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StartseiteKalenderblattMario Benedetti - ein kämpferischer Humanist 14.09.2020

Vor 100 Jahren geborenMario Benedetti - ein kämpferischer Humanist

Mit seinen "Büro-Gedichten", zarter Liebeslyrik und engagierter politischer Prosa wurde Mario Benedetti einer der populärsten Autoren Lateinamerikas. Sein zentrales Thema war die Gesellschaft der täglich Scheiternden. Am 14. September 1920 wurde er in Uruguay geboren.

Von Peter B. Schumann

Der uruguayische Schriftsteller Mario Benedetti - lächelt auf einem schwarz-weiß Foto 1996 in Montevideo in die Kamera.  (picture alliance / Eduardo Longoni )
Eine humanistische Grundhaltung durchzieht sein gesamtes Werk: Mario Benedetti (picture alliance / Eduardo Longoni )
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Berühmt geworden ist der am 14. September 1920 in dem Provinzstädtchen Paco de los Toros Geborene in den 1950er- und 60er- Jahren durch poetische Momentaufnahmen wie seine "Montevideanos". Mit diesen "Büro-Gedichten" von 1956 entlarvte er eine Welt des Konformismus und der Resignation, in der - wie er schrieb - "die Hoffnung in einem Fingerhut Platz fand" und "das Leben verrinnt, einfach vertröpfelt wie ranziges Öl". Damals, so Benedetti, "erfüllte mich die bürokratische Lebensart, die in Uruguay herrschte, mit großer Sorge. Ich habe halb im Ernst, halb im Scherz gesagt, dass Uruguay das einzige Büro auf der Welt sei, das die Dimension einer Republik erreichte. Und ich habe wirklich viele ganz sensible, intelligente, kreative Leute getroffen, die sich in graue, mediokre Erscheinungen verwandelten und ihren Antrieb verloren, sobald sie sich mit der Bürokratie einließen." 

Engagierter Bürger wird zum politischen Kämpfer

Das war sein zentrales Thema: die Gesellschaft der täglich Scheiternden, der Angepassten und das System der Entfremdung, das diese einstige "Schweiz Lateinamerikas", diese mustergültige Demokratie, zu einer Bürokratie verkommen ließ. "Die Gnadenfrist" hieß 1960 der herausragende Roman dieser frühen Jahre, der mit mehr als 100 Auflagen sein erfolgreichster wurde. Später - unter dem Eindruck der kubanischen Revolution und der politischen Entwicklung auf dem Subkontinent gab er seinem Werk eine allgemeingültigere, lateinamerikanische Dimension. Als dann die Militärs 1973 Uruguay in ihre Gewalt brachten, da wurde der engagierte Bürger zum politischen Kämpfer. Aber Partei-Literatur ist dabei nicht entstanden. Denn, so Benedetti:

"Priorität hat die Literatur, egal, ob ein Gedicht, ein Roman, ein Band mit Erzählungen wichtige politische Themen aufgreift. Wenn sie in eine stumpfsinnige Verpackung gehüllt werden, dann schadet das der politischen Aussage. Das heißt aber nicht, dass ich keine politischen Dinge in meiner Literatur behandle.

Sie ist auf eine zurückhaltende Weise sogar voll davon. Die Welt des Mario Benedetti der 1970er und 80er-Jahre - der Zeit des Exils - ist düster. Terror überall, Angst lässt wenig Raum für andere Gefühle. Jetzt sind es die Aufrechten, die im Mittelpunkt stehen, jene, die aufbegehren und dabei in ein neues Räderwerk geraten, das nicht so teuflisch fein und lebenslang mahlt wie das bürokratische, sondern auf grauenvolle Weise Leben löscht. Doch gerade die Erfahrung des Abgrunds mobilisierte seinen kämpferischen Geist. "Frühling im Schatten" hieß 1982 bezeichnenderweise der wichtigste Roman dieser Jahre.

Ein Schriftsteller verweigert sich dem Zeitgeist

Die Literaturkritik zog diesem Benedetti allerdings meist einen anderen Uruguayer vor: Juan Carlos Onetti mit seinen abgründigen, zutiefst pessimistischen Romanen. Beide gehören zu jener Generation von Schriftstellern, die in den 1940er- und 50er-Jahren die moderne Literatur Lateinamerikas begründeten. Onetti war avantgardistischer in der Darstellung seines Katastrophen-Szenariums. Benedetti war dagegen engagierter, politischer und sah stets Licht am Ende des Tunnels. Er verweigerte sich dem Zeitgeist, war auf bewegende Weise altmodisch, blieb sich und seinen Überzeugungen treu: dieser humanistischen Grundhaltung, die sein gesamtes Werk durchzieht.


Letztes Geleit für Mario Benedetti -  ein Staatsbegräbnis: Hunderte säumten den Trauerzug am 19, Mai 2009  durch  Montevideo. Der uruguayische Schriftstelle starb im Alter von 88 Jahren. (Ivan Franco / EPA)Ein Staatsbegräbnis für den Dichter: Trauerzug für Mario Benedetti (Ivan Franco / EPA)

Mario Benedetti war ein Meister der kurzen Form. Mit zahlreichen ‚Chroniken’ über kulturelle und politische Ereignisse hat er sich zu Wort gemeldet und vor allem mit Gedichten seine zahllosen Leser beglückt.. "Das kleine Uruguay taugt einfach nicht für große Formen.", hat er dazu einmal gesagt. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, Romane zu schreiben und auch damit zu einem der populärsten Autoren der spanischsprachigen Literatur zu werden. Zu verdanken hat er dies erstaunlich vielen jungen Lesern. Vor zwanzig Jahren bekannte er:

"Ich finde es sehr anregend, dass das Publikum zu zwei Dritteln aus Jugendlichen besteht. Es freut einen Achtzigjährigen ungemein, dass er noch in der Lage ist, mit 18-Jährigen zu kommunizieren. Es kommt mir wie ein Wunder vor. Manche glauben, dass dieser Erfolg an der Klarheit meiner Sprache liegt. Kann sein, denn ich war stets besessen davon, mich klar auszudrücken, von Anfang an."

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