Donnerstag, 26. Januar 2023

Rudolf Schönwald: "Die Welt war ein Irrenhaus"
Wiener Überlebenskünstler

Als 15-jähriger Jude in der Illegalität entwarf Rudolf Schönwald 1944 in Budapest seinen ersten Roman: eine antifaschistische Actiongeschichte. Daraus wurde nichts. Wie er stattdessen zum bildenden Künstler wurde, verrät seine tubulente Lebensgeschichte.

Von Christoph Haacker | 17.10.2022

Der Künstler Rudolf Schönwald und seine Lebensgeschichte "Die Welt war ein Irrenhaus",  nacherzählt von Erich Hackl
In "Die Welt war ein Irrenhaus" erzählt Erich Hackl die kaum glaubliche Biographie des Wiener Künstlers Rudolf Schönwald nach, der am 14. Oktober 2022 im Alter von 94 Jahren gestorben ist. (Foto: ©Leonhard Hilzensauer/Zsolnay, Buchcover: Zsolnay Verlag)
Während die Jüdin Katia Mann 1933 im sicheren Ausland blieb, hing das Leben ihres entfernten Verwandten Rudi Schönwald bald am seidenen Faden. Beide gehörten zur weitverzweigten jüdischen Familie der Pringsheims, und wie Erika, Klaus und Golo Mann wurde Rudolf Schönwald im Nazi-Jargon zum „Halbjuden“. 1928 wurde er in Hamburg geboren. Die Mutter aber stammte aus Breslau, und ihr Mann war ein Wiener Ungustl, der es darauf anlegte, seinen jüdischen Vater spüren zu lassen, wie sehr ihm alles Jüdische zuwider war.
Als Hitler an die Macht kam, wurde diese Herkunft zum Risiko:
„Meine Mutter erkannte die Gefahr und drängte darauf, aus Deutschland wegzukommen. Aber statt dass sie mit uns nach Übersee gefahren wären, verfiel mein Vater auf die abstruse Idee, sich ausgerechnet in Salzburg niederzulassen – im Frühjahr 1934, drei Monate nach dem blutig niedergeschlagenen Februaraufstand, als in Österreich das Standrecht herrschte und die Zahl der illegalen Nazis in die Höhe schnellte.“

Gerhart Hauptmanns klägliche Rolle

Dort geht die Ehe in die Brüche, der Vater versinkt in der Depression, erschießt sich. Mit der Annexion Österreichs im März 1938 befinden sich seine Söhne erneut im Machtbereich der Nazis. In ihrer Not macht sich ihre Mutter 1942 mit ihnen auf nach Schlesien zum von den Nazis hofierten Gerhart Hauptmann. Denn dessen Bruder Carl Hauptmann, ebenfalls Autor, gehörte zur heimlichen Verwandtschaft. Rudi Schönwald ist – nach einem Seitensprung der Großmutter – Carl Hauptmanns Enkel. Dem Nobelpreisträger aber kommt der Hilferuf von Isolde Schönwald ungelegen:
„Gerhart Hauptmann war ein ziemlicher Angsthase. Die Hoffnung, dass er für uns intervenieren werde, möge sie sich bitte aus dem Kopf schlagen, das gehe beim besten Willen nicht. Mein Bruder und ich wurden von ihm mit den aufmunternden Worten ‚Kinder, die Ohren steifhalten!‘ entlassen.“
Auf einmal sehen die Nazis die beiden Jungen als „Volljuden“ an, da deren tschechische Wiener Großmutter zwar als Arierin galt, aber wegen ihrer Heirat Mitglied der jüdischen Gemeinde geworden war. Die damit drastisch verschärfte Bedrohung veranlasste die Mutter, im Mai 1943 illegal Zuflucht in Ungarn zu suchen.

Vom Hitler-Imitator zum gespielten Dorftrottel

Die Erlebnisse in einem Internierungslager für Flüchtlinge wirken noch harmlos:
„Meine neuen Bekannten hatten einen wie mich noch nie zu Gesicht bekommen: einen getauften Katholiken, den man als Juden verfolgt, obwohl er nicht einmal beschnitten ist und kein einziges jüdisches Gebet aufsagen kann. Der Hitler ist wirklich meschugge, sagten sie. Ihr Wohlwollen wandelte sich in Begeisterung, als ich eines Tages eine Hitlerrede imitierte: ‚Wenn die feindliche Presse schreipt, sie wird das deutsche Reichsgepiet angreifen, so sage ich, werfen sie tausent Kilo Pompen, so werfen wir zehntausent Kilo Pompen …‘ Von nun an musste ich beim Mittagessen eine Führerrede halten und dabei mit Armen und Fäusten fuchteln, zum großen Vergnügen der Flüchtlinge, denen Lachtränen über die Wangen kullerten. Wie ich waren sie der Meinung, dem Zugriff Hitlers entronnen zu sein.“
Das Lachen vergeht, als die Deutschen im März 1944 Ungarn besetzen. In Budapest untergetaucht, entgeht Rudi zwar den Deportationen und den Massakern an Juden durch ungarische Faschisten. In ständiger Lebensgefahr schwebt er aber auch während der Belagerung durch die Rote Armee und als er von den Eroberern zu Schanzarbeiten gezwungen wird. Auf der Flucht von Rotarmisten aufgegriffen, simuliert er blitzartig einen Dorftrottel:
„… wobei ich den Kopf schief hielt, Speichel aus dem Mund tropfen ließ und unverständliches Zeug lallte. Die Rolle, die ich in meiner Not spielte, gelang mir burgtheaterreif.“

Ein Porträt Wiens im Kalten Krieg

Was wie aus einem Schelmenroman klingt, kann nicht kaschieren, wie brutal und traumatisch die Erfahrungen des Sechzehnjährigen waren. Es sind Russen, die den Entkräfteten vor dem Erfrieren im Schnee retten. Aber diese Überlebensgeschichte – auch die der Mutter, die Auschwitz und Bergen-Belsen übersteht – weitet sich nach 1945 zum Porträt Wiens im Kalten Krieg. Zum prominenten Figurenensemble gehören Arthur Koestler, Ernst Fischer, Helmut Qualtinger, H. C. Artmann und die kritische Kommunistin Ruth Fischer. Seine geistige Unabhängigkeit lässt Schönwald nach dem Ungarnaufstand 1956 ebenfalls an diesem Kommunismus zweifeln. Zu seiner Heimat werden das Theater und die Kunst, lange ein hartes Brot:
„Fritz Hermann rekrutierte mich für ein Revolverblatt, das mit Aufmachern wie ‚Männliches Geschlechtsteil gefunden. Polizei sucht Verstümmelten“ oder ‚Hitlers Sohn lebt“ jedes goldene Wienerherz höherschlagen ließ. Er schnitt die Zeichnungen aus ausländischen Zeitungen aus. Ein hochrangiger Funktionär reagierte auf jugendgefährdende Zeichnungen sofort mit Strafandrohungen. Ich musste deshalb mit Deckweiß und Tusche Busen verkleinern und Pobacken verhüllen.“

Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht und Klaus Kinski

In Schönwalds Panorama der Wiener Bohème tummeln sich an Orten wie dem Café Hawelka Künstler wie Fritz Wotruba, Alfred Hrdlicka, Arik Brauer, Georg Eisler und der schillernde Baron und US-Agent Rudolf Charles von Ripper. Als Bühnenbildner arbeitete Schönwald mit Brecht an der „Scala“ im sowjetischen Sektor Wiens zusammen. Kurios waren seine Erlebnisse als Mädchen für alles in der avantgardistischen Blütezeit des Theaters am Fleischmarkt. Eines Nachts erspäht er, wie Jean Genet im leeren Saal seinen Geliebten pausenlos über ein Seil balancieren lässt. Ein andermal tritt er, unter einer Henkerkapuze, kurzerhand selbst neben Klaus Kinski auf, mit dem er sich herrliche Scharmützel liefert. Es sind solche Anekdoten, die eine vergessene Welt vergegenwärtigen und zum Bildnis einer Epoche verdichten, wie es kein Geschichtsbuch vermag.
Rudolf Schönwald: „Die Welt war ein Irrenhaus. Meine Lebensgeschichte“
Nacherzählt von Erich Hackl
Zsolnay Verlag, Wien. 302 Seiten, 26 Euro