werden, damit sich Menschen zusammenfinden und Möglichkeiten haben zu Weiterbildung. Das wird weltweit sehr geschätzt und damit verbunden ist natürlich auch, dem Wunsch von Menschen zur Demokratie-Entwicklung nachzukommen.“

Das Länderbüro in Georgien wurde im Jahr 2002 eröffnet. Insgesamt 13 Volkshochschulen sind seither vor Ort entstanden. Die Angebote richten sich auch an Binnenflüchtlinge, aus den durch Russland abgespalteten Regionen Südossetien und Abchasien. Sie können sich in Handwerksberufen weiterbilden oder IT-Grundlagen erlernen. Regina Egetenmeyer:

„Es wurde ein Ort geschaffen, wo Menschen sich weiterbilden können, sich weiterentwickeln können und eine eigene Existenz wiederaufbauen können. Und das Spannende ist wirklich: Das wird von den Menschen vor Ort geleitet. Die finanzieren sich mittlerweile selbstständig. Und das zeigt eben, wie auch Erwachsenenbildung zu Demokratieentwicklung, aber auch zu Gesellschaftsentwicklung insgesamt beitragen kann.“

Kritik an Beschäftigungsverhältnissen

Trotz dieser Erfolgsgeschichten gibt es auch Kritik an den Volkshochschulen. Und das betrifft die Art der Beschäftigungsverhältnisse, die die Dozentinnen und Dozenten eingehen müssen. Dieter Hartmann gibt Deutschkurse an der VHS in Berlin-Mitte, außerdem setzt er sich ehrenamtlich für bessere Arbeitsbedingungen an den Berliner Volkshochschulen ein. In Berlin gebe es rund 4000 Kursleitende, sagt er, von denen seien nur rund 900 arbeitnehmerähnlich beschäftigt. Viele litten unter prekären Beschäftigungsbedingungen, rechneten daher mit einer Rente unterhalb der Grundsicherung: „Das heißt, wir sprechen bei KollegInnen, die jetzt in die Rente gehen, von einer Rentenerwartung zwischen 400 und 700 Euro aufgrund der katastrophalen Honorare, die sie in den vergangenen Jahrzehnten nur bekommen haben.“ 
Außerdem müssten Dozierende immer mit der Unsicherheit leben, ob sie nach Beendigung eines Kurses weiter beschäftigt werden. „Die Honorarverträge laufen sehr kurzfristig und es gibt keinen Schutz, keine Garantie, dass ich nicht diesen Honorarvertrag im nächsten Monat nicht mehr bekomme und damit ohne Einkommen dastehe. Das führt dazu, dass es KollegInnen gibt, die notwendige Operationen, Krankenhausaufenthalte verschieben, weil sie Angst haben, dann aus dem Kursvergabe-Rhythmus raus zu fallen und danach keinen Einstieg wieder zu finden.“
Keine gute Ausgangslage also für eine anspruchsvolle Tätigkeit. Einige Verbesserungen immerhin konnten im vergangenen Jahr mit den Berliner Volkshochschulen ausgehandelt werden, auch mit Unterstützung der Gewerkschaften: „Die Volkshochschulen sind jetzt verpflichtet, sich zu bemühen, nach der Unterbrechung wieder im gleichen Volumen Kurse anzubieten. Das ist alles keine Garantie, das ist alles weit unterhalb dessen, was selbstverständlich ist, wenn jemand krank ist oder seine Eltern pflegt oder eben in Elternzeit geht und danach wieder anfängt. Das ist alles nicht auf der Ebene der Garantien, aber doch auf der Ebene, dass es gewisse Verpflichtungen gibt, das doch zu versuchen.“
Auch in anderen Bundesländern gebe es Bestrebungen, etwas an der prekären Beschäftigungslage der Dozenten zu verändern. In Berlin sei es das Ziel, einen Tarifvertrag zu bekommen, der zu mehr sozialer Absicherung führt. „Wir haben noch einen weiten Weg zu gehen, denn dieser Tarifvertrag ist etwas, der den DozentInnen erheblich helfen würde, den wir aber jetzt noch nicht durchsetzen konnten. Und ich glaube, da werden wir noch viel Arbeit leisten müssen, Überzeugungsarbeit auch, bis wir das dann möglicherweise für Berlin erreichen.“
Ein Tarifvertrag, der dann auch Beispielcharakter für andere Bundesländer haben könnte. Eine Diskussion, die Ingrid Schöll von der Volkshochschule in Bonn kennt und verfolgt. Doch höhere Honorare für Dozierende könnten unter Umständen auch bedeuten, dass die Kurse teurer würden und daraufhin weniger Menschen an den Kursen teilnehmen können, sagt sie. „Ich habe das neulich auch hier im politischen Raum angedeutet und gesagt: Wir kommen an einen Punkt, wo wir die Teilhabelücke massiv schließen müssen. Das heißt, die Volkshochschulen können nicht, wie sie das über Jahrzehnte gemacht haben, ständig ihren Eigenfinanzierungsanteil erhöhen - und das tun müssen, weil sie die Honorare erhöhen.“

Herausforderungen für die Zukunft der VHS

Sie würde sich deshalb wünschen, dass die Politik die Hochschulen weiter stärkt und sie finanziell besser ausstattet, damit die Teilnahmegebühren akzeptabel bleiben, selbst wenn die Honorare steigen: „Was spricht dann dagegen, in den nächsten Jahren zu sagen: Gut, dann werden wir einfach mal unsere Dozentinnen und Dozenten gerade in Zeiten des demografischen Wandels besserstellen und werden ein Stückchen kommunal draufpacken. Wir sind eine Breiteneinrichtung, eine Einrichtung, die teilhabeorientiert ist. Und ich kann es nur noch mal wiederholen: Wir wollen es bleiben. Und dazu müssen wir einfach schauen, dass wir aus dieser Honorar- und Entgeltspirale rauskommen.“

Ingrid Schöll könnte sich auch vorstellen, mehr Dozentinnen und Dozenten zu beschäftigen, die nicht allein auf eine VHS-Tätigkeit angewiesen sind. Steuerliche Anreize könnten helfen. „Das heißt, ich könnte an der Volkshochschule, so ist es im Moment, 3.000 Euro im Jahr dazuverdienen und die sind steuerfrei. Und ich wünsche mir, dass dieses Angebot noch ausgeweitet wird, dass wir gerade im demografischen Wandel diesen Steuerbonus, diese - man nennt sie Übungsleiterpauschale-, dass man die massiv ausweitet, um den Anreiz für Menschen, die nebenberuflich für uns tätig werden wollen, steuerlich noch zu begleiten.“
Diskussionen, die die Volkshochschulen in den nächsten Jahren weiterführen werden. Ebenso wie die strategische Überlegung, wie sie sich aufstellen wollen in einem Markt, der zunehmend an Bedeutung gewinnt – mit Anbietern, die überregional aktiv sind. Julia von Westerholt, Direktorin des Deutschen Volkshochschulverbandes, geht nicht davon aus, dass sich am Grundgedanken der Volkshochschulen etwas ändern wird, wohl aber an der Art der Vermittlung von Lerninhalten. Die digitalen Angebote etwa seien nicht mehr wegzudenken.
„Die Frage ist jetzt: Was machen wir mit dieser Erweiterung? Wie stellt sie sich dar? Führt die jetzt zu einem ganz neuen Bild von Volkshochschule zum Beispiel? Treten wir damit automatisch in Konkurrenz zu anderen, die nur online existieren oder eigentlich nicht? Sind wir eigentlich nicht doch noch weiterhin das, was wir immer waren und haben jetzt einfach nur ein weiteres Medium gefunden, mit dem wir Menschen den Zugang zu Bildung anbieten können?“
Fragen, die der Verband der Volkshochschulen mit einer neuen Marktstudie beantworten will. Die Studie soll unter anderem zeigen, welche Erwartungen die Gesellschaft heute an Volkshochschulen hat und ob die Online-Angebote, die in der Pandemie entstanden sind, daran etwas verändert haben. Denn Wunsch und Ziel bleiben weiterhin, möglichst viele Menschen mit den Bildungsangeboten der Volkshochschulen zu erreichen.