Donnerstag, 09. Dezember 2021

Vor 10 Jahren gestorbenJean Jülich, Edelweißpirat und Widerstandskämpfer

Die "Edelweißpiraten" wollten nicht mitmarschieren bei der Hitlerjugend. Einige dieser revolutionären Jugendlichen mit langen Haaren, karierten Hemden und bunten Halstüchern wurden energische Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Zu ihnen gehörte auch der Kölner Jean Jülich, der am 19. Oktober 2011 82-jährig starb.

Von Alfried Schmitz | 19.10.2021

Jean Jülich 2009, gut zwei Jahre vor seinem Tod, bei der Vorstellung des Dokumentationsbands "Eisenbahner gegen Hitler"
Jean Jülich 2009, gut zwei Jahre vor seinem Tod, bei der Vorstellung des Dokumentationsbands "Eisenbahner gegen Hitler" (picture-alliance/ dpa / Arno Burgi)
"Wir haben den gesunden jugendlichen Menschenverstand walten lassen. Wir haben gespürt: Bei den Nazis, da stimmt was nicht."
Jean Jülich, 1929 in Köln geboren, entstammt einer Arbeiterfamilie. Sein Vater, Mitglied der Kommunistischen Partei, muss untertauchen, als die Nazis an die Macht kommen. Als der Vater 1936 verhaftet wird, kommt Jean zu seinen Großeltern, später dann ins Waisenhaus. Er ist ein kritischer Junge, alles andere als ein Mitläufer. Im Jungvolk und in der Hitlerjugend fühlt er sich nicht wohl.
"Ja, und wenn man nicht mitmarschierte bei den Nazis, dann war man dagegen."
Mit 13 lernt Jean eine Gruppe von Jugendlichen kennen, die wie er von Frieden, Freiheit und Abenteuer träumen.

"Da konnten wir frei sein und brauchten nicht zu marschieren"

Am Wochenende treffen sie sich mit Gleichgesinnten aus anderen Städten an einem See bei Königswinter, spielen Gitarre, singen, haben Spaß, feiern gemeinsam.
"Da waren mitunter hundert, hundertfünfzig Jungen und Mädchen aus Mülheim an der Ruhr, aus Wuppertal, aus Essen, aus Düsseldorf die 'Kittelbach-Piraten' und wir. Und da trafen wir uns, und das war unser Leben. Da konnten wir frei sein und brauchten nicht zu marschieren. Wir haben Lieder gesungen, die multikulti waren, von fremden Ländern, fremden Völkern. Und das waren die 'Edelweißpiraten'."
Mit langen Haaren, karierten Hemden, bunten Halstüchern und einem Edelweiß als Erkennungszeichen, wollen sich die rebellischen jungen Leute schon optisch von der uniformierten und militärisch straff organisierten HJ abgrenzen, mit der sie oft aneinandergeraten.

"Fließende Übergänge zum aktiven Widerstand"

"Die 'Edelweißpiraten', das waren Jugendliche, die entzogen sich zum Beispiel dem Dienst in der Hitlerjugend. Es waren Jugendliche, die wollten nicht diesen typischen Drill mitmachen, die wollten sich nicht selber einordnen, wollten ihre eigene Freizeit pflegen. Und nach und nach wurden dann auch politische Momente daraus. Da waren fließende Übergänge zum aktiven Widerstand", sagt der Historiker Daniel Meis, der zum Thema "Köln im Nationalsozialismus" forscht.
Es ist wohl der Mut der Verzweiflung, der die Jugendlichen schließlich dazu bringt, aktiv etwas gegen den sinnlosen Krieg, die Unterdrückung, die Hungersnot zu unternehmen. Sie schreiben Anti-Nazi-Parolen an Hauswände, verteilen Flugblätter:
"Macht endlich Schluss mit der braunen Horde!
Diese Welt ist nicht mehr unsere Welt.
Wir müssen kämpfen für eine andere Welt.
Wir kommen um in diesem Elend!"
"So braun wie Scheiße, so braun ist Köln. Wacht endlich auf!"
Ein Schwarzweiß-Foto zeigt eine vielleicht 15-jährige Frau mit ernsten Blick in die Kamera schauend
Sophie Scholl, Kind der Widersprüche ihrer Zeit
Vom begeisterten "Hitlermädel" wurde Sophie Scholl zur entschiedenen Kämpferin gegen das NS-Regime. Als Mitglied der "Weißen Rose" wurde sie 1943 enthauptet. Am 9. Mai 2021 wäre sie hundert Jahre alt geworden.

Bombenanschlag auf Kölner Gestapo-Zentrale geplant

Die "Edelweißpiraten" sabotieren Rüstungstransporte und stehlen Lebensmittel, die sie an Wehrmachts-Deserteure, geflohene Zwangsarbeiter und versteckte Juden verteilen. Im Herbst 1944 nehmen sie Kontakt zum untergetauchten Hans Steinbrück auf, einem Sprengstoffexperten. Jean Jülich:
"Der 'Bombenhans' war natürlich auch Anti-Faschist. Und der plante einen Wagen mit Bomben zu beladen, diesen Wagen an das EL-DE-Haus, das Gestapo-Hauptquartier, zu fahren und diese Bomben zu zünden. Und um das zu ermöglichen, hat er auch versucht, in ein Munitionsdepot einzubrechen, um Zündschnüre zu klauen. Aber die Gestapo hat natürlich Wind bekommen, und dann sind wir alle verhaftet worden."
Steinbrück und zwölf weitere Freunde Jülichs werden hingerichtet. Er selbst wird verhört, gefoltert, von einem Gefängnis in nächste verlegt, bis er Ende März 1945 von amerikanischen Soldaten aus der hessischen Jugendstrafanstalt Rockenberg befreit wird.
Eine Anerkennung als Widerstandskämpfer bleibt ihm und den anderen Edelweißpiraten nach dem Krieg lange verwehrt. Doch nicht nur das, so Daniel Meis:
"Die Gesellschaft war dann in den 40er-, 50er-, 60er- Jahren, bis in die 70er-Jahre hinein, teilweise darüber hinaus eher der Meinung, das sind kriminelle Jugendliche."

Lange nicht als Widerstandskämpfer anerkannt

Jülich macht es sich zur Lebensaufgabe, diesen Diffamierungen entgegenzutreten. Er gibt Interviews, hält Vorträge an Schulen, nimmt an Diskussionsrunden und Veranstaltungen teil. Nach umfangreicher historischer Aufarbeitung werden die "Edelweißpiraten" schließlich rehabilitiert und als Widerstandskämpfer anerkannt.
Für sein Engagement "gegen das Vergessen der Ereignisse in der nationalsozialistischen Zeit" erhält Jülich 1991 das Bundesverdienstkreuz. In Israel ist er schon sieben Jahre zuvor als "Gerechter unter den Völkern" geehrt worden. In seiner Heimatstadt Köln erinnert ein unscheinbares Straßenschild an den streitbaren "Edelweißpiraten", der am 19. Oktober 2011, im Alter von 82 Jahren, stirbt.