Samstag, 14.12.2019
 
Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteKalenderblattViel Lärm um Munch 05.11.2017

Vor 125 JahrenViel Lärm um Munch

Der junge norwegische Maler Edvard Munch hatte noch keine Käufer für seine Bilder, als ihn der Verein Berliner Künstler zu einer großen Einzelausstellung einlud. Am 5. November 1892 wurde sie eröffnet - und geriet zum handfesten Skandal.

Von Carmela Thiele

Eine Besucherin des Munch Museums in Oslo betrachtet das "Der Schrei" des Malers Edvard Munch.  (picture-alliance/ dpa / epa Scanpix Stian Lysberg Solum)
Eine Besucherin des Munch Museums in Oslo betrachtet das Gemälde "Der Schrei" des Malers Edvard Munch. Heute kein so schockierendes Erlebnis wie 1892 in Berlin. (picture-alliance/ dpa / epa Scanpix Stian Lysberg Solum)
Mehr zum Thema

Edvard Munchs "Der Schrei" Inspiration aus den Wolken

Munch-Ausstellung in New York Der Meister und die Expressionisten

Alten Nationalgalerie in Berlin Zeitenwenden in der Kunst der Moderne

Edvard Munch "Ein großer Titan"

Abstrakte Malerei Faszinierende Dämmerlandschaften

Kunst Malerei am Abgrund

150. Geburtstag "Ein ziemlich charmanter Stinkstiefel"

Skandale kommen meist unerwartet. Nach vielen Gruppenausstellungen lud der "Verein Berliner Künstler" 1892 einen jungen Maler namens Edvard Munch aus Kristiania, dem damaligen Oslo, zu einer Einzelausstellung ein. Zweifel an der Qualität seiner Bilder hegte man nicht, denn die Empfehlung kam von Eilert Adelsteen Normann, einem hoch angesehenen Vereinsmitglied, der mit seinen realistischen Fjordlandschaften in Deutschland großen Erfolg hatte. Munch hingegen hatte früh einen experimentellen, modernen Stil entwickelt. Beim konservativen Flügel des Vereins lösten seine Werke einen Schock aus. Der Bildhauer Max Kruse über die Ereignisse vom 5. November 1892:

"Wir hatten Edvard Munch zu einer Ausstellung eingeladen. Aber von dem Ausbruch der Entrüstung, ja Wut, bei den alten Herren hatten wir uns keine Vorstellung gemacht."

Ausstellung muss nach wenigen Tagen abgebaut werden 

Kaum gesehen, stürzten sie in den Versammlungssaal zurück, und Anton von Werner erklärte die Ausstellung als einen Hohn für die Kunst, als Schweinerei und Gemeinheit, für geschlossen. Es stand nicht in von Werners Macht, die Ausstellung sofort nach Eröffnung wieder zu schließen, obwohl der mit Staatsaufträgen überhäufte Akademiedirektor einflussreich war. In der eilig einberufenen Generalversammlung setzte er sich jedoch durch, die Ausstellung von Edvard Munch wurde nach wenigen Tagen abgebaut. Die hitzige Auseinandersetzung führte allerdings zur Spaltung des Vereins. Unmittelbar nach der Abstimmung verließen um die 80 Mitglieder den Saal und gründeten am selben Abend eine Secession, die "Freie Vereinigung Berliner Künstler". - Was die konservativen Malerkollegen erbost hatte, waren weniger Munchs Motive, wie etwa "Das kranke Kind", als seine Malweise, so der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede:


"Wieder und wieder hat Munch das pastige, dickflüssige Material abgeschabt und neues aufgetragen. Die Schichtungen verunklären die Farbe . So ist das Weiß des Kissens hier auf die darunterliegende Farbe aufgetragen, dort farbig übermalt, in jedem Fall nur als ein gebrochenes vorhanden.  Das Bild ist also voller Farbe, aber die Brechungen verleihen ihm einen grauen Schleier."

"Du malst wie ein Schwein, Edvard."

Munch übermalte seine Bilder nicht aus experimentellem Kalkül mehrfach, sondern um zurück zum ersten Eindruck seiner Empfindung zu gelangen. Es entstanden atmosphärische Bildräume, durchzogen von Strichen, die der Künstler mit dem Pinselende in die Farbschichten zeichnete und die wie Verletzungen der Leinwand wirkten. Schon in Oslo hatte ein Kritiker Munchs Bilder als "Fischbrei mit Hummersoße" bezeichnet, ein Malerkollege war noch drastischer geworden: "Du malst wie ein Schwein, Edvard. So kann man Hände nicht malen. Sie sehen aus wie Vorschlaghämmer.

"Der Schrei" von Edvard Munch, 1893. (imago / United Archives International)"Der Schrei" von Edvard Munch, 1893. (imago / United Archives International)

Der Künstler, der in Oslo empfindlich auf Kritik reagiert hatte, schrieb nach dem Berliner Skandal nach Hause, er würde diesen ganzen Lärm um die geschlossene Ausstellung äußerst amüsant finden. Zahllose Zeitungsartikel waren erschienen, Kunsthändler kontaktierten ihn, seine Bilder wurden in Düsseldorf und Köln gezeigt. Er war mit einem Mal ein bekannter Künstler, verkauft hatte er jedoch so gut wie nichts. Dennoch blieb er in Berlin, mietete ein Atelier, begann mit Druckgrafik zu experimentieren, arbeitete an seinem Lebensfries, schuf seine wichtigsten Werke: die bekannte "Kuss"-Version, die "Madonna" und – "Der Schrei". Das berühmte Bild zeigt eine Figur vor dramatischem Abendhimmel auf einer Brücke. Edvard Munch:

"Die Zeit der Bohème kam mit ihrer freien Liebe – Gott und alles stürzte zusammen – alle rasten in einem wilden wahnsinnigen Tanz des Lebens."

Undatierte Aufnahme des norwegischen Malers und Grafikers Edvard Munch (1863-1944). (NTB / AFP)Undatierte Aufnahme des norwegischen Malers und Grafikers Edvard Munch (1863-1944). (NTB / AFP)

Rund 20 Jahre sollte Munch in Deutschland bleiben. Nach dem Skandal wurde er zeitweilig Teil der Bohème, die sich im Berliner Weinlokal "Das Schwarze Ferkel" traf, ein Kreis von Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern, zu dem auch derschwedische Dramatiker August Strindberg gestoßen war. Ein Problem für Munch blieb das Geld. Doch unterstützten ihn einige Sammler wie der Lübecker Arzt Max Linde, auch der Industrielle Walther Rathenau und der Schriftsteller Harry Graf Kessler ließen sich von ihm malen. Heute gilt Munch nicht nur als Wegbereiter des Expressionismus, sondern als Künstler, dessen um Einsamkeit, Leben und Tod kreisendes Werk die Menschen immer noch bewegt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk