Donnerstag, 21.03.2019
 
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Von den Vorfahren lernen

Jared Diamond: "Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können", S. Fischer

Bis vor 11.000 Jahren haben wir als Jäger und Sammler gelebt. Laut Evolutionsforscher Jared Diamond täten wir gut daran, uns dieser Vergangenheit zu erinnern. Das erklärt er in seinem neuen Buch und greift dabei auf Erkenntnisse aus seinen Reisen der letzten 50 Jahre zurück.

Von Matthias Bertsch

Eine der ersten Forschungsreisen von Diamond war in das Amazonasgebiet. (Deutschlandradio - Philipp Eins)
Eine der ersten Forschungsreisen von Diamond war in das Amazonasgebiet. (Deutschlandradio - Philipp Eins)
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"Das Thema dieses Buches sind potenziell alle Aspekte der menschlichen Kultur bei allen Völkern der Welt während der letzten 11.000 Jahre."

Jared Diamond hat mit "Vermächtnis. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können" ein ambitioniertes Buch geschrieben. Worum es dem amerikanischen Evolutionsbiologen mit seinem Abriss der Menschheitsgeschichte geht, macht vor allem der Originaltitel deutlich: "The World Until Yesterday": Die Welt wie sie bis gestern war. Bis gestern - soll heißen: bis vor 11.000 Jahren – haben wir alle als Jäger und Sammler gelebt, und wir täten gut daran, uns dieser Vergangenheit zu erinnern, meint der Autor. Um diese vergangene Welt zu beschreiben, greift Diamond immer wieder auf seine Reisen nach Neuguinea zurück, auf denen er seit 50 Jahren nicht nur Vögel, sondern auch Menschengruppen erforscht, die zum Teil bis weit in das vergangene Jahrhundert hinein noch keinen Kontakt mit der westlichen Zivilisation hatten. Insgesamt bezieht er 39 traditionelle Gesellschaften auf der ganzen Welt in seine Untersuchungen mit ein, von den Inuit im Norden Alaskas bis zu den Kaulong in Papua-Neuguinea. Die Kaulong praktizierten bis vor wenigen Jahrzehnten den Brauch, ältere Frauen zu erdrosseln, wenn deren Männer gestorben waren. Die Empörung über solch grausame Traditionen sollte uns jedoch nicht dazu verführen, uns selbstgerecht auf die Schultern zu klopfen, betont der Evolutionsforscher Diamond.

"Beispielsweise: Was wir in den USA mit den alten Menschen tun, dass wir einen alten Vater oder eine alte Mutter nicht im Hause bei uns beibehalten, sondern in ein Altersheim stecken, ein Fidschi-Freund von mir, der war derart darüber entrüstet, der schrie zu mir auf: "Ihr in den Vereinigten Staaten, Ihr werft eure alten Menschen weg!" Also für ihn war das furchtbar, wie für uns das Erdrosseln einer Witwe furchtbar ist."

In diesem Zusammenhang bringt Diamond zur Sprache, dass ein aus heutiger Sicht grausamer Umgang mit Schwachen in früheren Zeiten rationale Gründe gehabt haben konnte – etwa dass schwache Säuglinge getötet oder kranke alte Menschen zurückgelassen wurden. Jäger- und Sammlergesellschaften seien oft nur überlebensfähig gewesen, wenn sie die Nahrungsmittel auf die starken und gesunden Mitglieder verteilt hätten. Mit Blick auf die demografischen Entwicklungen in den westlichen Gesellschaften zieht Diamond Parallelen.

"Es stellt sich die Frage, ob wir auf dem Weg zurück in eine Welt sind, in der wir im Zusammenhang mit dem Ende des Lebens wieder Alternativen in Betracht ziehen, die sich in traditionellen Gesellschaften stellen: Hilfe zum Selbstmord, Selbstmord auf Aufforderung und Sterbehilfe."

Jared Diamond hat sein Buch in elf Themenbereiche unterteilt: Freund und Feind, Jung und Alt, Krieg und Frieden, Gefahr und Reaktion und schließlich Sprache, Religion und Gesundheit. Immer wieder beschreibt er zunächst anhand von Beispielen aus der Forschungsliteratur oder Situationen, die er selbst erlebt hat, die Realität in traditionellen Gesellschaften – den Horden und Stämmen, wie er sie nennt, mit oft nur wenigen Dutzend oder maximal ein paar Tausend Mitgliedern - um sie dann mit dem Alltag in den modernen, deutlich größeren Staatsgesellschaften, allen voran den USA, zu vergleichen. Ein Vergleich, der ethisch betrachtet in wesentlichen Punkten eindeutig zugunsten der Letzteren ausfällt. Diamond lässt keinen Zweifel daran, dass das Leben in den Stammesgesellschaften wenig mit dem Rousseauschen Bild des edlen Wilden, der von Natur aus gut sei, zu tun hat. Die Tatsache, dass sich in Staaten überall auf der Welt wildfremde Menschen begegnen – und einander nicht umbringen, weil sie den Unbekannten als potenziellen Feind einstufen – sei keineswegs selbstverständlich, sondern Ergebnis einer Zentralisierung von Macht und Gewalt, der sich die meisten Staatsbürger aus Eigeninteresse unterwerfen. Auch die Wahrscheinlichkeit, in einem Staat durch kriegerische Handlungen ums Leben zu kommen, sei deutlich geringer als in traditionellen Jäger- und Sammlergesellschaften, in denen Gewalt und Rache immer eine Konfliktoption waren. An diesem staatlichen Zuwachs an Sicherheit ändern auch die beiden Weltkriege oder die Abwürfe der Atombombe nichts, macht Diamond deutlich. Und doch ist er fest davon überzeugt, dass wir vieles von den traditionellen Gesellschaften lernen können, beispielsweise im Umgang mit Kindern. Die Selbstständigkeit und das Selbstbewusstsein auch jüngerer Kinder in Stammesgesellschaften haben ihn auf seinen Reisen immer wieder beeindruckt.

"Die Kinder in Neuguinea, in Südamerika, unter den Stämmen, die werden fast ständig in den ersten zwei Jahren von jemand gehalten, entweder von der Mutter oder von dem Vater, die haben also die Sicherheit, ständig gehalten zu werden. Auch schlafen die Babys mit den Eltern, ein Säugling trinkt, wann es will, der Säugling bleibt an der Brust der Mutter, im Westen, in den USA und in Deutschland ist das nicht der Fall, ein Säugling wird gestillt, wann es für die Mutter bequem ist, also der Säugling hat die Sicherheit der ständigen Anwesenheit der Milch."

Trotz mancher Verhaltensweisen der Horden und Stämme, die bei uns die Polizei oder das Jugendamt auf den Plan rufen würden – schon Kleinkinder dürfen am Feuer oder mit Speerspitzen spielen –, sind nach Diamond die traditionellen Gesellschaften den modernen Staaten in einigen Aspekten überlegen: Solidarität statt Individualismus und Vereinsamung. Ebenso wie Kinder spielten Alte – als Großeltern oder Bewahrer wichtiger Kenntnisse – für die Gemeinschaft eine zentrale Rolle. In der westlichen Welt sei zwar die Lebenserwartung deutlich höher, doch die Lebenszufriedenheit älterer Menschen bleibe weit hinter der in Stammesgesellschaften zurück. Dass Länder wie Deutschland die meisten Alten bereits mit Mitte 60 in den Zwangsruhestand schickten, bezeichnet der 75-jährige Geografieprofessor als tragisch. Das wichtigste Vermächtnis der traditionellen Gesellschaften sieht Diamond allerdings in einem anderen Bereich.

"Die nicht übertragbaren Krankheiten, die mit dem westlichen Lebensstil einhergehen, sind in diesem Buch vielleicht das unmittelbarste praktische Beispiel dafür, welche Lehren wir aus der traditionellen Lebensweise ziehen können."

Während Infektionen in Jäger und Sammlergesellschaften oft tödliche Folgen hatten, waren Diabetes und Bluthochdruck unbekannt: Die Zucker- und Salzmengen, mit denen wir heute unsere Gesundheit ruinieren, standen schlicht nicht zur Verfügung. Hier umzudenken und die eigenen Essgewohnheiten kritisch zu hinterfragen sollten auch die tun, die nicht in die "Welt von Gestern" zurückkehren wollen.

Jared Diamond: "Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können"
Verlag: S. Fischer, 592 Seiten, 24,99 Euro
ISBN: 978-3-10013-909-2

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