Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVom Klang der Hochöfen bis zum "Wind of change"04.08.2011

Vom Klang der Hochöfen bis zum "Wind of change"

Potsdamer Historiker erforschen Zeitgeschichte anhand akustischer Dimension

In der Geschichtswissenschaft spielten Klänge, Töne und Geräusche bisher eine untergeordnete Rolle. Inzwischen sind Historiker davon überzeugt, dass durch die akustische Dimension neue Erkenntnisse für die Geschichtsschreibung gewonnen werden und Geschichte besser verstanden wird.

Von Barbara Leitner

Das Scheppern der Förderkörbe und das Zischen des glühenden Stahls sind typische Klänge des Ruhrgebiets. (Stock.XCHNG)
Das Scheppern der Förderkörbe und das Zischen des glühenden Stahls sind typische Klänge des Ruhrgebiets. (Stock.XCHNG)

"Wir Historiker interessieren uns für vergangenes Leben und da gehören die Sinneswahrnehmungen dazu. Wie Menschen mit ihrer Umwelt umgegangen sind, wie sich darin platziert haben, darin gehandelt haben, hängt auch mit der Sinneswahrnehmung zusammen."

Daniel Morat, Historiker an der Freien Universität Berlin und Experte für Medien- und Wahrnehmungsgeschichte der Moderne. Seit es ab Ende des 19. Jahrhunderts technisch möglich ist, Geräusche auf Tonträgern zu konservieren, bleibt Zeitgeschichte auch im Ohr. Viele Menschen erinnern sich an den Satz von John F. Kennedy "Ich bin ein Berliner!" oder den von Walter Ulbricht "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen." Auch bestimmte Musiktitel lassen den jeweiligen Zeitgeist aufleben. In der Geschichtswissenschaft allerdings spielten Klänge bisher eine untergeordnete Rolle.

"Die Geschichtswissenschaft ist sehr lange vorrangig eine Textwissenschaft gewesen und hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten verstärkt mit Bildern beschäftigt. Da ist jetzt die Perspektive der Töne, Klänge, Geräusche noch mal eine neue Dimension, die erst allmählich für die Geschichtswissenschaft erschlossen wird und wo es noch sehr viel zu untersuchen und zu fragen gibt, und wo wir als Historiker sehr interessiert dran sind unter dieser bestimmten Perspektive mehr zu erfahren und anderes, was wir bisher noch nicht wissen über die Geschichte."

Jan-Holger Kirsch ist Redakteur von Zeitgeschichte-online beim Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Die jetzt erschienene Ausgabe dieser Zeitschrift widmet sich dem Thema "Politik und Kultur des Klangs des 20. Jahrhunderts". Dass Klänge mehr als nur Hintergrundgeräusche sind belegen die Wissenschaftler an verschiedenen Beispielen: Von der Lautstärke der Waffen im ersten Weltkrieg, über die unterschiedliche Rezeption von Swing und Jazz in Polen und in der DDR während des Sozialismus bis zu der Klanglanglandschaft des Ruhrgebietes.

Das Scheppern der Förderkörbe und das Zischen des glühenden Stahls - allgegenwärtige Geräuschkulisse im Ruhrgebiet beim Kohleabbau und in der Stahlindustrie seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Nachdem die Fabriken der Montanindustrie stillgelegt wurden, prägen nicht mehr der Klang von Hochöfen, Walzwerke und Eisenhütten den Rhythmus von Arbeit und Leben in der Region.

"Die Historiker beschäftigen sich ja gegenwärtig sehr intensiv mit den Veränderungen der Industriegesellschaft in den 70er-Jahre, Veränderungen des Sozialstaates. Dabei wird aber häufig diese Perspektive der Klanglandschaften und auch diese regionale Ebene, wie man es im Ruhrgebiet sehr gut sehen kann, ausgeblendet. Das scheint mir aber wichtige Ergänzung zu sein, wie stark sich die Lebenswirklichkeit der Menschen dadurch verändert. Nicht nur, dass sie eine andere Arbeitsumgebung haben, anderen Tätigkeiten nachgehen, wenn das Stahlwerk geschlossen wird, sondern dass auch die Klangatmosphären, in denen sie sich bewegen, völlig andere werden."

"Das hat wiederum Effekte für emotionale Zugehörigkeitsgefühle. Dass zum Beispiel die Bergleute das Grubensignal immer gehört haben und wenn es nicht mehr da ist, dann fehlt ihnen etwas. Das heißt auch die emotionale Beziehung zu ihrem Beruf und dem was sie machen und ihrer Heimatstadt verändert sich, wenn solche Sachen, an die man sich gewöhnt hat, wegfallen."

Daniel Morat selbst forscht zu den Klanglandschaften der Großstadt und Kulturen des Auditiven in Berlin und New York zwischen 1880 und 1930. Das ist die Zeit, in der die Großstädte erblühten und sich ein neues Wahrnehmungsregime etablierte. Das Kino und die Massenpresse entstanden und auch die grelle Werbung überall hat in dieser Zeit ihren Ursprung. Deshalb schien es bisher naheliegend, das moderne Metropolensubjekt als ein visuell orientiertes zu beschreiben.

"Und meine Idee bei meinem Forschungsprojekt war, ob die Veränderung in den Hörgewohnheiten und Hörbedingungen, die die Urbanisierung auch mit sich gebracht hat, auch ein Faktor liegt, der die moderne Subjektivität geprägt hat und wir unsere Vorstellung von dem modern geprägten visuellen Subjekt korrigieren müssen, wenn wir uns mit Tönen beschäftigen."

Der Historiker fragt dabei nicht nur nach dem mit der Technisierung und dem dichteren Verkehr verbunden Großstadtlärm. Ebenso widmet er sich der Musik- und Vergnügungskultur und öffentlichen Reden in der damaligen Zeit. Wie aber kann man vergangenes Hören überhaupt erforschen und rekonstruieren? Tonaufnahmen sind verglichen mit der Schrift oder Jahrtausende alten Bildern eine äußerst junge Quelle. Werkzeuge, Maschinen, Bauten könnten eine Brücke weiter zurück in die Vergangenheit sein – Glocken beispielsweise oder Waffen. Doch kann es überhaupt darum gehen, sich vorzustellen, wie genau eine Schlacht oder eine historische Rede klang?

"Ich glaube, dass ist die eigentliche Herausforderung und das Spannende, je weiter wir in der Zeit zurückgehen, dass wir uns gar nicht mehr frei machen von den Hörgewohnheiten der Zeit, in der wir selbst leben und zum Beispiel die Selbstverständlichkeit, mit der wir mit aufgezeichneten und wiedergegeben Klangquellen umgehen. Die gab es eben früher nicht und wir haben auch eine ganz andere Adaption an Hintergrundrauschen, bestimmte Form von Geräuschquellen und die hatten frühere Leute nicht. Was uns heute als leise erscheint, wäre früher laut gewesen. Und insofern ist die Herausforderung, und das geht wieder über schriftliche Quellen, wie bestimmte Geräusche wahrgenommen wurden, welche Rolle sie im sozialen Leben gespielt haben."

In diesem Sinne reduzieren die Wissenschaftler weder das Hören noch das Sehen auf einen biologisch geprägten kognitiven Wahrnehmungsvorgang. Vielmehr verstehen sie die Sinneswahrnehmungen als historisch geformte Kulturtechniken, die sich auch wandeln. Um beispielsweise die Wirkung einer Rede zu verstehen, genügt es nicht ihre Inhalte zu analysieren. Die versteht man oft nur, wenn man auch darauf achtet, in welcher Situation sie gehalten wurde, welche Zwischenrufe und Begleitgeräusche es gab. Jan-Holger Kirsch verweist in dem Zusammenhang auf die Rede Chruschtschows auf dem KPdSU-Parteitag 1956, in der es um die Entstalinisierung ging. Von dieser Rede gibt es kein Tondokument, nur ein Protokoll.

"In dieses Protokoll sind Passagen hineinnotiert, wo die Reaktionen des Publikums aufgeführt sind. Wie starker Beifall oder Aufregung im Zuschauerraum. Da weiß man aber inzwischen, dass es diese Publikumsreaktionen gar nicht gegeben hat. Wenn man es vergleicht mit anderen Berichten von Leuten, die bei der Versammlung zugegen waren, dann sieht man, dass Chruschtschow diese Passagen hinein redigiert hat, um auch eine Richtung der Rezeption vorzugeben, welche Stellen ihm wichtig waren."

Durch die akustische Dimension – ob mit Schellackplatte, Tonbändern oder durch Rundfunkproduktionen – davon sind die Historiker überzeugt, kann in vielen Fällen Geschichte neu erzählt, besser verstanden, anders erhellt werden. Auch das ist eine Aufgabe der Sound Studies, die sich gegenwärtig analog zu den Cultural Studies zu etablieren beginnen. Sie stellen die Hegemonie des Visuellen in der Moderne in Frage und plädieren dafür, neben Schrift-Gut aus den Archiven, den überlieferten gegenständlichen Sach-Quellen in unserer Umwelt auch Schall-Überlieferungen in die historische Forschung einzubeziehen und entsprechend auch Rundfunk- und Fernseharchive zu nutzen.

"Das ist auch etwas, was uns interessiert, dass die Beschäftigung mit Klängen und Geräuschen usw. das ist nicht allein ein kulturelles Phänomen ist, sondern immer sehr stark damit zu tun hat mit politischen Effekten und dem, was unter Politik und politischen Handeln verstanden wird. Das heißt: die Klänge nicht allein der Mediengeschichte zu überlassen, sondern auch immer auch einzubetten in politische Prozesse."

Links:

Politik und Kultur des Klangs im 20. Jahrhundert

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk