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StartseiteKalenderblattErste Fälle der Spanischen Grippe gemeldet11.03.2018

Vor 100 JahrenErste Fälle der Spanischen Grippe gemeldet

In zwei großen Wellen erfasste die Spanische Grippe die Welt. Ihren Anfang nahm sie im März 1918 - ab Herbst schlug sie dann mit aller Kraft zu: Weltweit starben binnen weniger Monate an die 50 Millionen Menschen. Den Zeitgenossen gab die Krankheit viele Rätsel auf.

Von Martin Winkelheide

HANDOUT - Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918). Die Spanische Grippe entwickelte sich ab 1918 in drei Wellen bis 1920 zur schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte mit 27 bis 50 Millionen, manchen Quellen zufolge sogar bis zu 100 Millionen Toten. (zu dpa "Blaue Haut, schneller Tod - Spanische Grippe jährt sich zum 100. Mal" vom 04.01.2018) ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit Nennung "Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa" Foto: National Museum of Health and Medicine | (Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa)
Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918) (Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa)
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Anfang März 1918. Der Koch Albert Gitchell meldete sich auf der Krankenstation der
US-Armee in Camp Funston im Bundesstaat Kansas. Er hatte Halsschmerzen, Fieber, Kopfschmerzen. Typische Anzeichen einer Grippe. Nichts Beunruhigendes.

"Es kam überraschend. Sie kam als rätselhaftes Ereignis."

In den Tagen danach meldeten sich immer weitere Soldaten krank. Die Führung des Ausbildungslagers von Camp Funston wurde hellhörig. Ein erstes Notlazarett wurde eingerichtet, um alle Patienten unterzubringen. Um den 11. März wurden auch aus anderen Stützpunkten der US-Armee Grippefälle gemeldet.

"Kurzgefasst kam die Spanische Grippe in eine Gesellschaft, die in keiner Weise vorbereitet war", so der Berliner Arzt und Historiker Wilfried Witte.

Mit Truppenschiffen gelangte die Grippe nach Europa. Ende April erkrankten erste belgische Soldaten, dann britische, französische und deutsche.

"Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter"

"Heute morgen hat unsere Kompanie 40 Mann mit hohem Fieber, wieder müssen mehrere mit Tragbahre fortgetragen werden. Das geht so Tag für Tag."

Notiert ein deutscher Soldat, der in Belgien stationiert war, in sein Tagebuch.

Im Mai 1918 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters über Grippefälle aus Spanien. Auch König Alfons XIII. und einige Minister seien erkrankt.

"Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten. Diese Epidemie verläuft harmlos, keine Todesfälle bisher gemeldet."

In Spanien, das nicht am Ersten Weltkrieg beteiligt war, herrschte - anders als in Frankreich oder Deutschland - weitgehend Pressefreiheit. So entstand das Gerücht, die Grippe müsse spanischen Ursprungs sein.   

Ob in der Karibik, in Indien, China, Neuseeland oder den Philippinen. Überall das gleiche Bild: Über Wochen wurden viele Menschen plötzlich und heftig krank. Wenige starben. Im Juli 1918 schien der Spuk vorüber zu sein.

Aber dann – ab Mitte August 1918: die zweite, viel gefährlichere Grippewelle. Diesmal starben viele Menschen. Weltweit an die 50 Millionen, sagen Schätzungen. Manche Forscher gehen sogar von bis zu 80 Millionen Grippetoten aus. Prominente Opfer: der Wiener Künstler Egon Schiele und seine Frau Edith Harms.

"Edith erkrankte gestern vor acht Tagen an Spanischer Grippe und bekam Lungenentzündung dazu. Auch ist sie im sechsten Monat der Schwangerschaft", heißt es im letzten Brief Schieles an seine Mutter. 

"Ich bereite mich auf das Schlimmste vor, da sie fortwährend Atemnot hat."

Schiele starb mit 28 Jahren am 31. Oktober 1918 – nur drei Tage nach seiner Frau. Warum raffte die Grippe diesmal junge, kräftige Menschen hinweg - und nicht wie sonst die Älteren und Gebrechlichen? Für die Mediziner der Zeit ein Rätsel.

"Man ging davon aus, dass die Grippe eine bakteriologische Krankheit ist."

Richard Pfeiffer, ein Schüler des Bakteriologen Robert Koch, hatte ein besonders kleines Bakterium entdeckt.

"Heute bezeichnet man es als Haemophilus influenzae. Und Haemophilus galt als Verursacher der Grippe".

Ein besonders aggressiver Erreger

Obwohl sich das Bakterium bei Grippe-Patienten oft nicht nachweisen ließ. Erst 1933 sollten britische Mediziner den eigentlichen Erreger der Grippe entdecken und isolieren: das Influenza-Virus.  

Der Erreger der Spanischen Grippe H1N1 war offenbar besonders aggressiv, so Christian Drosten, der Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité.

"Man sieht im Tierversuch, dass dieses H1 N1 Virus andere krankmachende Eigenschaften hat, wenn man das direkt neutral vergleicht mit anderen, späteren pandemischen Influenzaviren."

Das allein kann aber nur zum Teil erklären, warum so viele Menschen an der Spanischen Grippe starben. Der Erste Weltkrieg und das hohe Tempo, mit dem die Grippe auch entlegene Orte der Erde erreichte, ließen kaum Zeit zu reagieren, zumal es keine wirksamen Medikamente gab. Schmerzmittel linderten allenfalls einige Symptome. Antibiotika gegen die der Grippe oft folgenden bakteriellen Lungenentzündungen standen noch nicht zur Verfügung, und die Menschen konnten nicht wie heute intensivmedizinisch betreut werden.

Neue gefährliche Grippe-Viren können jederzeit entstehen, so Christian Drosten.

"Wir müssen unbedingt einen besseren Impfstoff machen, der breiter reagiert und effizienter ist. Wir haben leider im Moment immer noch eine recht traditionelle Impfstofftechnik bei der Influenza, und davon müssen wir weg."

So verheerend wie die Spanische Grippe wäre heute eine Pandemie mit einem neuen Influenzavirus vermutlich nicht - aber auch sie würde viele Menschenleben kosten.

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